Kritische Namensgeber Diskussion um politisch belastete Straßennamen in Osnabrück

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Saßen teils ablehnenden Anwohnern bei einem Informationsabend zur Umbenennung der Bergerhoffstraße gegenüber: von links Wolfgang Beckermann (Stadtrat), Christine Grewe (Büro Friedenskultur) und der Historiker Sebastian Weitkamp. Foto: Stefan BuchholzSaßen teils ablehnenden Anwohnern bei einem Informationsabend zur Umbenennung der Bergerhoffstraße gegenüber: von links Wolfgang Beckermann (Stadtrat), Christine Grewe (Büro Friedenskultur) und der Historiker Sebastian Weitkamp. Foto: Stefan Buchholz

Osnabrück. Die Giesbert-Bergerhoff-Straße im Stadtteil Atter soll umbenannt werden. Der Grund: Bergerhoff gehört für die Stadt zu jenen Personen, die das NS-Regime in verantwortlicher Position aktiv unterstützt haben. Bürger aus Atter sehen das teilweise anders.

Deutlich wurde das einmal mehr bei einer Informationsveranstaltung, zu der die Stadt Bewohner der Giesbert-Bergerhoff-Straße in den Treffpunkt Atterkirche eingeladen hatte. Stadtrat Wolfgang Beckermann räumte ein, dass man Bergerhoff – im Vergleich zu anderen, ebenfalls kritisch zu sehenden Namensgebern – in Atter „kannte und schätzte“. Nie gehe es daher darum, Menschen, die damals aktiv waren, zu verunglimpfen. „Es geht um Funktionen und Ämter, die die Namensgeber in der NS-Zeit innehatten“, so Beckermann.

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Ortsvorsitzender und -Bürgermeister

Das betreffe auch jene, die Namensgeber von Straßen nicht wegen ihrer Funktion im NS-Regime, sondern, wie im Fall Giesbert Bergerhoff, wegen ihrer späteren Tätigkeiten geehrt wurden. Bergerhoff war nach 1945 in Atter Ortsvorsitzender und -Bürgermeister, schilderte Christine Grewe vom Büro für Friedenskultur.

Der Historiker Sebastian Weitkamp (Gedenkstätte Esterwegen/Uni Osnabrück) referierte die, im Auftrag der Stadt, erarbeitete NS-Biografie von Giesbert Bergerhoff. 1896 geboren, Soldat im 1. Weltkrieg, später Landwirt und Mühlenbesitzer, trat Bergerhoff am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Dabei war er mehr als nur passives Mitglied, machte Weitkamp klar. Belegbar ist: Bergerhoff wurde ebenfalls 1933 Bürgermeister, ein Jahr später Zellenleiter, dann kommissarischer, später Ortsgruppenleiter in Atter. 1949 wurde Bergerhoff nach nicht langer Internierungshaft als Mitläufer entnazifiziert.

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Aktiv für Ziele der NSDAP eingesetzt

Weitkamps Fazit: Obschon konkrete Quellen fehlen, wie sich Bergerhoffs Tätigkeit als NSDAP-Funktionär ausformte, reiche zur Personenbeschreibung, dass er sich aktiv für die Ziele der Partei eingesetzt habe. „Ob gewollt oder ungewollt, stabilisierte Bergerhoff als Ortsgruppenleiter die Herrschaft der Partei vor Ort“, meinte Weitkamp.

Einwände gab es teilweise aus den Reihen der 20 Besucher. Es fehle das ganze Bild von Bergerhoff, monierten manche. Weitkamp sei nur auf die NS-Zeit eingegangen, nicht auf jene Jahre, in denen er sich persönlich für Flüchtlinge und den Ortsteil nach 1945 eingesetzt haben soll. Zudem hätte viele Menschen ihm nach Kriegsende Leumundszeugnisse ausgestellt. „Wenn Sie hier ein Straßenschild abbauen, fällen Sie ein Urteil, das nicht richtig ist“, so ein Besucher. Weitkamps Antwort: Sogenannte Persilscheine wie Unterschriftenlisten und Leumundszeugnisse sind kritisch zu sehen. Und der Historiker erinnerte daran, dass sich Bergerhoff später in der Bundesrepublik für die nationalkonservative Deutsche Partei engagierte.

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Verantwortungsgefühl der Bewohner

Ein anderer Besucher gab zu bedenken, dass Straßennamen mit belasteten Namensgebern auch das demokratische Verantwortungsgefühl der Bewohner berührten. „Solche Namen sind doch auch ein Signal und Symbol für die Kinder und Jugendlichen, die dort aufwachsen.“

Wie sieht es denn mit neuen Namensgebern aus?, fragte Stadtrat Beckermann. Konkret schlug eine Besucherin Hermann Siegert vor. Der Atteraner sei vor etwa zwei Jahren verstorben und habe zu Lebzeiten viel für die Historie und Dokumentation im Stadtteil gemacht.

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Umbenennungskosten übernimmt die Stadt

Die Kosten für eine mögliche Umbenennung der Adresse im Fahrzeugschein übernehme die Stadt, sicherte Wolfgang Beckermann zu. Sollte es zu der Umbenennung kommen, sei damit im Frühjahr 2018 zu rechnen.

Info: Zu zwei weiteren Umbenennungsvorhaben hat die Verwaltung die Bewohner zu Informationsveranstaltungen eingeladen. Die nächste findet am Montag, 23. Oktober, 19.30 Uhr, in der Aula des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums zum Heinrich-Röper-Weg statt. Ebenfalls dort wird über die mögliche Umbenennung der Carl-Diem-Straße am Donnerstag, 2. November, 19.30 Uhr, gesprochen.


Hintergrund:

Am 30. Mai dieses Jahres hat der Stadtrat beschlossen, das Verfahren für die Umbenennung von drei Straßen in Osnabrück zu eröffnen. Er folgte dabei Empfehlungen des Arbeitskreises Erinnerungskultur. In ihm sitzen Vereine und Initiativen aus dem Bereich Erinnerungskultur, Schulen und die Universität sowie Kirchen und Gewerkschaften. Dem voraus ging 2012 ein Auftrag des Rates an die Verwaltung, Straßen und Plätze auf jene Namensgeber abzuklopfen, die einer historisch-politischen Bildung entgegenstehen. Der Arbeitskreis Erinnerungskultur identifizierte schließlich drei Namensgeber von Osnabrücker Straßen: Giesbert Bergerhoff (Atter), Heinrich Röper (Schölerberg) und Carl Diem (Wüste). Alle drei hätten das nationalsozialistische Regime aktiv gestützt und getragen.

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