300 Jahre Freimaurerei Historiker Jochen Oltmer zu „Migration als Bewegung“

Erklärungen für das Unwahrscheinliche: Der Osnabrücker Historiker und Migrationsforscher referierte im Lortzinghaus zum Thema „Migration als unwahrscheinlicher Normalfall. Foto: Elvira PartonErklärungen für das Unwahrscheinliche: Der Osnabrücker Historiker und Migrationsforscher referierte im Lortzinghaus zum Thema „Migration als unwahrscheinlicher Normalfall. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Zum Auftakt einer Reihe von Veranstaltungen zum 300-jährigen Bestehen der Freimaurerei referierte der Osnabrücker Historiker Jochen Oltmer im Lortzinghaus zum Thema „Migration als unwahrscheinlicher Normalfall“.

In der Geschichte ist keine Zeit bekannt, in der Menschen nicht „in Bewegung“ gewesen sind, führte er zunächst aus. Dabei sind die globalen Bewegungen über Staatsgrenzen hinweg und auch ohne dauerhafte Bleibeperspektive seit 1960 bis heute auf dem gleichen Niveau geblieben. Selbst im dynamischen Europa bleiben rund 97 Prozent der Bevölkerung in dem Land, dessen Staatsbürgerschaft sie innehaben. Der Großteil der Grenzüberschreitungen führe zudem lediglich in die Nachbarstaaten der jeweiligen Weltregion, gab Oltmer zu bedenken. Das liegt auch daran, dass Bewegungen über kürzere Distanzen wahrscheinlicher sind als über lange. Denn dafür fehlen oft die rechtlichen Voraussetzungen, die persönlichen Möglichkeiten und nicht zuletzt die finanziellen Ressourcen. „Armut be- oder verhindert Migration“, betonte Oltmer.

Zwischen Öffnung und Schließung

Bewegung findet in der Regel dann statt, wenn entsprechende persönliche Unterstützer-Netzwerke in auch weiter entfernten Zielländern genutzt werden können, die zuverlässiges Wissen und vertrauenswürdige Informationen liefern. Als systematisch voneinander zu trennende Gründe, das Land zu verlassen, führte Oltmer Chancen zur Verbesserung des Lebens, Androhung oder Ausübung von Gewalt und Naturkatastrophen auf. Im Zielland erfordere Migration dann politische Aushandlungsprozesse, die je nach Disposition und Debattenverlauf mal eher in Richtung Schließung und mal eher in Richtung Öffnung tendieren.

Den „fulminanten“ Anstieg der Zuwanderung nach Deutschland vor zwei Jahren erklärte Oltmer mit verschiedenen, miteinander zusammenhängenden Prozessen und Strukturen. Zum einen trug die räumliche Nähe von Konfliktherden wie in Syrien dazu bei, dass die Gewaltmigration zunahm. Zum anderen ist infolge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2007 die „Vorfeldsicherung“ zusammengebrochen, so dass „Dublin“-Staaten Flüchtlinge „durchgewunken“ haben. Die geringere Aufnahmebereitschaft in traditionellen Aufnahmeländern hat zudem dazu geführt, dass Deutschland ein „Ersatzfluchtziel“ wurde, sagte der Migrationsforscher weiter – und lieferte damit am Ende sogar noch Erklärungsfaktoren für das Unwahrscheinliche.


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