„Wie Bojen im Meer“ Thema Europa beim Filmfest: Frei und doch angekettet



Osnabrück. Europa bildet ein Schwerpunkt des diesjährigen Filmfest Osnabrück. In verschiedenen Filmen wird gezeigt, was die Menschen auf unserem Kontinent bewegt. Eine andere Sichtweise auf die Griechenlandkrise bietet „Wie Bojen im Meer“, der am Samstagnachmittag zu sehen ist.

Auch wenn es in Deutschland ruhig um die Krise in Griechenland geworden, heißt das nicht, dass sich die Situation der Menschen verbessert hat. Sozialkürzungen und Arbeitslosigkeit prägen das Land weiterhin. Das Einzige, was steigt, sind die Steuern und die Selbstmorde. Viele Menschen haben sich mit der Krise abgefunden, sie leben ihr Leben – mit wenig Hoffnung auf Besserung.

Dass gerade die Jüngeren unter der Krise zu leiden haben zeigt der Dokumentarfilm „Wie Bojen im Meer“ der Deutsch-Griechin Stella Nikoletta Drossa. Während eines Zeitraums von sechs Jahren hat sie fünf junge Frauen Mitte Ende 20 begleitet, die in Griechenland ihr Leben mit der Krise meistern. Alle sind Kinder von Gastarbeitern, die wegen der Arbeit nach Deutschland kamen. Auf der Suche nach Heimat sind die Kinder dann wieder nach Griechenland zurückgekehrt.

Langzeitstudie über die Krise

Den Anfang nahm alles als Drossa 2010 nach Griechenland reiste, um ihre Schwester zu besuchen. Damals erlebte sie heftige Jugendproteste, die sie zum Anlass nahm, einen Film zu machen. Als die Krise sich immer mehr zuspitzte und in den Alltag der Menschen hineinwirkte, änderte die 42-Jährige ihr Konzept. Herausgekommen ist eine Langzeitstudie, die den Verfall der griechischen Mittelklasse eindringlich zeigt. Eine Sichtweise, die in der deutschen Berichterstattung nur selten vorkommt.

Herablassend sei der Tonfall in „Bild“, „Focus“ und anderen Medien gewesen, so Drossa. Sie hätten ein Bild des faulen, fordernden und undankbaren Griechen gezeichnet, das nicht der Wirklichkeit entspreche. Kann man darüber nicht anders berichten, fragt sie sich. (Weiterlesen: In der Kategorie „Filmpreis für Kinderrechte“ laufen beeindruckende und ernste Filme)

Ideen und Pläne aufgegeben

Drossa macht es anders. Zuhörend und ohne Wertung porträtiert sie die fünf Frauen. Eine von den fünf Frauen ist Irene Drossa, die Schwester der Regisseurin. „Seit der Krise glaube ich an nichts mehr“, sagt Irene. Ihre Ideen und Pläne habe sie aufgegeben. Sie ist gelernte Theaterpädagogin und muss sich mit Gelegenheitsjobs rumschlagen. Sieben Euro in der Stunde verdient sie. Dafür muss sie aber weit fahren. Für zehn bezahlte Stunden muss sie 35 Stunden fahren.

Ein typisches Beispiel für die junge Generation, findet die Regisseurin. Sie ist gut ausgebildet, wahrscheinlich die Beste, die es je gab – und findet keine Jobs. Drossa spricht deshalb von einer verlorenen Generation. Dafür stehe auch der Titel ihres Films. Die jungen Frauen schwimmen frei im Meer, sind aber mit Ketten am Boden verbunden, kommen nicht vom Fleck. Ein wenig wie ganz Europa im Moment. (Weiterlesen: Zwei Dokumentationen über den Syrien-Konflikt sind beim Filmfest Osnabrück für den Friedensfilmpreis nominiert)

Schwerpunkt „Focus on Europe“

„Wie Bojen im Meer“ läuft in der Wettbewerbsrubrik „Focus on Europe“. Hier wird europäisches Arthouse-Kino vorgestellt, das grenzüberschreitende Fragestellungen der heutigen Gesellschaft thematisiert. Das Programm lädt dazu ein, die Geschichten und Themen in der europäischen Nachbarschaft kennenzulernen. Insgesamt zählen neun Filme zu dieser Kategorie.


Focus on Europe:

  • „Liebe auf Sibirisch – ohne Ehemann bist du keine Frau“, Deutschland 2016, Regie: Olga Delane, Donnerstag, 19. Oktober | 17.30 Uhr, Haus der Jugend
  • „The Levelling“, Großbritannien, Regie: Hope Dickson Leach, Donnerstag, 19. Oktober | 17.30 Uhr, Filmtheater Hasetor
  • „Pure Hearts“, Italien 2017, Regie: Roberto de Paolis, Donnerstag, 19. Oktober | 17.30 Uhr, Cinema Arthouse
  • „Loveless“, Russland/Frankreich 2017, Regie: Andrey Zvyagintsev, Donnerstag, 19. Oktober | 22.30 Uhr, Filmtheater Hasetor
  • „Quit Staring At My Plate“, Kroatien/Schweden 2016, Regie: Hana Jusic, Freitag, 20. Oktober | 17.30 Uhr, Filmtheater Hasetor
  • „Wie Bojen im Meer“, Griechenland/Deutschland 2017, Regie: Stella Nikoletta Drossa, Samstag, 21. Oktober | 15 Uhr, Cinema Arthouse
  • „8:30“, Österreich 2017, Regie: Laura Nasmyth, Phillip Leitner, Samstag, 21. Oktober | 17.30 Uhr, Lagerhalle
  • „Sami Blood – Das Mädchen aus dem Norden“, Schweden/Dänemark/Norwegen, Regie: Amanda Kernell, Samstag, 21. Oktober | 17.30 Uhr, Cinema Arthouse
  • „Mister Universo“, Italien/Österreich 2016, Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel, Sonntag, 22. Oktober | 13 Uhr, Cinema Arthouse
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