Spannungen im St.-Anna-Stift Bewohner kritisieren Osnabrücker Mutter-Kind-Haus

Von Louisa Riepe

Hinter den dicken Mauern des St.-Anna-Stifts brodelt es: Klienten beschweren sich über das Osnabrücker Mutter-Kind-Haus. Foto: Jörn MartensHinter den dicken Mauern des St.-Anna-Stifts brodelt es: Klienten beschweren sich über das Osnabrücker Mutter-Kind-Haus. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Im Mutter-Kind-Haus St. Anna an der Lohstraße in Osnabrück leben Eltern, die alleine nicht für ihre Kinder sorgen können. Mehrere Bewohner haben sich bei unserer Redaktion gemeldet, um über die angespannte Situation vor Ort zu berichten.

„Nehmt sie mit, bevor noch etwas Schlimmeres passiert.“ Mit diesem Satz fing für Maria Schmidt (Name von der Redaktion geändert) alles an. Als Kind von der Mutter geschlagen, mit 16 Jahren zwangsverheiratet und unter psychischen Problemen leidend, bekam sie mit 21 Jahren Zwillinge. Und war, wie sie selbst im Rückblick feststellt, vollkommen überfordert. Der verhängnisvolle Satz fiel, als sie ihre Kinder in die Obhut des Jugendamtes gab. Auch ein drittes, das zwei Jahre später geboren wurde, lebt heute in einer Pflegefamilie. Erst bei der vierten Schwangerschaft ergriff Maria Schmidt die Initiative und ging selbst zum Jugendamt.

Die Behörde ließ ihr das Kind nur unter einer Bedingung: Sie muss in ein Mutter-Kind-Haus einziehen. Der erste Platz wurde im St.-Anna-Stift an der Lohstraße in Osnabrück frei, einer Einrichtung der Caritas. Dort bringt das Jugendamt Alleinerziehende unter, die mit der Betreuung ihres Kindes überfordert sind. Das betrifft häufig Minderjährige. Aber auch Frauen mit psychischen Beeinträchtigungen, aus gewalttätigen Beziehungen oder mit einer Drogenvergangenheit leben in der Einrichtung. Jede zweite Mutter verlässt das Haus allein. Dann entscheidet das Jugendamt, dass das Kind zu seinem Wohl in einer Pflegefamilie untergebracht wird.

Spagat zwischen Kindeswohl und Förderung der Mutter

Die Betreuer in der Einrichtung bringt das in eine Zwickmühle: Zum einen sollen sie die Mütter fördern, damit diese ihren Alltag selbstständig gestalten und die Familie versorgen können. Gleichzeitig ist es oberste Pflicht der Betreuer, die Kinder zu schützen. Und nicht immer sind die beiden Ziele ohne Weiteres miteinander in Einklang zu bringen.

Zum Beispiel können die Bewohner die Einrichtung ohne Absprache nach 21 Uhr nicht mehr verlassen. Dann wird die alarmgesicherte Haustür abgeschlossen – auch um mögliche Besucher fernzuhalten. Aus Sicht von Leiterin Marie-Luise Balter-Leistner ist das nötig: „Wir sind hier mitten in der Stadt und möchten verhindern, dass Personen in unser Haus kommen, die hier nichts verloren haben.“ Gewalttätige Väter beispielsweise.

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Für manche Bewohner des Hauses grenzt diese Regel jedoch an Freiheitsberaubung. „Nicht mal zum Rauchen können wir raus“, beschreibt Maria Schmidt. Die Redaktion kennt ihren richtigen Namen, veröffentlicht ihn aber zu ihrem eigenen Schutz nicht. Dasselbe gilt für die anderen acht Elternteile, die uns ihre unterschiedlichen Probleme mit dem Osnabrücker Mutter-Kind-Haus schildern. Einige Beschwerden kommen dabei immer wieder vor.

Harte Regeln, renovierungsbedürftiger Bau, ungerechte Berichte?

Da sei zum einen das harte Regelwerk im Haus: Besucher müssen sich bei den Betreuern vorstellen, Übernachtungen von Gästen sind verboten. Wer am Wochenende zu seiner Familie will, muss einen Antrag stellen, der in Absprache mit dem Jugendamt bearbeitet wird. Manchmal, schildert eine Mutter, werde wochenlang nichts genehmigt, weil die Behörde mit der Bewilligung nicht nachkomme.

