Liederabend mit Prégardien und Gees Musica Viva 2017 startet mit atemberaubender „Dichterliebe“

Eröffnung mit einem intimen Liederabend: Christoph Prégardien und Michael Gees in der Ehemaligen Kirche in Hagen aTW. Foto: David EbenerEröffnung mit einem intimen Liederabend: Christoph Prégardien und Michael Gees in der Ehemaligen Kirche in Hagen aTW. Foto: David Ebener

Hagen. Christoph Prégardien und Michael Gees haben in der Ehemaligen Kirche von Hagen a.T.W. das 29. Festival Musica Viva eröffnet. Ihre Interpretation von Schumanns „Dichterliebe“ war atemberaubend.

Nach der ersten Zugabe klopft Christoph Prégardien leise mit der rechten Hand auf den Rahmen des Klaviers: ein kleiner, warmherziger Applaus für Michael Gees, seinen Pianisten, ein kleiner Dank für die Akkordketten, mit denen er „Es leuchtet meine Liebe“ zu Ende führt. Und überhaupt ein Dank für die Sensibilität, mit der Gees die Gedanken und Emotionen des Sängers weitergedacht und -gefühlt hat. Gees ist vor allem im zweiten Teil des Abends in der Ehemaligen Kirchen in Hagen a.T.W. bei Robert Schumanns „Dichterliebe“ zum Protagonisten geworden. Weiterlesen: 2013 interpretieren Christoph Prégardien und Michael Gees Schuberts „Schwanengesang“

„Für ein sensibles und erfahrenes Publikum“

Schumanns hochemotionalen Liederzyklus nach Heinrich Heine und Lieder von Franz Schubert haben Gees und Prégardien aufs Programm ihres Liederabends gesetzt, und zwar, um damit das Festival Musica Viva zu eröffnen. Das ist insofern ungewöhnlich und auch ein bisschen mutig von Festivalleiter Herbert Vieth, als Liederabende nicht unbedingt als Kassenmagneten gelten, und eine Festivaleröffnung gemeinhin mit Pomp, Pauken und Trompeten assoziiert wird. Dafür verbrät man ein Viertel bis zur Hälfte des Festivaletats; Hauptsache, das Feuerwerk schillert in den leuchtendsten Farben. Und diesmal: ein Flügel, dezente Beleuchtung, zwei Männer, die Kunstlieder interpretieren. Das Haus ist trotzdem ausverkauft.

Das spricht dafür, wie gut Vieth sein Publikum kennt. Beim 29. Festivaljahrgang im Osnabrücker Land verwundert das allerdings auch nicht. Umgekehrt vertrauen ihm seine Gäste, und obendrein spricht der Erfolg des Eröffnungsabend für die Zuhörer: Vieth sagt ganz zurecht, ein Liederabend sei etwas „für ein sensibles und erfahrenes Publikum.“ Ein charmantes Kompliment an die Gäste.

Vor allem aber hat Vieth zwei Künstler verpflichtet, die das Festival und die Region mit wunderbaren Konzerten bereichert haben – von Schuberts „Winterreise“ schwärmen die, die dabeigewesen sind, noch heute. Diese Begeisterung dürfen die Zuhörerinnen und Zuhörer nun um die „Dichterliebe“ ergänzen. Weiterlesen: „Die Winterreise“ mit Prégardien und Gees

Zunächst führen Prégardien und Gees aber sehr bewegend vor Ohren, welche Schätze sich aus den rund 600 Lieder von Franz Schubert heben lassen: In einem wilden Ritt stürmen die beiden mit „Auf der Bruck“ (D 853) los, intim gestalten sie den „Lieblichen Stern“ (D 861), markant und drohend klingt „Im Walde“ (D 834) – Prégardien und Gees haben eine Folge zusammengestellt, die, wie Vieth es ankündigt, die „Winterreise“ vorwegnimmt. Tatsächlich überbringt Prégardien die emotionalen Achterbahnfahrten sehr bewegend – nicht als alter ego eines jugendlichen Wanderers, sondern als Erzähler. Der erlebt die Reise allerdings hautnah mit. Weiterlesen: Interview mit Christoph Prégardien

Auch Schumann schickt einen Wanderer in emotionale Abgründe. Tiefe Trauer grundiert die Stimmung, mal überdeckt durch sanfte Melancholie („Im Mai“), mal durch markante Strenge („Im Rhein, im heiligen Strome“). Prégardien spürt dem nach - mit sonorer Tiefe, mit einem packenden Forte, das in allen Lagen seines Tenors trägt. Und er setzt immer noch leise in der Höhe an; die Stimme klingt da nach Eisnebel, ein bisschen rau, aber licht, und mit überwältigender Sicherheit geführt. Und dann erzählt Prégardiens kongenialer Klavierpartner Michael Gees weiter, was Schumanns Gesangsmelodie und Heines Worte offen lassen. Oder beide führen in „Ich hab‘ im Traume geweinet“ einen stockenden Dialog, in dem schwarze Löcher klaffen, die jeden Hoffnungsschimmer aufsaugen. Solche Momente sind atemberaubend, solche Liederabende sind ein großes Geschenk


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN