Religiöse Vielfalt Ex-EKD-Vorsitzender Huber diskutiert mit Rats-Schülern

Von Regine Hoffmeister

Wolfgang Huber, ehemaliger EKD-Vorsitzender, nahm sich viel Zeit für die Fragen der Ratsgymnasiasten. Foto: Thomas OsterfeldWolfgang Huber, ehemaliger EKD-Vorsitzender, nahm sich viel Zeit für die Fragen der Ratsgymnasiasten. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück Anlässlich des Jubiläums „500 Jahre Reformation“ war der ehemalige EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber am Ratsgymnasium zu Gast. Acht Thesen zum Thema „Religiöse Vielfalt als Herausforderung“ stellte er vor 200 Schülern zur Diskussion.

In seinem einleitenden Vortrag spannte Huber einen weiten Bogen vom Beginn der Reformation im 16. Jahrhundert bis hin zur religiösen Pluralität der Gegenwart. „Vor hundert Jahren, zum 400-jährigen Jubiläum der Reformation, wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, religiöse Pluralität als Thema herauszupicken, um die Aktualität der Reformation deutlich zu machen“, erklärte Huber. In Deutschland herrschte weitgehend konfessionelle Homogenität, die erst durch die Wanderungs- und Fluchtbewegungen des Zweiten Weltkriegs aufgebrochen wurde. Heute sei religiöse Pluralität zu einem globalen Phänomen geworden, das auch die christlichen Kirchen vor neue Herausforderungen stelle. 

„Das Leben in religiöser Pluralität stellt an den einzelnen höhere Anforderungen, sich über die eigene Religion Klarheit zu verschaffen, zu wissen woran man glaubt und darüber auch Auskunft geben zu können“, erklärte Huber und begründete damit die Notwendigkeit des Religionsunterrichts. 

Zur friedlichen Gestaltung religiöser Pluralität gehörten der staatliche Schutz der Religionsfreiheit und eine „Praxis überzeugter Toleranz“ zwischen den Religionen. Alle religiösen Gemeinschaften müssen die an den Grund- und Menschenrechten orientierte rechtsstaatliche Demokratie überzeugt bejahen und mitgestalten, so Huber.

Überzeugte Toleranz 

Schülerin Paula Viehl moderierte die anschließende Diskussion mit den Oberstufenschülern. Sie leitete die Gesprächsrunde mit einer eigenen Frage ein, in der sie auf den Reformationsgedanken „Solus Christus – allein Christus“ zu sprechen kam: „Wenn wir davon überzeugt sind, dass der Mensch nur durch den Glauben an Christus gerecht werden kann, wie lässt sich dann Toleranz leben?“ Toleranz entstehe als Aufgabe nur dadurch, dass Menschen unvereinbare Positionen haben, antwortete Huber. „Solus Christus bedeutet, Gott bindet sich an Christus, nicht dass die Christen das Recht haben, über alle anderen Menschen zu richten.“ 

Ein weiterer Schüler schloss daran die Frage an, ob mit dem steigenden Anteil nicht religiös gebundener Menschen in Deutschland (35 Prozent) nicht auch das Toleranzproblem wegfallen würde. Huber entgegnete darauf, dass eine verordnete „Einheitsweltanschauung“ ganz ohne Religionen gerade das Gegenteil von Toleranz bewirke. „Das hatten wir schon einmal, und niemand wünscht sich das wieder.“ 

Frieden in der muslimischen Welt 

In Deutschland funktioniere die religiöse Pluralität zwischen den christlichen Konfessionen und zwischen Christen und Muslimen gut, bemerkte ein Schüler. Wie aber könne man auf die muslimische Welt einwirken, in der unterschiedliche religiöse Weltanschauungen zu Konflikten führen? Man dürfe diesen Gesellschaften nicht mit einem „überlegenen Weltretter-Anspruch“ entgegentreten, schickte Huber seiner Antwort voraus. Die christlichen Konfessionen hätten sich selbst sehr lange schwer getan mit der friedlichen Koexistenz. In einer Schlüsselposition sehe er die Muslime, die gut integriert in Europa leben und etwas von den guten Seiten der europäischen Lebensform – Menschenrechte und Religionsfreiheit – in ihre Herkunftsländer kommunizieren können.