Ans Staatsarchiv übergeben Osnabrücker Polizeiakten aus der Nazi-Zeit entdeckt



Osnabrück. In der Polizeiakademie in Hann. Münden sind Akten der Osnabrücker Polizei aus der Weimarer Republik und frühen Nazi-Zeit entdeckt worden. Spannende Dokumente des Polizeialltags und der politischen Umwälzung in Nazi-Deutschland.

Vor einem Jahr hatten Mitarbeiter des Polizeimuseums Niedersachsen einen Raum in der Polizeiakademie in Hann. Münden durchforstet, in dem Unterrichtsmaterialien der ehemaligen Landespolizeischule lagerten. Dabei stießen die Polizeihistoriker auf eine Akte der Polizeidienststelle Osnabrück-Altstadt aus den Jahren 1927 bis 1937. Zwischen den Aktendeckeln hatten die Polizisten die Schreiben und Anordnungen des damaligen Oberbürgermeisters Erich Gaertner gesammelt. Gaertner wurde 1927 OB und blieb bis zum Ende des Krieges im Amt.

Kündigungen ohne „Heil Hitler“

Kleine und große Politik spiegeln sich in den Papieren wider. Belegt ist zum Beispiel eine Anordnung vom Frühjahr 1933, dass auch im Schriftverkehr künftig stets der „Deutsche Gruß Heil Hitler“ anzuwenden sei – allerdings, wie es einige Monate später im Dezember 1933 in einer weiteren Anordnung heißt, gebe es auch Ausnahmen: Kündigungsschreiben sollten keinesfalls mit dem Namen des Führers enden. Vor allem dann nicht, wenn Beschäftigen noch vor Weihnachten die Entlassung mitgeteilt werde. Hitlers Name sollte damit nicht in Zusammenhang gebracht werden.

In den Akten zeige sich, wie die deutsche Polizei nach und nach zur Helferin der Nazis wurde, sagte Polizeihistorikerin Barbara Riegger am Dienstag während einer Pressekonferenz in der Polizeidirektion Osnabrück. Der Oberbürgermeister erhielt die Anordnungen direkt vom preußischen Innenministerium, an dessen Spitze der Obernazi Hermann Göring stand. Göring nutzte seine Macht über die Polizei, um die Herrschaft der Hitler-Partei NSDAP zu festigen. „Deshalb ist die Akte eine interessante Quelle zur NS-Zeit in Osnabrück“, sagte Riegger. Die Unterlagen übergab sie am Dienstag offiziell dem Niedersächsischen Staatsarchiv in Osnabrück, wo jeder Interessierte sie einsehen kann.

Fahrradunfall und Familienstreit

Als „historisch wertvoll“ bezeichnete Nina Koch vom Staatsarchiv Osnabrück die Unterlagen. Damit werde eine Überlieferungslücke in Teilen geschlossen.

Nicht minder wertvoll sind die „Tätigkeitsberichte“ der Polizei Osnabrück aus den Jahren 1931 bis 1933 und 1936/1937. In diesen Protokollbüchern registrierten die Polizisten jeden Vorgang – den Fahrradunfall, den Familienstreit, aber auch die Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Andersdenkenden. Zum Beispiel: Am 2. März 1933, drei Tage nach dem Reichstagsbrand und der Außerkraftsetzung von Grundrechten fordern zwei SA-Leute gegen Kommunisten vorzugehen, von denen sie sich bedroht fühlen. Einen Tag zuvor wird laut Polizeiprotokoll ein Mitglied der katholischen Zentrumspartei vorübergehend festgenommen, weil er Flugblätter in der Stadt verteilt hat.

Die Protokollbücher werden dem Staatsarchiv in Osnabrück übergeben, sobald die Polizeihistoriker sie ausgewertet haben. Das Polizeimuseum in Nienburg plant nach den Worten von Barbara Riegger zum 100. Jahrestag der Gründung der Weimarer Republik im kommenden Jahr eine Wanderausstellung zur Polizeiarbeit in der ersten deutschen Republik.

Altes Fotoalbum

Ein kleines Geschenk für Polizeichef Bernhard Witthaut und Oberbürgermeister Wolfgang Griesert hatte die Historikerin auch dabei: ein Fotoalbum mit Bildern der Polizeidienststellen und Polizeichefs im früheren Regierungsbezirks Osnabrück. Das Album hatten die Osnabrücker Polizeichefs nach dem Krieg „Unserem verehrten Freund, Herrn Oberstleutnant Parminter“ als Abschiedsgeschenk übergeben. Parminter war Mitglied der Militärregierung in Osnabrück und offenbar sehr geschätzt. Der Förderkreis Polizeigeschichte hatte das Album in England aufgestöbert und gekauft. Jetzt ist es nach Osnabrück zurückgekehrt.


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