Außerdem müsse die Bausubstanz des St.-Anna-Stifts dringend renoviert werden, sagen die Eltern. In einigen Zimmer des Altbaus bilde sich angeblich Schimmel. Trotz mehrfacher Meldung sei dagegen nichts unternommen worden. Einrichtungsleiterin Balter-Leistner will davon nichts wissen und verweist auf eine „aktive Beschwerdekultur“, die im Osnabrücker Mutter-Kind-Haus gelebt werde. „Wenn etwas ist, sollen die Bewohner sich melden, und wir kümmern uns darum.“ Allerdings gibt sie zu, dass bisher zu wenige Rauchmelder installiert wurden. Seit 2016 müssen in Fluren, Kinder- und Schlafzimmern Warnanlagen angebracht sein, die im Falle eines Feuers auch schlafende Personen wecken. „Der Mangel ist erst jetzt deutlich geworden und wird in Kürze behoben“, versichert die Chefin.

Damoklesschwert Kindesentzug

Die größten Probleme machen den Bewohnern von St. Anna aber die Berichte, die ihre Betreuer mindestens einmal pro Halbjahr an das Jugendamt schicken. Darin geht es vor allem um die Entwicklung von Mutter und Kind. „Was die Einrichtung über uns schreibt, ist maßbegebend“, sagt eine Mutter. Die Eltern fühlen sich dem Urteil der Pädagoginnen geradezu ausgeliefert: „Wenn wir nicht nach ihrer Nase tanzen, wird uns das Kind weggenommen“, berichtet eine andere Frau.

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Überhaupt ist die Angst groß, dass das eigene Kind an eine Pflegefamilie übergeben wird. Das bestätigt auch Balter-Leistner: „Das Jugendamt und die Gerichte sagen ganz klar: Es ist die letzte Chance, wenn die Frauen mit ihrem Kind zusammenbleiben wollen.“ Mit dem Kindesentzug gedroht werde allerdings nie. Sie verweist auf die fachliche Qualifikation ihrer Mitarbeiterinnen, die stattdessen versuchen würden, verlässliche und vertrauensvolle Beziehungen zu den Frauen aufzubauen.

„Ich hatte keine Chance“

Dass das nicht immer gelingt, davon zeugen die Aussagen der Bewohner: „Ich hatte von vornherein keine Chance“, sagt eine. „Es ist hier wie im Gefängnis“, eine andere. „Man kommt hier nicht wieder raus.“ Dass diese Äußerungen nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, bestätigen zwei Experten, die mit zwei Bewohnerinnen des Mutter-Kind-Hauses zu tun hatten. „Ich hatte persönlich den Eindruck, dass das Personal in der Einrichtung meiner Mandantin nicht wohlwollend gegenüberstand“, sagt Anwältin Kathleen Heine. Sie vertrat die Familie im Sorgerechtsstreit und hat sich mehrfach telefonisch für die Belange ihrer Klientin eingesetzt. Insbesondere die Ausgangsregelungen waren dabei Thema: „Ich habe meine Zweifel, dass das berechtigt ist“, sagt sie.

Genau wie sie war auch Psychotherapeut Hauke Mentz nie selbst im St.-Anna-Stift. Aber er hat persönlich mit einer Betreuerin gesprochen und sagt: „Ich halte die Erzählungen meiner Patienten im Wesentlichen für glaubwürdig.“ Er sehe durchaus einen Zusammenhang zwischen der angespannten Situation im Mutter-Kind-Haus und einem aggressiven Verhalten seiner Klientin: „Da kann man doch nur wütend werden, wenn man nicht ernstgenommen wird“, sagt er.

Schmidt darf ausziehen

Auch das zuständige Jugendamt hat inzwischen erkannt, dass eine Zusammenarbeit zwischen Maria Schmidt und dem Osnabrücker St.-Anna-Stift nicht funktionieren kann. Sobald ein Platz frei wird, darf sie deshalb in eine ähnliche Einrichtung in Vechta umziehen: „Man hat mir gesagt, dass das wirklich meine letzte Chance ist.“ Dieses Mal will Schmidt sie nutzen.

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