Filmfest Osnabrück 2017 Was waren die Höhepunkte des Filmfests Osnabrück?



Berlin. Das 32. Unabhängige Filmfest Osnabrück endet mit der Kür eines starken Siegers: Der mit 12500 Euro dotierte Friedensfilmpreis der Sievert-Stiftung geht an Leonardo Di Constanzos Anti-Mafia-Film „The Intruder“.

Der beste Film: Arbeit am Frieden und Europas Krisenherde, Kinderrechte, Genre-Filme und das Kino Südamerikas: In seinen Sektionen spielt das Osnabrücker Filmfest den Markenkern des Engagements auf unterschiedlichste Weise durch. Und verblüffenderweise hat die Jury für den Hauptpreis ein Werk gefunden, das beinahe alle Facetten bedient: Leonardo Di Constanzos „The Intruder“ erzählt von einer Sozialarbeiterin aus Neapel, die Kindern im Machtzentrum der Camorra eine Perspektive auf Gewaltlosigkeit eröffnet. Als sie ein Mädchen aufnimmt, dessen Vater für die Mafia gemordet hat, gerät das Projekt aus dem Gleichgewicht. Kinder, Frieden, Europa, sogar die Killer des Genre-Kinos: Wie in einem Brennglas versammelt der Siegerfilm alle Themen des Festivals – nur ein Südamerikaner fehlt noch auf der Besetzungsliste.

Auch im Widerstreit der Gattungen schlägt „The Intruder“ eine Brücke: Unter elf für den Hauptpreis nominierten Werken war er einer von nur vier Spielfilmen. Aber auch das Dokumentarische streift er: Der Regisseur, von Haus aus Dokumentarist, hat das Buch aus Recherchen entwickelt; im Zentrum steht ein realer Fall, der nun mit Laiendarstellern reinszeniert wurde. Dennoch ist der Film alles andere als eine Konsensarbeit: Di Constanzo setzt auf erzählerische Lücken und moralische Ambivalenzen. Wie sehr er auf die Eigenständigkeit der Zuschauer setzt, untermauert er in Osnabrück auch beim Publikumsgespräch. Hier stellt er selbst die erste Frage – und bittet, ihm seinen eigenen Film zu erklären. Fertig ist ein Kunstwerk, sagt Di Constanzo zur Begründung, schließlich erst in den Augen der Zuschauer. Ein schönes Bekenntnis zur Autonomie des Sehens, das die Unabhängigkeit im Namen des Filmfests ernst nimmt.

Was war sonst noch bemerkenswert? Weitere Höhepunkte des Festivals:

Die unmittelbarste Betroffenheit: Die aus Syrien stammende Radio-DJane Obaidah Zytoon reiste selbst an, um ihre Dokumentation „The War Show“ vorzustellen. Darin geht es um den Krieg in Syrien, den sie selbst erlebt hat. Den Film zu präsentieren ist eines. Interviews geben will Zytoon nicht. Zu schmerzhaft ist es für sie, über ihre Kriegserlebnisse reden zu müssen.

Die außerirdischste Berichterstattung: Ins Stocken gerät eine unserer Autorinnen, als sie vor dem Eröffnungsfilm selbst interviewt wurde. Welche Filmfigur sie selbst gern einmal sein wolle, fragt das „Stadtblatt“ sie. In der Eile fällt ihr nur ein markanter Filmcharakter der 80er ein. Einer, der dringend nach Hause telefonieren will. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Das babylonischste Sprachengewirr: So unterschiedlich Filmfestivals sein mögen, eines haben sie stets gemein: das babylonische Sprachengewirr. Für den Festival-Small-Talk gilt die Faustregel: Spricht man jemanden auf Deutsch an, kommt als Antwort ein verlegenes Schulterzucken. Versucht man es in gebrochenem Englisch, gibt sich das Gegenüber umgehend als Landsmann zu erkennen. Geübte Festivalbesucher tragen längst einen mentalen Babelfisch im Ohr, der ihnen zumindest das Gefühl vermittelt, alles irgendwie schon zu verstehen. Was ja auch ganz hilfreich ist bei all den gottlob im Original gezeigten Filmen. Wobei eine Ankündigung im Programmheft doch stutzig machte: Der österreichische Film „8:30“ sollte als „englische Originalfassung“ laufen. Tat er auch. Aber dank Babelfisch im Ohr waren dann auch noch einige Brocken Spanisch, Italienisch, Kroatisch und sogar Deutsch zu vernehmen.

Der fröhlichste Wetterfrosch: Während es draußen in Strömen gießt, stellt Jeremy Miliker in der Lagerhalle den Film „Die beste aller Welten“ vor. Der Grundschüler spielt darin den Sohn einer Heroinsüchtigen. Seine Lieblingsszene, erzählt er, war ein heiteres Fußball-Match. Jeremy hat den Regisseur sogar gefragt, warum nicht der ganze Film aus so spaßigen Szenen besteht. Weil das zu langweilig ist, war die Antwort. Jeremy hat das Argument überzeugt; den Zuschauern übersetzt er die Logik in ein regionales Beispiel: „Wenn in Osnabrück immer die Sonne scheinen würde, wäre das ja auch langweilig.“ An keinem der verregneten Festivaltage haben wir so zufrieden den Regenschirm aufgespannt wie nach diesem wertvollen Hinweis.


Die Preisträger des 32. Filmfestes in Osnabrück

Der Friedensfilmpreis Osnabrück geht an Leonardo Di Costanzos Drama „The Intruder“. Die Preissumme von 12500 Euro kommt dabei von der Sievert-Stiftung für Wissenschaft und Kultur.

Den in der Sektion „Focus on Europe“ vergebenen Publikumspreis gewinnt „Sami Blood – Das Mädchen aus dem Norden“. Die Coming-of-Age-Geschichte zur Diskriminierung der Samen wird mit 2500 Euro prämiert, die von der Kampagne „Mobil-E Zukunft“ von Stadt und Stadtwerken Osnabrück bereitgestellt werden. Die Jugendjury erkennt Amanda Kernells Film außerdem den Filmpreis für Kinderrechte zu. Die Summe von 2000 Euro stammt vom Fachbereich Kinder, Jugend und Familien der Stadt Osnabrück.

Mit dem erstmals vergebenen Kurzfilmpreis des Filmfests Osnabrück prämieren Osnabrücker Studenten und Studentinnen Sophie Linnenbaums Satire „PIX“. Das Preisgeld von 1500 Euro hat das Studentenwerk Osnabrück ausgelobt.

Einen weiteren Kurzfilmpreis in Höhe von 500 Euro vergibt das Publikum im Namen des Studierendenrats der Universität Osnabrück an Abini Golds Mutter-Tochter-Drama „Joy“.

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