Osnabrücker Traditionsschule Vor 150 Jahren begann die Geschichte des EMA-Gymnasiums


Osnabrück. Anders als die Lateinschulen, die für die klassisch-humanistische Bildung zuständig sind, bilden die Realschulen das wirkliche Leben ab – die „Realien“. Das war vor 150 Jahren auch die Gründungsidee der Osnabrücker Realschule, die später zum Realgymnasium wurde – und noch später zum EMA-Gymnasium.

Es ist die Zeit der Industrialisierung. In den 1860er-Jahren wachsen viele Handwerksbetriebe zu industriell arbeitenden Fabriken mit internationalen Kontakten heran. Führungspersonal mit Kenntnissen in den Naturwissenschaften und modernen Sprachen ist gefragt, wobei die Konfession von Schülern und Lehrern keine große Rolle mehr spielen soll. Bürgermeister Johannes Miquel (1828–1901; Osnabrücks Stadtoberhaupt von 1864 bis 1870 und von 1876 bis 1880) sieht den Bedarf für eine Realschule als Ergänzung zu den altsprachlichen Gymnasien klassischer Prägung, dem katholischen Carolinum und dem evangelischen Ratsgymnasium.

Es gibt erhebliche Widerstände. Für die konservative geistige Führungsschicht der an konfessionelle Gegensätze gewöhnten Bischofsstadt ist das zu viel. Das alte Königreich Hannover war dahin, Preußen hatte es sich einverleibt, die Stadtmauern fielen, die Eisenbahn bedrängte das biedermeierliche Stadtbild – und nun auch noch eine Realschule. Über den Antrittsbesuch des ersten Schuldirektors Otto Fischer bei Bischof Johann Heinrich Beckmann heißt es später, dass „die Unversöhnlichkeit der beiderseitigen Standpunkte in höflicher Form zur Sprache gekommen war“.

Kaderschmiede für das Militär

Bürgermeister Miquel arrangiert sich geschickt mit den neuen Machthabern und spannt sie vor seinen Karren. Eine Realschule kommt den preußischen Dienststellen gerade recht, da der erfolgreiche Besuch der Realschule zum einjährig-freiwilligen Militärdienst berechtigt und so ein Reservoir für die Laufbahn des Reserveoffiziers heranwachsen lässt. Miquel paukt die Gründung der „Städtischen Realschule 2. Ordnung“ im Magistrat durch.

Am 28. Oktober 1867 beginnt der Unterricht in gemieteten Räumen in der Kampstraße, der heutigen Seminarstraße, mit der zunächst nicht erwarteten Zahl von 212 Schülern. Miquel macht auch im neu gebildeten Regierungsbezirk fleißig Werbung für die neue Schule. 1872 sind bereits 407 Schüler eingeschrieben, davon 141 „Auswärtige“.

„Rundbogen-Richard“ am Werk

Ein eigenes Gebäude muss her. Der Magistrat entscheidet sich für den Ankauf des Kraft’schen Gartens und der sogenannten „Buttergärten“ der Evangelischen Stiftungen vor dem Heger Tor. Stadtbaumeister Richard („Rundbogen-Richard“) entwirft ein preußisch-strenges Haus im neuromanischen Rundbogenstil, das große Ähnlichkeiten mit dem Stadtkrankenhaus schräg gegenüber aufweist (heute: VHS-Gebäude).

Im Frühjahr 1870 kann der Neubau bezogen werden. Die Aula erhält später prächtige Wandgemälde, die die Schlacht im Teutoburger Wald, die Taufe Wittekinds und die Verkündung des Westfälischen Friedens von der Freitreppe des Rathauses zeigen.

Aufstieg zum „Realgymnasium“

1882 steigt die Realschule zu einem „Realgymnasium“ mit Zugangsberechtigung zu gewissen Universitätsstudiengängen auf. 1901 ist die vollständige Gleichstellung zu den beiden älteren Gymnasien erreicht, um die lange gekämpft worden war. Immer mehr Schüler melden sich an. Die bald sich abzeichnende Raumnot wird dadurch gelindert, dass Direktor Fischer seine Dienstwohnung im Gebäude aufgibt und so Platz für vier weitere Klassenräume schafft. 1914 sind der Anbau an der Arndtstraße und die Turnhalle bezugsfertig.

