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Pflegeheimbewohner greifen zu Pinsel und Wasserfarben Malen bringt die Erinnerung zurück

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Martina Görtz (rechts) leitet die Malkurse in zwei Pflegeheimen. Foto: Stefanie HiekmannMartina Görtz (rechts) leitet die Malkurse in zwei Pflegeheimen. Foto: Stefanie Hiekmann

hiek OSNABRÜCK. „Malen konnte ich doch noch nie. In der Schule hatte ich das letzte Mal einen Pinsel in der Hand.“ Nicht wenige Bewohner wehrten die Idee, einen Malkurs zu besuchen, anfangs auf diese Weise ab. Anfangs. Inzwischen erfreut sich der Aquarellkurs von Künstlerin Martina Görtz gleich in zwei Pflegeheimen großer Beliebtheit. Für viele Bewohner ist es gar der Höhepunkt der Woche, für den sie sogar ihren Besuch nach Hause schicken.

Die vorbereiteten Blätter, die auf den Tischen liegen, erinnern an Malversuche im Kindergartenalter: Die Konturen eines der Motive sind bereits vorgezeichnet. Schön dick mit Filzstift, damit man den Strich auch wirklich sieht. Das Wasser für die Aquarellfarbe steht ebenfalls vorbereitet in kleinen Töpfchen. Genauso auch die Pinsel und Farben. Heute liegen zwischendrin auch einige Tomaten verteilt – man könnte auch sahen: das Malobjekt in natura.

Alle zwei Wochen kommt Martina Görtz ins Paulusheim, um mit Bewohnern zu malen. Viele von ihnen sind weit über 90 Jahre alt. Von Demenz sind ebenfalls viele betroffen. Und dennoch: Die Malstunden mit Martina Görtz vergessen sie nicht.

Vor drei Jahren wurde das neue Beschäftigungsangebot im Paulusheim begonnen. Mittlerweile ist die Gruppe mit über 20 Teilnehmern dort bereits so groß, dass sie bald geteilt wird. Und auch im Seniorenzentrum St. Franziskus, das ebenfalls zur Elisabethpflege GmbH gehört, ist der Malkurs mittlerweile etabliert und nicht mehr wegzudenken, berichtet Mitarbeiterin Marion Plegge.

Angebote zum Kochen, Spielen und Singen sind in Seniorenzentren bewährt und gang und gäbe. Das Anliegen, das vor drei Jahren mit dem Malkurs verbunden war, hat sich für die Mitarbeiter der beiden Pflegeheime genau so bestätigt: „Die Menschen schaffen etwas, sind stolz auf das Ergebnis und gewinnen enorm an Selbstwertgefühl“, sagt Marion Plegge.

Für Künstlerin Martina Görtz ist es wichtig, dass die Malerinnen und Maler immer ihren Namen und ihr Geburtsjahr auf ihre Werke schreiben. Dabei habe sie es nicht erst einmal erlebt, dass Demenzkranke mit dieser Aufgabe zu Beginn erhebliche Schwierigkeiten hatten: „Sie wussten ihren Namen nicht mehr oder konnten ihn nicht schreiben“, berichtet Martina Görtz. Doch meistens dauerte es nur wenige Wochen, bis sich das geändert hatte: Die Bewohner sahen, wie die anderen Teilnehmer ihre Namen auf die Bilder schrieben, setzten dann auch selbst den Pinsel an und konnten ihren (korrekten) Namen schreiben.

Der Ablauf der Malstunden ist routiniert: Martina Görtz zeichnet eine Vorlage, stellt ein fertig gemaltes Bild auf eine große Staffelei und gibt den Startschuss. Während die Bewohner von Minute zu Minute ruhiger werden und in ihre Werke versinken, geht die Kursleiterin rum und gibt Hilfestellungen.

„Für den Malkurs schickt meine Mutter sogar ihren Besuch weg“, erzählt eine Besucherin. Eine Katze, die sie kürzlich gemalt hatte, habe sie ihrer 13-jährigen Enkelin geschenkt. „Und eine Woche später hat sie gefragt, ob wir das Bild schon gerahmt haben“, erzählt die Tochter der Bewohnerin.

Für sie sei das eine ganz tolle Beobachtung: „Früher schenkten die Kinder den Großeltern ihre Bilder. Jetzt sind sie älter und bekommen Bilder von ihnen. Da schließt sich ein Kreis.“

Aus den Bildern, die in den zurückliegenden drei Jahren in den Pflegeheimen entstanden sind, wurde jetzt eine Ausstellung erstellt. Bis Ende November wird sie noch im Seniorenzentrum St. Franziskus in der Bassumer Straße zu sehen sein. Danach wechseln die Bilder ins Paulusheim in die Magdalenenstraße.


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