Machtgehabe und Arroganz Osnabrücker Audi-Händler macht VW-Konzern schwere Vorwürfe

Berthold Konjer (44), Geschäftsführer des Audi Zentrums Osnabrück, redet Klartext. Der VW-Konzern ducke sich weg, während die Händler die Folgen des Abgasskandals ausbaden müssten. Foto: B.Meckel-WolfBerthold Konjer (44), Geschäftsführer des Audi Zentrums Osnabrück, redet Klartext. Der VW-Konzern ducke sich weg, während die Händler die Folgen des Abgasskandals ausbaden müssten. Foto: B.Meckel-Wolf

Osnabrück. Audi-Händler Berthold Konjer aus Osnabrück reicht es: Der VW-Konzern lasse die Händler in der Abgas- und Dieselkrise komplett im Stich, sagt er im Interview. Im Konzern duckten sich alle weg. Statt transparent und konstruktiv mit Handel und Kunden nach Lösung zu suchen, herrschten im Konzern „Machtgehabe, Egoismen und Angst“.

Herr Konjer, die VW- und Audihändler sind sauer auf den VW-Konzern. Der Vorstandsvorsitzende des Händlerverbandes, Dirk Weddingen von Knapp, hat im aktuellen „Spiegel“ Schadensersatz in dreistelliger Millionenhöhe vom Konzern für die Händler gefordert. Teilen Sie die Kritik?

Ja, absolut. Ich habe vor ein paar Tagen auf der IAA in Frankfurt Konzernvertretern gegenüber sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, wie enttäuscht wir sind. Es gibt kein konstruktives Miteinander von Herstellern und Händlern mehr. Im Gegenteil: Der Konzern lässt die Händler im Stich. Sie werden nicht genügend gehört, es gibt keine verlässlichen Informationen, keine Unterstützung für die, die jeden Tag mit kritischen und verunsicherten Kunden zu tun haben. Nach meinem Eindruck ducken sich beim Hersteller alle weg, keiner ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Alle sind sehr stark mit sich selbst beschäftigt und achten drauf, keine Fehler zu machen. Wenn wir Fragen haben oder Hilfe brauchen, bekommen wir keine klaren Antworten.

Was erwarten Sie von VW und Audi?

Transparenz und eine eindeutige, nachvollziehbare Strategie, wie die Probleme im Zusammenhang mit dem Dieselskandal gelöst werden sollen. Es fehlt dem VW-Konzern eine Philosophie, wie er den Skandal bewältigen und mit Händlern und Kunden umgehen will. Der Konzern muss überzeugend darlegen, dass er das ökologisch und ökonomisch Beste erreichen will. Das fehlt völlig. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass wir Händler etwas Schriftliches an die Hand bekommen, das wäre mal etwas Konkretes, das wir auch an die Kunden weitergeben könnten. Stattdessen bekommen wir nur mündliche Auskünfte, unverbindlich. Und hinterher lässt sich keiner darauf festnageln. Wir Händler müssen sehr strenge Vorgaben des Autoherstellers einhalten, wir fordern umgekehrt aber auch, dass der Hersteller seinen selbstverständlichen Pflichten gegenüber seinen Partnern nachkommt. Wir fordern aktive Aufklärung und Verbindlichkeit.

Wie reagiert der VW-Konzern auf ihre Kritik?

Ich habe den Eindruck – und viele Kollegen bestätigen das -, dass ein Wandel bisher nicht spürbar ist. Auch die Zulieferer sagen, der VW-Konzern behandle sie unverändert mit derselben Arroganz. Ich beobachte auf Konzernseite verletzte Eitelkeiten, Machtgehabe, Egoismen und Angst um die eigene Karriere. Das Verhältnis zwischen Händlern und Hersteller ist schwer beschädigt, da ist viel Anspannung im Spiel.

Ich nehme an, dass Abgasskandal und Diesel-Diskussion auch in den Kunden- und Verkaufsgesprächen eine große Rolle spielen.

Oh ja. Sehr stark sogar. Wir müssen ungeheuer viel Zeit und Energie aufwenden, um die Unzufriedenheit und Verunsicherung der Kunden aufzufangen. Das ist anstrengend, sehr anstrengend. Wir sind gerne für unsere Kunden da und betreuen sie sehr gut. Aber im Moment haben wir am meisten damit zu tun, den Unterschied zwischen Feinstaub, Kohlendioxid und Stickstoffdioxid zu erklären oder welcher Diesel von einem Fahrverbot betroffen wäre. Ich bin mit der Marke Audi groß geworden. Ich hänge auch emotional daran. Wir werben mit dem Claim „Vorsprung durch Technik“ – das wird uns jetzt von manchen Kunden vorgehalten. Wir Händler können nichts dafür, bekommen aber die ganze Kritik ab. Das Thema ist omnipräsent, ich werde immer und überall darauf angesprochen, und auch in der Belegschaft wird ständig darüber diskutiert. Es ist schon vorgekommen, dass Mitarbeiter, die ein Hemd mit Audi-Zeichen trugen, in der Stadt angepöbelt wurden.

Wie wirkt sich die aktuelle Debatte aufs Geschäft aus?

Wir haben bis zu zehn Prozent Umsatzeinbußen in den letzten Monaten zu verzeichnen. Der Abgasskandal selbst hat sich gar nicht so sehr bemerkbar gemacht, aber die neue Diskussion über Schadstoffbelastung, Fahrverbote und Zukunft des Dieselmotors drückt auf das Geschäft. Ich blicke mit Sorge auf das kommende Geschäftsjahr, wenn allein bei uns über 450 Leasingverträge auslaufen. Davon sind 80 Prozent Dieselfahrzeuge. Ich weiß nicht, welchen Marktwert diese Fahrzeuge dann noch haben werden und wie sich Wertverluste auf die Bilanz auswirken werden.

Hilft Ihnen die Öko-Prämie nicht, die die Autohersteller beim Kauf eines Neuwagens geben?

Die Prämie ist nur ein Lückenfüller ohne dauerhaften Effekt. Sie hat ja auch zur Folge, dass viele Käufe jetzt vorgezogen werden. Nachhaltig ist das nicht. Und außerdem: Die Ökoprämie ist ein Instrument zur Wertevernichtung. Es tut mir in der Seele weh zu sehen, welche Autos in die Schrottpresse wandern. Viele sind in Topzustand und haben eigentlich noch einen guten Wert. Aber wir müssen sie verschrotten. Leider.

Wie können VW und Audi Ihrer Meinung nach den Abgasskandal aus der Welt schaffen, ohne den Konzern wirtschaftlich zu ruinieren?

Erstens, durch schonungslose Offenheit. Es muss Schluss sein mit der Salamitaktik, wie sie Audi-Chef Stadler praktiziert. Zweitens, der Hersteller muss weitere Maßnahmen umsetzen, um den Diesel nicht sterben zu lassen. Was der erste Dieselgipfel beschlossen hat, ist eindeutig zu wenig. Mit Softwareupdates allein ist das Problem nicht zu lösen und das Vertrauen der Kunden nicht zurückzugewinnen. Ich sage: Wer die Erfahrung aus der Vergangenheit nicht für die Gegenwart nutzt, braucht nicht an die Zukunft zu denken.


Zur Person

Berthold Konjer, 44, ist Geschäftsführer des Audi Zentrums Osnabrück und von Audi Klöker Vechta. Beide Betriebe gehören zur Starke-Gruppe. Konjer ist Mitglied des 15-köpfigen Audi-Markenbeirats, der die Interessen der Händler vertritt. Unter dem Dach des Volkswagen und Audi Partnerverband e.V. gibt es drei Markenbeiräte: für VW, Audi und VW Nutzfahrzeuge.

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