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Osnabrücker Kult-Kneipe Die Kastanie im Grünen Jäger ist Geschichte


Osnabrück. An ihrem letzten Tag avancierte sie noch einmal zum wohl meistfotografierten Baum der Stadt: Die Kastanie im Wintergarten der Osnabrücker Kult-Kneipe „Grüner Jäger“ist seit Montag Geschichte.

Eine Fachfirma fällte die mehr als 100 Jahre alte Kastanie, weil Krankheiten und Schädlinge an ihrer Standfestigkeit nagten. Viele Osnabrücker blieben einen Moment stehen und schossen letzte Erinnerungsfotos von der teils spektakulären Fällaktion.

Das Ende des Baumes kam pünktlich um 9 Uhr in Form der Firma „Grüner Zweig“. Jäger-Wirt Pascal Rupp hatte die Tecklenburger Baumspezialisten mit den Fällarbeiten des Baumes beauftragt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Kastanie nicht mehr zu retten war. Dass etwas mit dem Baum nicht stimmte, sei ihm schon seit einiger Zeit bewusst gewesen, sagte Rupp am Montag im Gespräch mit unserer Redaktion. Als vor Kurzem ein Gast mit der Vermutung auf ihn zukam, der Baum sei ernsthaft in Gefahr, wurde auch dem Wirt klar, dass etwas passieren musste.

Baum leidet an Komplexerkrankung

Einige Expertenmeinungen später stand fest: Die Kastanie war so krank, dass sie gefällt werden musste. Schuld am Zustand des Baumes waren mehrere Faktoren, wie Oliver Tiedemann am Rande der Fällaktion erläuterte. „Die Kastanie leidet an einer Komplexerkrankung, die die Fällung alternativlos macht. Irgendwann ist der Baum so geschwächt, dass die Verkehrsicherheit nicht mehr gegeben ist“, sagte der Geschäftsführer der Firma „Grüner Zweig“. Zu schaffen machte dem Baum in erster Linie die Miniermotte, die mittlerweile praktisch alle Kastanien in Mitteleuropa befallen hat. Fatal für den Baum war der Hunger des kleinen Parasiten. Dessen Raupen fressen sich durch das Gewebe der Blätter und trennen es letztlich von der Wasserversorgung. Die Folge: Der Baum trägt weniger Blätter, kann daher weniger Fotosynthese betreiben und wird zusehends schwächer. Doch das war nicht das einzige Problem der Jäger-Kastanie, wie Tiedemann berichtete: Ein mit dem Wind aus England eingeflogenes Bakterium sorgte dafür, dass die äußere Schicht der Baumrinde aufplatzte und im wahrsten Sinne des Wortes Tür und Tor für Pilze und Schädlinge öffnete.

Abschied nach Feierabend

Ein bisschen wehmütig stand Pascal Rupp am Montagvormittag im Biergarten seiner Kneipe. „Am Morgen war noch so viel zu organisieren, dass ich mir gar keine großen Gedanken machen konnte. Aber zu sehen, wie der Baum jetzt gefällt wird, ist schon traurig.“ Abschied genommen habe er aber schon am vergangenen Wochenende. Als Freitag- und Samstagnacht alle Gäste weg waren, habe er sich ein wenig Zeit genommen und sich von „seiner“ Kastanie verabschiedet. „Ich habe als Fünfjähriger hier Kastanien gesammelt und sie zum Zoo gebracht. Unter dem Blätterdach zu sitzen, war schon etwas Besonderes. Aber es zeigt auch, dass in gewisser Weise alles vergänglich ist“, sagte Rupp, während über ihm die Motorsäge heulte.

Kleinholz aus Kastanie gemacht

Deutlich abgeklärter blickte Oliver Tiedemann auf die Arbeit seiner Mitarbeiter. „Für uns ist das im Grunde kein spektakulärer Auftrag, wir gehen das alles ruhig und besonnen an. Gleichzeitig wissen wir schon, dass der Baum eine besondere Bedeutung hat.“ Mit einem Hubsteiger begab sich ein Baumpfleger in luftige Höhen und schnitt mit einer Motorsäge erst die Baumkrone und dann den Stamm Stück für Stück ab. Ein Autokran zog die Baumteile über das Dach des Jägers auf den Platz vor der Katharinenkirche, wo zwei weitere Mitarbeiter des Tecklenburger Unternehmens Kleinholz aus der Kastanie machten.

Baum wiegt rund zehn Tonnen

Am Mittag blieb von der rund zehn Tonnen schweren Kastanie, deren Alter Tiedemann auf rund 100 Jahre schätzte, nur noch der Stumpf übrig. Eine Altersbestimmung anhand der Jahresringe gestaltete sich aufgrund des Pilzbefalls leider schwierig. Mit einer Fräse gingen die Baumexperten schließlich dem Wurzelwerk des Baumes an den Kragen. Noch in dieser Woche soll es im Jäger-Biergarten wieder so aussehen, als wäre nichts gewesen, so Rupps Plan.

Zu den zahlreichen Schaulustigen, die sich rund um den Jäger versammelten, gehörte auch Peter Berning. Der Schuhmacher hat seine Schusterei in der unmittelbaren Nachbarschaft der Kneipe und ist nach eigenen Angaben mit dem Baum groß geworden. „Ich bin hier aufgewachsen. Nach so vielen Jahren hängt man schon irgendwie dran, weil auch viele Erinnerungen mit dem Baum verbunden sind.“

Bald Erinnerungen im Jäger?

Ganz verschwinden wird die Kastanie übrigens womöglich nicht. Oliver Tiedemann jedenfalls will zwei Scheiben aus dem Baumstamm aufarbeiten lassen. „Vielleicht gibt es eine Verwendung dafür im Jäger.“ Auch Pascal Rupp würde sich über eine Erinnerung an den Schattenspender freuen. Helfen könnte dabei Franz Greife: Der Osnabrücker Holzbildhauer hat bereits aus einer gefällten Kastanie im Schlossgarten Kunstwerke gefertigt. „Mal schauen, was vom Baum übrig bleibt und welche Möglichkeiten das Holz für den Künstler bietet“, sagte Rupp.

Abgesehen von der Verarbeitung zu Erinnerungsstücken blüht der Kastanie kein romantisches Ende: Laut Tiedemann werde das Holz gehäckselt und „thermisch verarbeitet“. Viel mehr könne man allerdings auch nicht machen aus dem Baum: „Unsere Erfahrung zeigt, dass Bäume in diesem Alter gespickt sind mit Schrapnellsplittern aus dem Zweiten Weltkrieg.“


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