Neuauflage von „Kär, Kär, Kär“ Kalla Wefel: „Wir Osnabrücker sind eigentlich Westfalen“

Von Anne Reinert

„Kär, Kär, Kär“: Kalla Wefel hat die Osnabrücker Sprache untersucht. Foto: Manfred Pollert„Kär, Kär, Kär“: Kalla Wefel hat die Osnabrücker Sprache untersucht. Foto: Manfred Pollert

Osnabrück. Kalla Wefel bringt Donnerstag eine Neuauflage des Osnabrücker Wörterbuchs „Kär, Kär, Kär“ heraus. Im Interview erklärt er, was typisch für Osnabrückisch ist.

Fangen wir mal mit einem Sprachtest an. War Kalla Wefel jemals ein Frikadellentechniker (Fußballer, der brotlose Kunst abliefert)?

Nein. Ich konnte wirklich Fußball spielen. Ich habe das sogar einst als Hauptfach an der Sporthochschule in Hamburg studiert.

Dann war die Frage wohl ein Eigentor. Und ein Filluh?

Ein verschrobener Typ? Klar, das bin ich natürlich schon.

Und nieschirich?

Neugierig. Absolut. Google wurde meinetwegen erfunden. In echt.

Was ist Ihr Lieblingswort auf Osnabrückisch?

Ganz entzückend finde ich Sonneküken (Marienkäfer). Bis vor 25 Jahren wusste ich gar nicht, dass die anders heißen. Kein Witz. (lacht) Da habe ich mit meiner damaligen Freundin, einer Psychologin, zwischen Hamburg und Lübeck auf dem Land gelebt und zu ihr gesagt: „Ach, guck mal, ein Sonneküken.“ Die hat mich angeguckt, als wäre ich ab sofort einer ihrer Patienten. Schmöttke ist auch ein tolles Wort. Das klingt nach dem, was es ist: Schlamm.

Von Schmöttke gibt es noch eine Steigerung: Söttke.

Richtig, das ist der substantivierte Superlativ von Schmöttke. Der Unterschied ist: Schmöttke bleibt an den Fingern kleben und Söttke fließt einfach durch die Finger, weil Söttke flüssige Schmöttke ist. Auf Söttke bin ich durch Harald Wehmeier gekommen, dem Autor von „Frühstück bei Stefanie“. Ich hatte ihn gebeten, mir zu schreiben, ob ihm noch Wörter einfallen, weil er ja aus dem Schinkel kommt. Er hat mir geschrieben: „Gängiger Spruch: In so ‚ner Söttke kann doch kein Mensch Fußball spielen“.

Nicht nur Harald Weihmeier war eine Quelle ...

Ich habe ganz viele Osnabrücker interviewt: Freunde, Bekannte, Nennonkels. Und noch viele mehr.

Etwa eine Frauengruppe aus Eversburg.

Die waren herrlich. Die eine rief an und fragte: „Wollen Sie nich mal rumkommen? Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen.“ Freundinnen, die mittlerweile über ganz Deutschland verteilt sind. Wir haben zusammen gefrühstückt und dann musste ich nur noch mitschreiben. Dort habe ich auch den Begriff „Eikmeier“ für einen Schlagstock kennengelernt. Da hieß es: „Und unsor Omma hatte immär ‚nen Eikmeier nebe‘m Bett liegen, wegen Einbrechern und so.“ Vom diesem Krisenstab gibt es sogar ein Foto im Buch. Ich habe darunter geschrieben: „Der wohl letzte Eikmeier seiner Gattung.“

Kannten Sie alle Wörter schon vorher?

Nein, woher? Wer will überhaupt bestimmen, ob etwas Osnabrückisch ist oder nicht? Den Eikmeier hat es eventuell nur in Eversburg und den Kuddel nur in der Dodesheide gegeben. Da kann aber niemand kommen und sagen: „Dies oder das gibt es nicht.“ Gibt es eben doch.

Könnte man also Wörterbücher für alle Stadtteile machen?

