OB-Kandidaten im Porträt Bei Politik wird Kabarettist Kalla Wefel ernst



Osnabrück. Nein, kein Obus und keine Straßenbahn. Kalla Wefel will die Schwebebahn, damit ihm auch Esoteriker und Yogi-Flieger ihre Stimme geben. Auf dem Neumarkt will er Gras wachsen lassen. Die A33 soll gebaut, die Westumgehung verhindert werden. Was davon ist Spaß, was ernst gemeint? Das wird nie so ganz klar bei Kalla Wefel. Der Kabarettist kandidiert für das Amt des Oberbürgermeisters.

„Der Kandidat“ heißt sein neues Kabarettprogramm. Am 3. Oktober steigt Kalla Wefel damit in den Ring. Seine Kandidatur für den Chefsessel im Rathaus verschafft ihm eine prima PR-Plattform für die große Show. Alles nur aus Jontef? Kalla Wefel (61) irritiert Wähler und Mitbewerber, weil er sich ganz schön ernst nimmt mit seinem Ausflug in die Politik.

Ein Stichwort genügt, dann tritt der Kabarettist in den Hintergrund, und der Volkstribun nimmt den Kampf gegen vermeintliche Ungerechtigkeiten auf. Die Westumgehung zum Beispiel, die lehnt Kalla Wefel ab, weil sie seiner Ansicht nach von den Reichen gefordert wird, die ihre Ruhe haben wollen. „Die haben schon genug Ruhe“, sagt er trotzig.

Politischer Kabarettist

Auch das Shopping-Center am Neumarkt findet er völlig überflüssig. Der OB-Kandidat stellt sich eine ruhige Wiese vor, ohne Autos, ohne Busse, vielleicht mit einer Bühne für Open-Air-Konzerte. Und wenn Einwände kommen, lässt er einen Satz los wie: „Meinetwegen auch einen Teich!“

Kalla Wefel will eine heilige Kuh schlachten, wenn er Oberbürgermeister wird – die Dominanz des Theaters im Kulturetat der Stadt. Spätestens an dieser Stelle kommt bei ihm eine Ernsthaftigkeit ins Spiel, die dem Spaßmacher nicht mehr viel Raum lässt. Jede Eintrittskarte müsse die Stadt mit 70 Euro subventionieren, rechnet er vor. Über den Zuschuss zur Lagerhalle werde jedes Jahr neu diskutiert, über das Theater nicht. Deshalb will er den Etat für die Städtischen Bühnen um die Hälfte kürzen.

Der Alt-Achtundsechziger aus der Dodesheide versteht sich als politischer Kabarettist. Wenn er auf seine Lieblingsthemen kommt, Bildungsgerechtigkeit, Atheismus oder den Einfluss der Kirchen, dann kann er sich in Rage reden. Und dann fallen Sätze wie dieser: „Ich hab so eine Wut auf alle Parteien, auf alle!“

Schon ein paar Augenblicke später kommt wieder der Kabarettist durch. Auf die Frage, warum er kandidiert, hat er eine knappe Antwort: „Weil dann meine Rente sicher ist!“ Will da einer schamlos auf Kosten der Stadt seine Schäfchen ins Trockene bringen? War ja nur Spaß, Kalla Wefel macht auch gern den Robin Hood und verkündet edelmütig, dass er nur das halbe OB-Gehalt in Anspruch nehmen wolle. Die Politiker in Deutschland verdienten ohnehin zu viel, streut er ein, und fegt den Vorwurf des Populismus vom Tisch. Oder wenn doch, dann sei das wenigstens „guter Populismus“.

Sollen die Osnabrücker so einem Mann ihre Stimme geben? Klar, sagt Kalla Wefel, „alles unter 80 Prozent wäre ein Skandal“, nur „rechtsradikale Arschlöcher, die sollen mich nicht wählen“. Und Christen sollten es sich gut überlegen, weil er konsequent für die „absolute Trennung von Kirche und Staat“ eintritt.

„Froh, wenn der Scheiß vorbei ist“

Schon als Schüler waren ihm Kirche und Glaube suspekt. Seinen Lehrern machte er das Leben schwer. Und den Unterricht schwänzte er, so oft es ging. Es ging sehr oft, denn die Entschuldigungen schrieb er selber: „Ich konnte die Unterschrift meines Vaters perfekt fälschen.“

Noch heute ist Kalla Wefel stolz darauf, dass er nacheinander von allen Osnabrücker Gymnasien geflogen ist. Sein Abitur schaffte er trotzdem ein paar Jahre später am Abendgymnasium in Hamburg. Dort studierte er auch etwas Diplompädagogik, Germanistik, Sport und manches mehr, konzentrierte sich dann aber auf eine Karriere als Sänger, Musiker, Texter und Komponist. Zeitweise arbeitete er auch mit Wolf Biermann zusammen, von dem er – wegen dessen „Selbstgerechtigkeit“ – heute nichts mehr wissen will.

Es war dann aber doch nichts mit der großen Karriere. Kalla Wefel fuhr mal nebenbei, mal hauptberuflich Taxi, wurde Kabarettist, Autor, Lektor, Übersetzer und Komponist. 1995 kam er zurück nach Osnabrück. Mit seiner Tochter Jule Valerie, die im September 13 wird, lebt er in einer Mietwohnung, die zum früheren Demonstrativbauprogramm Dodeshaus gehört.

Seine OB-Kandidatur schlaucht den Fast-62-Jährigen schon, zumal er noch an seinem neuen Kabarettprogramm feilt. Er mag zwar nicht das „ewige Gejaule, wie anstrengend Politik ist“. Aber dann rutscht es ihm doch heraus: „Ich bin froh, wenn der Scheiß vorbei ist!“

Kalla Wefels Homepage:

http://votewefel.de/vote/


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