Friedenspreis in Osnabrück Asli Erdogan – Eine mutige Stimme der Opfer

Von Christine Adam

Sie hörte aufmerksam den engagierten Reden zu: Asli Erdogan mit dem Filmemacher Osman Okkan als ihrem Übersetzer (links) und Oberbürgermeister Wolfgang Griesert.Foto: Michael GründelSie hörte aufmerksam den engagierten Reden zu: Asli Erdogan mit dem Filmemacher Osman Okkan als ihrem Übersetzer (links) und Oberbürgermeister Wolfgang Griesert.Foto: Michael Gründel 

Osnabrück. Bei einer tief bewegenden Verleihungsfeier und hoch engagierten Reden ist der türkischen Schriftstellerin am Freitagvormittag im Osnabrücker Rathaus der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen worden. Den Sonderpreis erhielten Daniel und Sabine Röder aus Frankfurt für ihre Initiative „Pulse of Europe“.

„Ich gehe als anderer Mensch aus Osnabrück nach Frankfurt zurück“, sagte ein sichtlich bewegter Daniel Röder und dankte Asli Erdogan nachdrücklich dafür. So wie er, der gerade mit dem Sonderpreis des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises für die Bewegung „Pulse of Europe“ ausgezeichnet worden war, mochten viele im Osnabrücker Rathaus empfunden haben. Denn Asli Erdogan zu erleben, die türkische Schriftstellerin und Physikerin, die nach viereinhalb Monaten Untersuchungshaft im Istanbuler Frauengefängnis nun im Oktober ihren Prozess und vielleicht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe erwartet, berührte zutiefst.

Zwischen Leben und Tod

Irgendwo zwischen Leben und Tod empfinde sie sich und habe Selbstmordgedanken mittlerweile überwunden, sagte sie mit fast tonloser Stimme und einem Gesichtsausdruck, in den sich Schmerz und Anspannung eingeschrieben haben. Selbst zum Opfer staatlicher Repression ist diese Frau geworden, die in ihren Schriften von Ungerechtigkeit und Gewalt eine Stimme verliehen hat. Immerhin konnte sie nach monatelanger Ausreisesperre kurzfristig nach Osnabrück reisen, um den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis doch noch persönlich entgegenzunehmen.

Propaganda für eine illegalen Organisation (die PKK) wird ihr vorgeworfen: Die türkisch-kurdische Tageszeitung „Özgür Gündem“, für die sie Kolumnen geschrieben hat, ist nach Verhaftungen von 22 anderen Journalisten im Zuge der „Säuberungen“ nach dem Militärputsch vom Juli 2016 geschlossen worden. Doch Asli Erdogan gibt nicht auf, sie will auch über ihre Gefängniszeit schreiben, sobald sie dazu in der Lage ist, allerdings Literarisches und nichts Journalistisches.

Vorbild für Daniel Röder

Als Vorbild bezeichnete Daniel Röder sie, dabei hat er selbst Engagement an den Tag gelegt mit seiner mittlerweile europaweiten Initiative und Demonstrationen immer sonntags für die EU und ihre freiheitlichen Grundwerte. Doch das geschehe im geschützten Raum eines Rechtsstaates. „Die Wohnzimmergemütlichkeit ist vorbei“, sagte er in seinem flammenden Plädoyer, „stehen wir auf und setzen uns ein für etwas, das wir schon zu lange als selbstverständlich erachten, für die Grund- und Freiheitsrechte in der EU“.

Dieser Tenor prägte auch alle anderen Reden bei der Preisverleihungsfeier mit viel Prominenz im Friedenssaal. Denn die beiden Preise ergänzen sich inhaltlich in diesem Jahr wie selten und so kurz vor der Bundestagswahl, die auch zum Scheideweg für Europa werden kann. Wie selten ist auch Asli Erdogans Schreiben Erich Maria Remarque nah, der überzeugt war, dass Leid und Grauen viel leichter im Schicksal einer Person vermittelbar seien als im abstrakten Kollektiv. Der zehnköpfigen Jury zufolge erhält die 1967 geborene Schriftstellerin den Preis „Für ihr Berichten über die Auswirkungen der politischen Verhältnisse in der Türkei auf die Menschen und ihren Alltag.“ Die Jury habe sich in diesem Jahr auf gewaltlosen Widerstand konzentriert, so Jurysprecher und Osnabrücker Universitätspräsident Wolfgang Lücke. Mut und Kraft der weiblichen Perspektive habe die Jury besonders beeindruckt.

„Sensibel und wortgewaltig“

Mit Blick auf Asli Erdogan sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die Meinungsfreiheit werde immer als erste unterdrückt, weil Tyrannen die Freiheit des Wortes am stärksten fürchteten. Er pries in seiner eindringlichen Laudatio, wie sensibel und wortgewaltig sie in ihren Büchern „das Grauen und den Krieg in unsere Köpfe“ bringe und wie viel Mut und Überzeugung dazu gehöre, angesichts drohender Haft an Wahrheit und Gerechtigkeit festzuhalten.

„Macht Europa sichtbar“

„Wir können ihr nicht antworten mit einer besseren Welt“, ergänzte Jurymitglied und Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth. Doch es gelte, wieder Hoffnung hereinzugeben in eine Welt der Verzweiflung. Und das gelinge „Impulse of Europe“ beispielhaft. „Macht Europa sichtbar“ appellierte sie an uns alle, „es ist der richtige Zeitpunkt für Mut“. Osnabrücks Oberbürgermeister und Jurymitglied Wolfgang Griesert betonte, dass ohne die Freiheit des Wortes ein friedliches Zusammenleben undenkbar sei. Denn die Jury hat Erdogan vor allem für ihren Essayband mit dem beklemmenden Titel (und Inhalt) „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ ausgezeichnet.


Außenminister Sigmar Gabriel sagte heute in einer Pressemitteilung zur Entgegennahme des Osnabrücker Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises durch Aslı Erdoğan: „Ich bin sehr froh, dass Aslı Erdoğan diese Woche aus der Türkei ausreisen konnte, um den Friedenspreis in Osnabrück persönlich entgegenzunehmen. Ihre Texte beschreiben eindrücklich, welche Auswirkungen die politischen Verhältnisse auf das tägliche Leben der Menschen haben. Meinungsfreiheit und Kritik sind die Grundfesten einer funktionierenden Demokratie. Frau Erdoğan ist eine mutige und wache Stimme, die uns immer wieder aufs Neue beweist, wie wichtig es ist, auch gegen große Widerstände für seine Gedanken und Überzeugungen einzustehen.“