Die Trägerschaft geht zwischen Stadt und Staat hin und her, die Unterrichtsangebote wandeln sich – Bildung war schon immer gleichbedeutend mit einer Abfolge von Reformen. Zehnmal wechselt der offizielle Name der Schule. Seit 1957 ist er konstant: Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium. Das ist lang und umständlich. „Ich geh’ aufs EMA“, sagt man da lieber, ähnlich knapp und kurz wie „aufs Caro“ oder „aufs Rats“. Dass Namensgeber Arndt mit manchen seiner Aussagen mittlerweile in Ungnade gefallen ist, ist ein weiterer Grund, dass in Osnabrück vielfach nur noch vom „EMA“ gesprochen wird.

Immer wieder in der Existenz bedroht

Die Startbedingungen der Schule waren nicht leicht, und auch danach hatte sie in ihrer 150-jährigen Geschichte mehrfach mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Unter der Überschrift „Das überlebt ihr nicht“ erinnert die Schulchronik an mehrere Existenzkrisen: Da war die Bombennacht des 10. August 1942, die das Gebäude auf Jahre hin unbenutzbar zurückließ. Da war das 1974 drohende Aufgehen in einer Gesamtschule. Dazu kam es zwar nicht, aber der 1980 erfolgte Umzug ins Schulzentrum Sebastopol an der Knollstraße bescherte eine weitere Existenzbedrohung. Mit dem Verlassen der Innenstadt gingen die Neuanmeldungen drastisch zurück. Da war die bösartige Diffamierung als „Russenschule“ Anfang der 1990er-Jahre, die Schülerzahl sank mit 420 im Jahr 1993 auf den Tiefpunkt. Tatsache ist, so stellt die Chronik im Rückblick fest, dass die Russlanddeutschen, die wegen des Russisch-Angebots in großer Zahl ans EMA kamen, die Schule gerettet haben. Und da war das Großfeuer am 24. Februar 2001, in dessen Folge der Unterricht fast zwei Jahre lang auf 40 verschiedene Ausweichstandorte verteilt stattfinden musste.

„Totgesagte leben länger“

All diese Krisen hat das EMA gemeistert, denn – so stellt die Chronik fest – „Totgesagte leben länger“. In der Tat haben es der seit 1997 die Geschicke führende Schulleiter Hartmut Bruns und sein Team verstanden, das EMA mit seiner gepflegten Internationalität – Schüler aus 54 Nationen sind hier angemeldet – zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Osnabrücker Schullandschaft zu machen. 2015 nominierte eine hochkarätig besetzte Jury das EMA als eine der 15 besten Schulen Deutschlands. 2017 gelang in einem „Wimpernschlagfinale“ fast eine Wiederholung – immerhin wurde das EMA als einziges Gymnasium aus Niedersachsen zur Finalrunde nach Berlin eingeladen.

Nahezu unverändert nach den Kriegszerstörungen wiederaufgebaut, blieb das Gebäude bis 1980 Heimat des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums. Heute beherbergt es das Emma-Theater der Städtischen Bühnen, die Stadt- und Kreisarchäologie, die Altstädter Grundschule und (im Neubau) die Möser-Realschule. Foto: Joachim Dierks

Lange hat das EMA um einen Platz an der Sonne gekämpft – nun scheint es ihn auf seinem Sonnenhügel erreicht zu haben. Mit vielen Veranstaltungen begeht die Schule in diesen Tagen ihren 150. Geburtstag. Beim Festakt am Donnerstag, 19. Oktober 2017, ist der Hauptredner Innenminister Boris Pistorius. Er legte 1978 sein Abitur am EMA ab, zwei Jahre vor dem späteren Bundespräsidenten Christian Wulff.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN