Lieder fürs Poesiealbum Wincent Weiss: Umjubelter Tourauftakt im Rosenhof



OSNABRÜCK. Mit einem professionellen Auftritt und authentischem Charme bezauberte Wincent Weiss im restlos ausverkauften Rosenhof sein überwiegend junges und weibliches Publikum.

So lieferte der 24-jährige Teenieschwarm aus Eutin den leibhaftigen Beweis dafür, dass auch oder gerade nicht siegreiche Kandidaten des TV-Casting-Formats „Deutschland sucht den Superstar“ zumindest „einfache“ Stars werden können. Den Durchbruch hat er dem Internet-Videoportal You Tube zu verdanken, wo seine Akustik-Version des Elif-Songs „Unter meiner Haut“ ein viraler Hit wurde. Als dieser im Rosenhof mit vierköpfiger Band verstärkt gespielt wird, geht das vor allem unter die Haut seiner Fans. Denn plötzlich steht Wincent Weiss nicht mehr auf der Bühne, sondern „mittendrin“ im kreischenden Publikum – so wie es der Titel des Openers versprach, in dem es heißt: „Wenn alle Stricke reißen, halten wir uns an uns fest“. Es sind solche gestelzten Zeilen aus dem Satzbaukasten des neuen deutschen Gefühlspops, die im hochtönigen Chor so textsicher und lauthals mitgesungen werden, dass der Vorsänger seine Stimme eigentlich gar nicht hätte erheben müssen – und die problemlos in jedes Poesiealbum passen.

Durchaus abwechslungsreich

Damit ist das Zeitgeist-Phänomen aber nur halb erklärt. Hinzu kommen die radiotauglichen Standardmelodien, in die solche massenkompatiblen Merksätze gegossen werden. Wie austauschbar sie sind, belegt ein Medley aus Hits von Silbermond, Mark Forster oder Max Giesinger. Sie spülten sich nahtlos ein in das seichte Fahrwasser des aktuellen Deutschpop-Einerlei, in dem eben auch Wincent Weiss mitmischt. Live gestaltet er das allerdings durchaus abwechslungsreich. Sehr schön nur mit Cello und Klavier begleitet, lässt er etwa seinen „Regenbogen“ erstrahlen, für den Gitarrist Benni Freibott am Piano den Schlussakkord nicht nur spielen, sondern auch singen darf. Dem „Gegenteil von Traurigkeit“ mit seinem passend fröhlichen Rhythmus setzt er später das ausnahmsweise düstere „Betonherz“ entgegen. Und zu „Weck mich nicht auf“, einer ehrlichen Hymne auf die Realitätsverweigerung, reizt er seine ganz real kraftvolle Stimme mehr aus denn je.

Vorgeschmack auf Akustik-Tour

Der Aufforderung „Zieh dein Shirt aus“ mochte Wincent Weiss nicht nachkommen. Nabelschau betrieb er indes auch angezogen genug. Dass der Traum-Schwiegersohn und erklärte Familienmensch dabei den traurigen Trennungs-Song „Herzlos“ und das seiner mittlerweile großen kleinen Schwester gewidmete „Nur ein Herzschlag entfernt“ mit einem Lob der Familie verknüpft, werden die vielen mitgebrachten Elternteile gerne vernommen haben. Ein Akustik-Intermezzo, das in Singer/Songwriter-Manier ausgerechnet mit dem Phillip Poisel-Cover „Wie soll ein Mensch das ertragen“ begann, lieferte einen kleinen Vorgeschmack auf die nächste Tour. Die wird Wincent Weiss bereits im Februar in der Osnabrück-Halle starten – bestuhlt und mit Streichern, wie er verriet. Dort wird dann wahrscheinlich weniger geschwitzt werden als im Rosenhof, wo nach eineinhalb Stunden der aktuelle Single-Refrain „Ich brauch frische Luft“ wohl den meisten aus der Seele sprach. Bis zum letzten Ohrwurm-„Feuerwerk“ warteten sie aber noch gern.

Mittendrin: Wincent Weiss geht im Rosenhof auf Tuchfühlung mit seinen Fans. Foto: André Havergo


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