Lernziel: Nichts tun Kinder der Anne-Frank-Schule Osnabrück entern die Chill Out Zone

Endlich mal für sich war dieser Junge beim Chill-Out-Projekt. Dafür brauchte er nur eine Luftpolsterfolie, die er als Vorhang benutzte. Foto: David EbenerEndlich mal für sich war dieser Junge beim Chill-Out-Projekt. Dafür brauchte er nur eine Luftpolsterfolie, die er als Vorhang benutzte. Foto: David Ebener

Osnabrück. Nicht Mathe, Deutsch oder Englisch standen am Montag und Dienstag auf dem Stundenplan von 16 Schülern der Anne-Frank-Schule, sondern rumliegen, dösen und kuscheln. Im „Paletot Mode-Loft“ von Annette E. Schneider bauten sich die Kinder gemütliche Plätze und Buden, um mal runterzukommen. Die Ergebnisse seien überraschend und äußert positiv gewesen, sagt Klassenlehrerin Brunhilde Sandmann.

„Chillen bedeutet ausruhen oder entspannen“, erklärt der elfjährige Dennis das englische Wort. Durch das zweitägige Projekt, das von Annette E. Schneider konzipiert wurde, haben er und seine Klassenkameraden nicht nur die Übersetzung einer ihnen bereits wohlbekannten Vokabel gelernt, sondern auch, was es wirklich bedeutet, mal die Seele baumeln zu lassen und nichts zu tun.

Im Loft der Mode-Designerin hatten die Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 15 Jahren freie Hand. Annette E. Schneider legte Materialien wie Kissen, Papier, Stoffreste und Stifte bereit. Daraus bauten sich die Schüler Buden oder Nester. Reinhard (11) benutzte eine Luftpolsterfolie wie einen Vorhang. Der schützte ihn einerseits vor den Sonnenstrahlen und andererseits vor Einflüssen von außen. Dahinter sei er für sich, sagte er.

Dennis und Gino (11) bastelten aus Packpapier eine Art Tür, um lästige Störer aus ihrer Bude fernzuhalten. So konnten sie sich in Ruhe unterhalten, „ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen oder eben „chillen“.

Eigentlich war die Aktion „Chill Out Zone“ bereits für die Jugend-Kultur-Tage im Mai und Juni geplant gewesen. „Wir haben aber keine Gruppe gefunden“, sagte Anna Michel vom Verein Fokus. Gut Ding will eben manchmal Weile haben. Die Schüler der Anne-Frank-Schule entpuppten sich nun als sehr geeignet für das Projekt.

Klassenlehrerin Brunhilde Sandmann zog anschließend ein durchweg positives Fazit. Zwar hätten sich die Schüler am Anfang noch etwas schwer damit getan, buchstäblich „nichts“ zu tun. Aber nach und nach hätten sie sich in der „Chill Out Zone“ eingelebt, sich gegenseitig umsorgt, seien zur Ruhe gekommen und hätten gelernt, mal runterzufahren. „Wir werden die ,Chill Zone‘ nun in unserer Schule konsequenter einsetzen“, so Sandmann.

Viele der Kinder hätten Defizite im motorischen und im Wahrnehmungs-Bereich, berichtete sie. Bei einigen seien ADS, ADHS oder das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) diagnostiziert worden, bei dem das Zentrale Nervensystem geschädigt wird. Da manche Kinder mit Ritalin behandelt würden, hätten sie Probleme beim Einschlafen. Durch das Chillen im Mode-Loft hätten sie aber entspannen und zwei Ritalin-Kinder sogar schlafen können. „Das Projekt war Gold wert“, sagte die begeisterte Lehrerin.

Dementsprechend war die Enttäuschung bei den Kindern groß, als Annette E. Schneider ihnen sagte, dass die Zeit nun leider vorbei sei. Die Kinder quittierten das mit einem lang gezogenen, traurigen „Oooooo“. Die Enttäuschung der Kinder zeigte der Mode-Designerin aber, dass sie mit ihrer Idee richtig gelegen hat. Bei den Jugend-Kultur-Tagen habe sie Workshops angeboten, bei denen immer viel produziert worden sei, sagte sie. Als sie die Rückmeldung bekam, dass dies manchen Teilnehmern zu viel gewesen sei, sei die Idee entstanden, einmal genau das Gegenteil zu machen – und zwar ohne Zwang oder Vorgaben.

Gefördert wurde das Projekt mit 700 Euro vom Verein Osnabrücke. Die Initiative der Wirtschaftsjunioren Osnabrück unterstützt vornehmlich Projekte mit hilfsbedürftigen Kindern und Jugendlichen.

Die Idee hatte die Osnabrücker Designerin Annette E. Schneider. Foto: David Ebener


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