Mit Vorurteilen konfrontiert Drei Männer und viele Babys: Männliche Erzieher in Osnabrücker Krippe

Von Cornelia Achenbach


Osnabrück. Nur rund zwei Prozent aller pädagogischen Fachkräfte in Kitas sind Männer. In der Osnabrücker Krippe „Charly‘s Kinderparadies“ sieht die Quote etwas anders aus – hier arbeiten neun Erzieher und eine Vertretungskraft. Drei Erzieher von ihnen sind Männer – und müssen als diese erst einmal manch Vorurteil aus dem Weg räumen.

Sechs Jahre lang war Bernhard Jensen der einzige männliche Erzieher in der geräumigen Villa im Umfeld des Kinderhospitals an der Iburger Straße. Doch seit wenigen Wochen hat er Unterstützung von Patrick Tiltmann und Kevin Ilsemann, der bereits vorher als Sozialassistent in der Krippe gearbeitet hat.

Männer sind in Kitas immer noch Exoten – und leider kann man kaum über die Arbeit diskutieren, ohne zumindest einmal über den im Raum stehenden Generalverdacht der Pädophilie zu sprechen. Um gar nicht erst so eine Diskussion aufkommen zu lassen, gibt es in „Charly‘s Kinderparadies“ bestimmte Regeln: Alle Türen sind offen, niemand wickelt allein, niemand hält sich allein mit einem Kind in einem geschlossenen Raum auf. Diese Regeln gelten für alle Mitarbeiter. Denn natürlich könnten sich genauso gut Erzieherinnen an Kindern vergehen, sagt Leiterin Regine Schneider. Und natürlich ist der Beruf des Erziehers ein sehr körperlicher. Kleine Kinder wollen schmusen und auf den Arm genommen werden. Wer selbst Kinder hat, der weiß, dass Krippenkinder auch schon mal nach dem Parfüm einer Erzieherin riechen – oder eben dem After Shave des Erziehers. Denn selbstverständlich nehmen auch die Männer ein weinendes Kind auf den Arm – oder sollten sie es weinend in einer Ecke stehen lassen, nur weil sie einen Penis haben? (Weiterlesen: Was Osnabrücker Kitas gegen unpünktliche Eltern tun)

Anfängliche Skepsis schnell verschwunden

Mit den Eltern, deren Kinder sie betreuen, hatten die drei Erzieher bislang keine Schwierigkeiten: „Die Reaktionen sind durchweg positiv“, sagt Bernhard Jensen. Da die Eltern ja während der Eingewöhnung der Kinder auch den Kita-Alltag miterleben, ist eine mögliche anfängliche Skepsis („Wie, ihr wickelt auch?“) schnell verschwunden. Und die Kinder? Wie reagieren sie auf Erzieher wie Kevin Ilsemann? Groß, breit, tiefe Stimme? „Es gab einmal ein Kind, das direkt geweint hat, als es mich gesehen hat“, sagt der 26-Jährige, „aber es gibt auch Kinder, die uns Männer sogar bevorzugen. Weil ihnen der Vater fehlt oder er viel arbeitet.“ Bernhard Jensen erinnert sich an ein Kind, das anfangs sehr viel weinte und quengelte. Seine ratlose Kollegin habe schließlich gemeint: „Nimm du es doch mal.“ Und kaum hatte der 30-Jährige das Kind auf dem Arm, wurde es ruhig. „Vielleicht lag es daran, dass ich seinem Papa etwas ähnlich sehe und der auch die Eingewöhnung gemacht hat“, sagt Bernhard Jensen und lacht.

Typisch männlich?

Machen denn männliche Erzieher überhaupt etwas anders als weibliche? Antwort der drei Männer: „Nein“. Antwort von Leiterin Regine Schneider: „Ich denke schon.“ Es gebe sie schon, die typisch weibliche Verhaltensweise, um Konflikte zu lösen. „Die Männer sind manchmal gelassener“, sagt Schneider. Hinzu komme das ganz Offensichtliche: die körperliche Stärke. Zwei der Erzieher spielen auch privat Fußball und seien vor allem beim Thema Bewegung „ganz vorne dabei“. Die Leiterin von „Charly‘s Kinderparadies“ begrüßt es sehr, dass allmählich klassische Rollenbilder verschwinden und dass Kinder, die vielleicht von Alleinerziehenden groß gezogen werden, so auch einmal vor ihrer Schulzeit mit männlichen Bezugspersonen in Kontakt kommen. (Weiterlesen: Kita-Wahnsinn – Wenn Eltern sich in E-Mail-Gruppen austauschen)

Vom Koch zum Erzieher

Ihr privates Umfeld findet es nicht ungewöhnlich, dass sie als Erzieher arbeiten. „Bei mir war das eigentlich immer klar. Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, habe schon auf meine Cousinen aufgepasst und während der Schulzeit ein erstes Praktikum in einer Kita gemacht“, erzählt Bernhard Jensen. Kevin Ilsemann hat vorher als Koch gearbeitet, aber nachdem er als Sozialassistent in der Krippe gearbeitet hatte, entschied er sich für eine duale Ausbildung zum Erzieher. Auch Patrick Tiltmann kümmert sich wenig darum, was andere womöglich über seine Berufswahl denken könnten: „Die Hauptsache ist doch, dass die Arbeit Spaß macht.“

Singen, vorlesen, basteln, toben – warum sollten das nicht auch Männer können? Foto: David Ebener