Wo die Mitarbeiter die Kunden sind Jonathans Laden in Osnabrück feiert 15-Jähriges am Westfalentag



Osnabrück. Seit 15 Jahren gibt es Jonathans Laden in der Osnabrücker Johannisstraße. Jeder, egal ob mit großem oder kleinen Geldbeutel, kann hier stöbern, kann alte Möbel, Bücher oder Kleidung kaufen. Im Zentrum stehen die Mitarbeiter: Langzeitarbeitslose, die hier wieder eine Perspektive bekommen.

Jeder Gegenstand in Jonathans Laden hat eine Geschichte: das üppige Sofa von 1860 für 799 Euro, die lindgrüne DDR-Schreibmaschine, die schmucke Holzkommode. Alle Gegenstände wurden der Möwe gespendet – von den Besitzern selbst oder, in Todesfällen, von ihren Hinterbliebenen.

Häufig kommen die Spender im Laden vorbei, um zu sehen, ob Omas Kaffeeservice noch da ist oder schon verkauft. Und ebenso häufig wollen die Kunden die Geschichte erfahren, die hinter den Dingen steckt. Wenn sie kann, erzählt Filialleiterin Anke Osmers sie gerne.

(Weiterlesen: Trash und Tränen: Wenn die Entrümpler anrücken)

Auch jeder Mitarbeiter hat eine Geschichte

Eine Geschichte haben aber nicht nur die Waren, sondern auch jeder einzelne Mitarbeiter, und die ist selten leicht. Jonathans Laden, eine Filiale der gemeinnützigen GmbH Möwe, existiert vor allem für sie: Wohnungslose, Suchterkrankte, Menschen mit psychischem Probleme, die auf dem Arbeitsmarkt durchs Netz fallen.

Die Beschäftigung bei der Möwe, getragen vom Verein für soziale Dienste (SKM), soll ihnen helfen bei dem schwierigen Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit. Sie nehmen teil an Qualifizierungsprojekten, die vom Jobcenter gefördert werden, sortieren Waren, dekorieren, beraten Kunden, gehören dazu. SKM-Geschäftsführer Michael Strob erinnert sich an einen Vater, der nach langer Arbeitslosigkeit seiner Tochter endlich wieder sagen konnte: „Ich gehe zur Arbeit“ – und an den Stolz in seinen Augen.

Schritt in die Innenstadt

Vor 15 Jahren machte die 1983 als Möbelwerkstatt für Arbeitslose gegründete Möwe (daher der Name) den Schritt in die Innenstadt und eröffnete in dem mittlerweilen abbruchreifen Eckhaus gegenüber der Johanniskirche, um im ersten Stock eine gediegene Auswahl der Waren zu verkaufe, die es bislang nur im Sozialen Kaufhaus am Möwe-Hauptstandort am Hauswörmannsweg gab. Dann nahm die Fahrradwerkstatt im Erdgeschoss den Betrieb auf. Auf den Namen „Jonathan“ kam ein langjähriger Mitarbeiter der Möwe durch den Roman „Die Möwe Jonathan“ des amerikanischen Schriftstellers Richard Bach von 1970, in dem es im Kern um die Überwindung von Ausgrenzung geht.

2011 zog Jonathans Laden zwei Häuser weiter in die Johannisstraße 88 und vergrößerte sich von 110 auf 600 Quadratmeter Fläche. Aus Jonathans Laden wurde eine zeitlang Jonathans und Annas Laden: eine Kooperation mit dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Im vergangenen Jahr trennten sie sich wieder, die Möwe-Fahrradwerkstatt befindet sich jetzt im hinteren Teil des Ladens.

„Niemand nimmt hier jemandem etwas weg“

Die Kunden stammen aus allen Gesellschaftsschichten, manche stöbern nur, andere suchen zielgerichtet. Wer den Osnabrück-Pass besitzt, bekommt 25 Prozent Rabatt auf Kleidung. Osmers betont, dass sich niemand scheuen solle, in Jonathans Laden einzukaufen, Waren gebe es mehr wie genug. „Je mehr Leute zu uns kommen, desto besser.“

Denn die Möwe finanziert sich zu an die 80 Prozent aus dem Umsatz. „Unser eigentliche Kunde ist nicht der Mensch, der hier Waren kauft, sondern derjenige, der sonst wenige bis gar keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat“, sagt Osmers.

Doch fast immer ist ihre Tätigkeit zeitlich begrenzt. Laufen die Projekte aus und besteht für die Mitarbeiter keine Chance, einen Job im ersten Arbeitsmarkt zu finden, fließen häufig Tränen. „Sie wissen: Die alte Tristesse kommt zurück“, sagt Anke Osmers.

Die Zusammenarbeit mit Stadt und Jobcenter laufe super, sagt Möwe-Geschäftsleiter Thomas Schulke, das eigentliche Problem sei ein bundesweites. „Für Langzeitarbeitslose gibt es ja kaum noch Fördermöglichkeiten.“

Den 15. Geburtstag feiert Jonathans Laden am Westfalentag, dem 1. November. Dann gibt es in der Johannisstraße nicht nur Kleider, Spielzeug und Trödel, sondern auch ein paar Häppchen.


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