Dafür ist Osnabrück etwas zu klein. Ich möchte allerdings ab jetzt alle zwei, drei Jahre ein neues Wörterbuch herausgeben und den Wortschatz erweitern und ständig verbessern. Auch die Geschichten drumherum, also „drumzu“ würde der Osnabrücker sagen, die in diesem Fall von Heiko Schulz, Karen Marin und mir stammen, werden dann ausgetauscht durch neue. Man muss ja eigentlich nur zum Bäcker gehen und hören, wie die Leute reden. Vor allem ältere. Die jungen Leute reden nicht mehr so viel Osnabrückisch. Aber die reden ja eh nicht mehr miteinander, sondern kommunizieren eher übers Handy.

Ist Osnabrückisch also vom Aussterben bedroht?

Das Buch steuert dem vielleicht etwas entgegen.

Gibt es auch fremdsprachige Einflüsse?

Es gibt einige vermaledeite Begriffe französischen Ursprungs und natürlich aus dem Ruhrpott.

Wie bitte?

Klar. Wir Osnabrücker sind eigentlich Westfalen, auch wenn das einige nicht gern hören. Keiner will hier Westfale sein, aber auf den Westfälischen Frieden will niemand verzichten. Ich bin dagegen der Meinung: „Osnabrück ist die größte westfälische Stadt in Niedersachsen.“ So ähnlich habe ich das auch im Vorwort zu „Kär, Kär, Kär“ geschrieben.

Was ist typisch für Osnabrückisch?

Dieses ä wie in „Kär, Kär, Kär“. Wir machen aus „er“ immer „ä“. Bei uns heißt es außerdem nicht Kirche, sondern Kiärche. Es klingt im Osnabrückischen immer das Betuliche und das Sture mit. Man hat das Gefühl, es mit leicht Bekloppten zu tun zu haben, die total falsches Deutsch sprechen. Wo sagt man denn sonst: „Komm mal bei die Oma bei?“ Stöcker finde ich auch toll. Das ist weltklasse, das Wort. Bis vor wenigen Jahren wusste ich gar nicht, dass es korrekt Stöcke heißt. Dabei habe ich Germanistik studiert.

Wer ist eigentlich Ina Krome?

Die gab es wirklich. Sie hat bis Ende der 60er ein Lebensmittelgeschäft im Schinkel betrieben und hin und wieder gesagt: „Wer sächt denn, datt Ossenbrügge n Doarf is? Use Vatter sächt imma: Is ‚ne Stadt. Kär, Kär, Kär ...“ Das „Kär, Kär, Kär“ hat sie vielleicht nicht in dem Moment gesagt. Aber sie hat den Ausdruck oft benutzt. Ich wollte eigentlich ein hochwissenschaftliches Vorwort bringen, mit einem Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach. Doch dann hat mir ein Freund aus dem Schinkel von Ina Krome erzählt. Und ich wusste: Das ist das passende Vorwort.

Vor fünf Jahren haben Sie die erste Ausgabe von „Kär, Kär, Kär“ mit Heiko Schulze geschrieben. Wie kam es zu der Überarbeitung?

Das war ziemlich dahingeschludert, und es waren auch falsche Ausdrücke darin. Ich habe das Buch nun in meinem eigenen Verlag, dem „Verlag Internationaler Heimatabend“ veröffentlicht. Dort ist auch schon das Buch „Mein Vau-Eff-Ell“ erschienen. Es sollte ein richtiges Schmuckstück werden, deshalb auch die tollen Fotos von Manfred Pollert. Der Inhalt hat sich vervierfacht und die ganze Aufmachung ist nun wirklich professionell. Es ist ein rundum schönes Buch geworden.

Erwarten Sie, dass die Neuauflage sich genauso gut verkauft wie das erste Buch? Damals war die erste Auflage innerhalb eines Tages weg.

Ja, sicher. Es wurden schon weit über 2000 Bücher geordert. Ich sage immer: Das erste Möchtegernwörterbuch war in Osnabrück das meistverkaufte Buch nach der Bibel und „Mein Kampf“.


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