Die Kugel rollte nur sechs Jahre Für die Spielbank wurde die Vitischanze aufwändig umgebaut

Von Joachim Dierks

Bei der Eröffnung des Spielcasinos in der Vitischanze war der Andrang groß. Doch schon bald flaute das Interesse ab. Foto: Gert WestdörpBei der Eröffnung des Spielcasinos in der Vitischanze war der Andrang groß. Doch schon bald flaute das Interesse ab. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Am 1. November 2001 rollt in der Spielbank Vitischanze erstmals die Kugel. Osnabrück wird zum Standort der zehnten niedersächsischen Spielbank. Als Novum in Niedersachsen ist der Spielbetrieb aufgeteilt: Das Automatengeschäft läuft im neuen Kinocenter am Hauptbahnhof, das „große Spiel“ mit Roulette- und Black-Jack-Tischen in der Vitischanze.

Die Stadtspitze freut sich auf die Konzessionsabgaben, spricht von einer „infrastrukturellen Bereicherung“ und einem großen Imagegewinn durch das neue Angebot und erhofft sich Zuwächse im Städtetourismusgeschäft. Kritische Stimmen, die vor der Förderung der Spielsucht warnen, weil das Casino erklärtermaßen gerade die junge Generation an die Spieltische und die „einarmigen Banditen“ holen will, finden kaum Gehör. OB Hans-Jürgen Fip argumentiert sinngemäß: Wenn wir’s nicht tun, tun’s andere.

Das Büro Ahrens und Pörtner entscheidet den Architekturwettbewerb für sich. Ein moderner Kubus mit viel Glas und Metalllamellen für 8,5 Millionen DM tritt an die Stelle des Gaststättengebäudes von 1960. Die Osnabrücker sind geteilter Meinung: Einige sprechen von einer Verunstaltung des historischen Stadtbildes, andere lassen sich von der „gelungenen Symbiose von Alt und Neu“ begeistern.

Der städtische Denkmalpfleger Bruno Switala räumt einen „Bruch mit vertrauten Sehgewohnheiten“ ein, erteilt dem Neubau aber seinen Segen. Es seien keine romantischen Verklärungen versucht, sondern klare Verhältnisse geschaffen worden: hier alte Bausubstanz, dort die neue.

Aus Bad Bentheim wird das „Große Spiel“ an den Tischen abgezogen, weil es dort wegen der Konkurrenz des nahen Enschede nicht mehr läuft. Am 1. November 2001 treten 85 Mitarbeiter aus Bentheim ihren neuen Arbeitsplatz in der „romantischsten Spielbank Deutschlands“ in der Vitischanze an. Doch schon im Folgejahr müssen die Verantwortlichen einräumen, dass die Planvorgaben nicht erreicht wurden. Vor allem das klassische Tischspiel sei absolut defizitär. Es verschlinge 76 Prozent der Personalkosten, das Automatenspiel nur 24 Prozent. Bei den Erträgen sei es umgekehrt: Die Vitischanze erwirtschafte nur 19 Prozent, das Casino am Bahnhof 81 Prozent.

Eine Weile geht es mit der Quersubventionierung der Vitischanze durch den Bahnhof gut. Im März 2007 verkünden die Spielbanken Niedersachsen GmbH dann die geplante Zusammenlegung von Tisch- und Automatenspiel am Bahnhof. Damit werde ein „grundlegender Strukturfehler“ korrigiert, denn die Trennung sei an den Bedürfnissen des Publikums vorbeigegangen. Die Jüngeren legten keinen Wert mehr auf angestaubtes Casino-Flair mit Abendgarderobe, sondern wollten „Technik und Animation“.

Im April 2008 wird die Vitischanze geräumt. Die Stadt befindet sich in der einigermaßen komfortablen Situation, dass der bis 2016 laufende Mietvertrag ihr weiterhin monatliche Einnahmen von 19000 Euro verspricht.

Im September 2008 ist mit der Fachhochschule ein neuer Mieter gefunden. Der Studiengang „Industrial Design“ zieht ein, zahlt aber eine geringere Miete als zuvor die Spielbank. Für die Differenz steht die Spielbank gerade. Damit ist es nun auch schon wieder vorbei, seit Ende März 2017 steht die Vitischanze leer. Die Stadt als Eigentümerin ist auf der Suche nach einer neuen Nutzung.


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