Vortrag im Hörsaal Jutta Ditfurth malt an Uni Osnabrück den Teufel an die Wand

Der Fächer als Markenzeichen: Jutta Ditfurth bei ihrem Vortrag im Osnabrücker Schloss. Foto: Hermann PentermannDer Fächer als Markenzeichen: Jutta Ditfurth bei ihrem Vortrag im Osnabrücker Schloss. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Nicht mehr lange, und in Deutschland regiert wieder der Faschismus – das jedenfalls glaubt die politische Aktivistin und Publizistin Jutta Ditfurth. Bei ihrem Vortrag in der Uni Osnabrück holte die 65-Jährige zum Rundumschlag aus.

Wenn Ditfurth auftritt, fehlen leise Töne. Ein paar interessante Denkanstöße gab es aber trotzdem. Eigentlich sollte es um den G-20-Gipfel in Hamburg gehen, der fand aber nur am Rande statt, denn wenige Tage nach dem Einzug der AfD in den Bundestag ließ es sich die Alt-Linke Jutta Ditfurth nicht nehmen, ausgiebig den Teufel an die Wand zu malen. „Ihr erlebt die Vorphase des Faschismus!“, kündigte Ditfurth ihren Zuhörern an. Zum Vortrag eingeladen hatten die „Libertären Kommunist*innen Osnabrück“, und gekommen waren so viele, dass einige auf dem Boden sitzen mussten.

Das junge Publikum erlebte einen Rundumschlag gegen Politik und Gesellschaft; wer sich gelegentliches Zögern, Zweifeln, oder auch nur drei aufeinanderfolgende Sätze ohne Polemik gewünscht hätte, blieb unerhört. „Die SPD geht in Kur, das nennt man jetzt allerdings Opposition. Wie heißt das heute, was die haben? Brain-out? Burn-out?“ Wer mit allem recht hat, der muss ja nicht auch noch Humor haben.

Eigene Zeitrechnung

Jutta Ditfurth hat nun allerdings nicht nur die Wahrheit gepachtet, sie hat auch eine eigene Zeitrechnung. Und für alle, die es interessiert: Im Ditfurth’schen Kalender der Re-Faschisierung befindet sich Deutschland gerade im Jahre 19 nach Walser.

Als der Großschriftsteller Martin Walser am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche die „Moralkeule Auschwitz“ beklagte und nach seiner Rede stehende Ovationen bekam, habe laut Ditfurth im Grunde die Entwicklung begonnen, die nun mit dem bundesweiten Wahlerfolg der AfD auf ihrem vorläufigen Höhepunkt angekommen sei.  Nun ist jede Beschreibung von historischer Kontinuität ein Narrativ, also eine willkürliche Erzählung, die auf nichts anderem als der persönlichen Interpretation beruht. Und Jutta Ditfurths Diagnose, Deutschland befinde sich auf dem direkten Rückweg in den Faschismus, darf guten Gewissens als völlig überzogen bezeichnet werden.

Ein paar Oktaven zu hoch

Innerhalb dieses Narrativs aber Walsers „Auschwitzkeule“ als eine Art Startschuss zu verorten, klingt nachvollziehbar. Oder um es musikalisch auszudrücken: Jutta Ditfurths Klagelieder über die Gesellschaft besitzen eine durchaus eingängige Melodie. Sie liegen nur immer ein paar Oktaven zu hoch.

Was schließlich nicht ungestellt bleiben soll, ist eine formale Frage: Wenn Jutta Ditfurth völlig selbstverständlich in Räumen der Universität Osnabrück auftritt, müsste das gleiche Privileg dann auch einem AfD-Politiker oder einem Alt-Burschenschaftler gewährt werden?


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