Konzert im Piesberger Gesellschaftshaus Nostalgie und fein verdrehter Humor mit Quadro Nuevo

Von Ralf Döring

Wissen, wie man mit Musik Geschichten erzählt: Quadro Nuevo im Piesberger Gesellschaftshaus. Foto: Gert WestdörpWissen, wie man mit Musik Geschichten erzählt: Quadro Nuevo im Piesberger Gesellschaftshaus. Foto: Gert Westdörp

Geschichten erzählen mit Musik: Das kann die Band Quadro Nuevo. Am Donnerstag hat sie wieder einmal im Piesberger Gesellschaftshaus gastiert.

Wie orientalisch Eric Saties Musik anmutet. Und Kairo liegt gleich neben einem Wiener Kaffeehaus? Ikarus ist ein weltferner Träumer und Paprika löst pure Ekstase aus – all das lernt man beim Konzert von Quadro Nuevo im Piesberger Gesellschafthaus. Vor allem aber erlebt das Publikum, wie sanft sich Gegensätze aufheben lassen – und wie der Alltag in weite Ferne rückt. Weiterlesen: Quadro Nuevo vor zwei Jahren in Osnabrück

Konzert oder Fest für Freunde?

Die vier Musiker stehen schon vor dem Konzert am CD-Stand und mischen sich mit einer Selbstverständlichkeit unter die Leute, als wäre der Abend ein Fest für Familie und Freunde. Dann treten sie auf die Bühne, beginnen mit einem Chanson von Charles Trenet über gestohlene Küsse. Und da ist jene nostalgische, wehmütige Atmosphäre, mit der Quadro Nuevo seine Zuhörer so locker in eine andere Welt hinübergleiten lässt. Vibrandoneon – eine Kreuzung aus Mundharmonika, Melodika und Akkordeon –, Harfe und Kontrabass erzeugen den melanscholischen Klang, und das Daumenklavier namens Sansula rundet diesen Beginn mit einem Hauch Exotik und einer Nuance an liebenswerter Versponnenheit ab. Weiterlesen: Mulo Francel im Interview - vor 12 Jahren

Mit dem Tango als Gravitationszentrum erkundet Quadro Nuevo nun seit zwei Jahrzehnten die Welt und die Musik: Die bayerische Band spielt französische Chansons und italienische Canzoni, Balkanrhythmen und Orientmelodien. Dabei geht es nicht um ethnologische Belegbarkeit; die vier sind keine Wissenschaftler, sondern Musiker, und als solche erschaffen sie ihre eigenen Welten. Sie spielen eine „imaginäre Volksmusik“, sagt Saxofonist Mulo Francel und meint Musik von „Völkern, die es noch gar nicht gibt“. Ja, die vier pflegen auch einen verdrehten Humor in bester bayerischer Tradition. Gleichzeitig weht ein Hauch Tristesse durch die Musik, und so liebevoll verschwurbelt Akkordeonist Andreas Hinterseher herleitet, warum er „Café Cairo“ Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar gewidmet hat – dieses Café atmet im melancholischen Walzertakt. Wie die schön nostalgische Canzone, die sie dem Maler Tiepolo widmen. Weiterlesen: Die Tragische Seite von Quadro Nuevo

So erzählen sie von echtem Tango und adaptierten Arabesken, vom Träumer Ikarus und vom „Maulhelden“ Jason, von Fliegenden Teppichen. Geschichten voller Fantasie sind das, und doch im Moment des Erzählens so echt wie der Tourbus, der vor der Tür des Gesellschaftshauses steht und aussieht, als hätte er schon viele, viele Kilometer im Dienste von Quadro Nuevo absolviert.

Tatsächlich transportiert er begnadete Musiker: D.D. Lowka, der die Basis legt, wahlweise mit Kontrabass oder mit der arabischen Trommel Darbouka, in jedem Fall aber satt groovend. Evelyn Huber baut mit der Harfe ein rhythmisch-harmonisches Gerüst, bringt aber ihrem Instrument auch die Jazzimprovisation bei und lässt die Musik rauschen und gelegentlich explodieren. Andreas Hinterseher ist ein Virtuose an Bandoneon, Akkordeon und eben dem Vibrandoneon, und Mulo Francel ist ein begnadeter Musiker, der das Tenorsaxofon mal kurz aufschreien und oft sanft flüstern lässt. Er spielt wunderbar zärtlich Klarinette, und in „Paprika“ geht er, eingebettet in einen heißen Balkan-Klezmer-Mix, mit Hinterseher einen unglaublichen, irrwitzigen und atemlosen Wettstreit ein. Denn in einer guten Geschichte muss man auch mal über mutige Helden staunen können. Das macht den poetischen Zauber von Quadro Nuevo komplett.