69 Fälle im vergangenen Jahr Exhibitionisten in Osnabrück: Vom Zwang, sich nackt zu zeigen

69 Fälle von Exhibitionismus hat es 2016 in Osnabrück gegeben. Symbolfoto: dpa69 Fälle von Exhibitionismus hat es 2016 in Osnabrück gegeben. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Fast wöchentlich berichtet die Osnabrücker Polizei von Fällen, in denen sich Männer in „schamverletzender Weise“ zeigen. Die Rede ist von sogenannten Exhibitionisten. Was treibt die Männer dazu, sich vor Joggern, Spaziergängern oder sogar Kindern zu entblößen? Und wie gefährlich sind Exhibitionisten?

57 Fälle von exhibitionistischer Handlung hat die Polizei Osnabrück im Jahr 2015 registriert, neun Fälle, in denen sich Männer vor Kindern entblößt und selbst befriedigt haben, kommen hinzu. 2016 waren es 55 Fälle von Exhibitionismus und 14 Fälle, die Kinder betrafen. Wie groß die Tätergruppe ist oder ob wenige Täter für viele Anzeigen sorgen, ist schwer zu sagen. Denn häufig können die Exhibitionisten nicht ermittelt werden. Polizei-Sprecherin Mareike Kocar erinnert sich jedoch an einen Fall aus Hellern, der schon ein paar Jahre zurückliegt: Ein Mann zeigte Kindern, die auf dem Weg zur Schule waren, seine Genitalien. Als die Polizei den Mann festnahm, konnte sie ihm dann gleich mehrere Fälle nachweisen.

Wer sind die Täter?

Die meisten Anzeigen erfolgen – es mag nahe liegen – während der warmen Jahreszeiten. „Wir können zwar nicht von einer Häufung an einem bestimmten Ort reden, aber oft zeigen sich Exhibitionisten an Orten, an denen ihnen viele Spaziergänger oder Jogger begegnen“, sagt Kocar. Das seien in Osnabrück zum Beispiel der Schölerberg oder der Rubbenbruchsee.

Juristisch gesehen macht es übrigens einen Unterschied, ob sich jemand einfach nackt zeigt, was einer „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ gleich käme, oder ob sich der Mann selbst befriedigt. Ja, wir sprechen hier allein von Männern, so wie es auch im Paragraf 183 des Strafgesetzbuches der Fall ist: „Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Im vierten Absatz des Gesetzes ist zwar dann die Rede von exhibitionistischen Handlungen von Männern und Frauen die Rede, „aber tatsächlich sind die Täter eigentlich immer Männer“, sagt Dr. Uwe Kinzel, Sexualmediziner und Chefarzt der Psychiatrischen Institutsambulanz des Ameos-Klinikums in Osnabrück.

Wie gefährlich sind die Täter?

„Von den angezeigten sexuellen Störungen ist Exhibitionismus die ungefährlichste“, sagt Kinzel. Dafür ist sie recht häufig – Kinzel und einem Forschungsbericht des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zufolge liegt die bundesweite Fallzahl relativ konstant bei 7000 bis 10.000 Fällen. „Das entspricht etwa einem Fünftel aller registrierter Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung“, heißt es in dem Bericht. Angst müsse man vor Exhibitionisten jedoch keine haben, meinte Kinzel: In fast allen Fällen bleibe es bei dem Zeigen, sexuelle Übergriffe – sogenannte „Hands-on-Delikte“ – seien äußerst selten. Auch die Opfer kämen meistens mit einem Schrecken davon. „Ich habe noch nie davon gehört, dass jemand durch eine Begegnung mit einem Exhibitionisten traumatisiert wurde“, sagt Kinzel. Es gebe zu dem Thema auch recht wenig aktuelle wissenschaftliche Literatur – ein Zeichen dafür, dass auch der Bedarf nicht groß sei.

Wie werden Menschen zu Exhibitionisten?

„Im Grunde gibt es vier Gruppen von Tätern“, sagt Uwe Kinzel. Täter mit Alkoholproblemen, intelligenzgeminderte Menschen und auch ältere Patienten, deren Libido durch bestimmte Medikamente, beispielsweise gegen Parkinson, gesteigert werde. „Es gab schon Fälle, in denen Patienten Pharmakonzerne verklagt haben, weil sie sexuell übergriffig geworden sind“, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie . Das sei zwar verhältnismäßig selten, komme aber vor.

Die vierte Tätergruppe bezeichnet Kinzel schließlich als „die Unauffälligen“. Menschen, die berufstätig, womöglich sogar verheiratet sind, und von denen man nie annehmen würde, dass sie sich vor Fremden entblößen. Kinzel spricht von sogenannten „Underachievers“ (Mindestleister), also Menschen, die nicht so viel erreicht haben, wie sie eigentlich wollten, und die keine sexuelle Erfüllung erleben.

Wenn sich diese „Unauffälligen“ vor Spaziergängern nackt zeigen, verspüren sie so etwas wie Macht, wenn sie eine Reaktion auslösen. „Sexuell klappt es bei ihnen nicht, aber wenn sie sich entblößen, dann passiert plötzlich etwas“, erläutert Kinzel, der selbst Menschen behandelt, die unter der Neigung leiden, sich öffentlich entblößen zu wollen. Neben einer Gesprächstherapie könnten Medikamente den Patienten helfen, ihr zwanghaft sexuelles Verhalten zu therapieren. „Das Problem ist nur, dass viele Patienten keine Medikamente einnehmen wollen“, sagt Kinzel.

Wie soll man auf Exhibitionisten reagieren?

„Ein Patentrezept, wie man sich gegenüber Exhibitionisten verhalten soll, gibt es nicht“, sagt Mareike Kocar von der Polizei Osnabrück. Dennoch rät sie dazu, selbstbewusst aufzutreten, sich vielleicht nach jemandem in der Nähe umzusehen, den man um Hilfe bitten könne – und natürlich die Polizei zu verständigen. Es solle auch Frauen geben, denen es geholfen hat, einen Exhibitionisten anzubrüllen und so in die Flucht zu schlagen – doch Kinzel rät davon ab. „Am besten sollte man gar nichts machen. Also keine Reaktion zeigen. Sich einfach abwenden, weggehen und dann natürlich Anzeige erstatten.“


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