Wirksamster Schutz kostet 20 Euro Gesundheitsdienst Osnabrück fordert Vierfach-Grippe-Impfstoff

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Dr. Gerhard Bojara rät jedem zur Grippeimpfung und hofft, dass die gesetzlichen Krankenkassen künftig auch den teureren Vierfach-Impfstoff bezahlen. Foto: Jean-Charles FaysDr. Gerhard Bojara rät jedem zur Grippeimpfung und hofft, dass die gesetzlichen Krankenkassen künftig auch den teureren Vierfach-Impfstoff bezahlen. Foto: Jean-Charles Fays

Osnabrück. Muss man sich gegen Grippe wirklich impfen lassen? Dr. Gerhard Bojara, Leiter des Gesundheitsdienstes für Stadt und Landkreis Osnabrück, meint „eindeutig ja“ und fordert von den Krankenkassen, den bestmöglichen Impfschutz sicherzustellen.

Welcher Impfstoff hilft wirklich gegen Grippe? Und bezahlen die Krankenkassen aktuell den wirksamsten Impfstoff?

Bislang gab es immer den Dreifach-Impfstoff, zweimal Typ A, einmal Typ B. Die meisten Influenza-Erkrankungen stammen von Typ A. Der Impfstoff wird von Jahr zu Jahr angepasst. In vielen Jahren deckte der Impfstoff die vorkommenden Viren sehr gut ab. Es gibt aber Hunderte von Influenza-Viren. Deshalb ist das Risiko sehr groß, dass man mit dem Impfstoff auch mal danebenliegt. Die WHO muss ein halbes Jahr vorher prognostizieren, welche Influenza-Viren kommen. Ich bin immer wieder fasziniert, dass die WHO es mit den Fachleuten in der Regel hinbekommt, den Impfstoff so festzulegen, dass er in der Regel passt. Dann kam ein Hersteller auf die Idee mit den Vierfach-Impfstoffen, der zweimal Typ A und zweimal Typ B hat. Bei den Influenza-B-Viren spielen zwei verschiedene Linien eine Rolle. Deshalb kann man auf den Gedanken, dass man beide nimmt. Die Abrechnung von Grippe-Impfstoffen funktioniert so, dass die Krankenkassen mit bestimmten Herstellern Verträge schließen. Bisher waren das immer Dreifach-Impfstoffe. Der Vierfach-Impfstoff wurde bislang von den gesetzlichen Versicherungen nicht bezahlt, weil sie keine Verträge mit dieser Firma hatten. Deshalb blieb nur die Möglichkeit, entweder bezahle ich die gut 20 Euro für den Impfstoff selbst, oder man bekommt diesen Betrag als Privatversicherter erstattet.

Lohnen sich die 20 Euro für den Vierfach-Impfstoff?

Rein statistisch ja. Wenn der Impfstoff vier Virustypen abdeckt, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die in dieser Saison am häufigsten vorkommenden Influenza-Viren damit abgedeckt werden als mit dem Dreifach-Impfstoff. In den vergangenen 20 Jahren hat das sehr oft gut gepasst. Als das vor zwei Jahren nicht der Fall war, war der Aufschrei groß. Da wurde die nicht so häufig vorkommende Influenza B-Linie ausgewählt. Der Vierfach-Impfstoff bietet also schon Vorteile. Deshalb wird die Industrie gar nicht umhinkommen, zukünftig nur noch diesen Vierfach-Impfstoff herzustellen. Damit ergibt sich dann auch für die Krankenkassen die Notwendigkeit, diesen zu bezahlen. Meiner Meinung nach hätte man aus den Erfahrungen der letzten Jahre die Konsequenz ziehen müssen, auf den Vierfach-Impfstoff umzustellen.

Warum hat die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut nicht schon für die aktuelle Grippe-Saison ihre Empfehlung geändert?

Mit einem Vierfach-Impfstoff kann man potenziell mehr erreichen. Deshalb würde ich das grundsätzlich empfehlen, und deshalb wünsche ich mir auch, dass es künftig nur noch den Vierfach-Impfstoff gibt. Natürlich kann es aber auch Jahre geben, in denen der Vierfach- nicht besser als der Dreifach-Impfstoff ist. Letztlich ist es natürlich auch eine politische Entscheidung, ob man sagt, dass für den Impfstoff künftig das Fünffache ausgegeben werden soll.

Warum lassen sich immer noch so wenige gegen Grippe impfen?

Die Grippeschutzimpfung hat immer noch einen schlechten Ruf. Viele sagen, ich habe mich impfen lassen, und erst danach bin ich richtig krank geworden. Dieses Gerücht hält sich hartnäckig, obwohl es mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat. Selbst ein Großteil des medizinischen Personals in Krankenhäusern lässt sich leider nicht gegen Grippe impfen. Dabei sollte das gerade für Personal, das oft mit Risikopatienten zu tun hat und generell ein höheres Risiko hat, mit Grippeviren in Kontakt zu kommen, eigentlich selbstverständlich sein.

Sollten sich nur die empfohlenen Gruppen Ältere, Schwangere und Kranke impfen lassen, oder würden Sie es jedem empfehlen?

Besonders wichtig ist die Impfung natürlich für die genannten Hauptrisikogruppen, dennoch rate ich jedem, sich impfen zu lassen. Die Impfung ist der einzige gute und wirksame Schutz vor einer Grippeerkrankung. Zudem gibt es keine Behandlungsmöglichkeiten, denn eine Grippe kann man nur symptomatisch behandeln. Jeder, der mal eine echte Grippe hatte, weiß, wie schwer diese Erkrankung ist. Mit einer Erkältung oder einem grippalen Infekt hat diese nichts zu tun. Der Krankheitsverlauf ist deutlich schwerer. Eine Grippe ist oft mit sehr hohem Fieber verbunden, man kann kaum aufstehen, und es kommen oft Komplikationen hinzu. Im Rahmen der Grippe kann eine bakterielle Lungenentzündung hinzukommen, was extrem gefährlich ist. Ich hatte selbst einmal die Grippe und war nach eigenem Empfinden noch nie so schwer krank. In einer durchschnittlichen Grippesaison sterben in Deutschland etwa 10.000 Menschen an einer Grippe.

Welche Nebenwirkungen kann es geben?

Es können harmlose und vorübergehende Beschwerden wie eine Rötung, Schwellung oder Druckstelle an der Einstichstelle auftreten. Leichtes Fieber gehört schon zu den selteneren Nebenwirkungen, schwere Nebenwirkungen sind sehr selten.

Wann sollte man sich impfen lassen?

So früh wie möglich, am besten in den kommenden Wochen. Jetzt sind die Grippeviren noch nicht im Umlauf, und bis zum Winter hat sich der volle Impfschutz aufgebaut, sodass man für die erwartete Grippewelle, die in der Regel verstärkt zwischen Januar und März auftritt, gut gewappnet ist.


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