Choreos vereint Tanz und Musik Internationales Chorprojekt aus Osnabrück im Berghain

Von Ralf Döring


Stephan Lutermann hat ein neues Projekt: Zusammen mit Choreograf Lars Scheibner startet er Choreos. Im Berghain in Berlin.

Europa trifft sich auf fünf mal fünf Meter. Gut, nicht ganz Europa: Sechzehn Sängerinnen und Sänger stehen dicht gedrängt in einem Quadrat, das ein Klebeband markiert. Auf ein Zeichen von Stephan Lutermann fangen sie an zu singen, auswendig. Gleichzeitig setzen sie Musik und Text in Bewegung um. Gerade richten sie Peter Jensen auf, den groß gewachsenen Tenor. Wie Jesus am Kreuz steht er da, die Arme weit ausgebreitet, die Füße verschränkt, so wie man das vom Kruzifix kennt. Dazu erklingt „The Tyger“ von dem 1985 geborenen Emil Raberg, nach dem Text des britischen Dichters William Blake.

Von der Fattoria Musica ins Berghain

Es sieht anmutig aus, und es hört sich toll an, was sich hier im großen Raum fattoria musica abspielt. Diesen Donnerstag zündet der Chor die nächste Stufe – nicht abgeschieden in der Idylle des Tonstudios vor den Toren Osnabrücks, sondern dort, wo junge und nicht mehr ganz so junge Menschen sich in die Einheit mit der Musik hineintanzen, wie Choreograf Lars Scheibner meint: Im Berghain, dem Technoclub in Berlin-Friedrichshain. Weiterlesen: „Die Johannes-Passion“ von Andrej Woron

Hier wird Choreos an diesem Donnerstag und Freitag „The Tyger“ vorstellen, nach dem Gedicht von Blake und der Musik zeitgenössischer Komponisten, in Bewegung übersetzt von Lars Scheibner. Das ist der Ansatz von Choreos, eines Projekts, das der Kirchenmusiker Lutermann und Scheibner vor anderthalb Jahren ins Leben gerufen haben, um den Chorgesang neu zu definieren. Und zwar, indem sie ihn zu seinen Wurzeln zurückführen. Nicht zufällig fand das Kennenlernen und die erste Arbeitsphase auf Kreta statt: Wenn die Beteiligten aus ganz Europa einfliegen, ist es egal, wo man sich trifft. Außerdem ist Kreta günstiger als Deutschland, sagt Lutermann. Und schließlich verfügt der Arbeitsort über hohen Symbolcharakter: Die Griechen haben vor dreitausend Jahren das Theater erfunden und damit den Chor. Und der sang, sprach, tanzte. „Wir erfinden nichts Neues“, sagt Lutermann. „Wir beziehen uns auf die alte Einheit von Tanz, Gesang und Poesie“.

Künstler mit Mut zum Experiment

Nun muss das Alte trotzdem neu erfunden werden, und dafür braucht es Künstler mit dem Mut zum Experiment. Sänger an der Schwelle zum Berufsleben haben die beiden Choreos-Leiter zusammengesucht, aus europäischen Musikhochschulen.

Dabei wollte sich Lutermann auf den Nachwuchs aus Deutschland beschränken. Dann sprach er aber mit Vertretern der Felicitas und Werner Egerland Stiftung, und die trägt den europäischen Gedanken in ihren Förderrichtlinien und damit mitten ins Projekt. Also treffen sich der Gesangsnachwuchs aus Russland, Bulgarien, Holland, Österreich und fünf weiteren Nationen. Das kostet: Mit 120000 Euro schlägt dieses erste Choreos-Projekt zu Buche. Gut 10000 Euro hat eine Crowd-Funding-Aktion gebracht, den Löwenanteil von 89000 Euro aber bestreitet die Egerland Stiftung. Ein großer Vertrauensbeweis, findet Lutermann. Man kennt sich halt von der choreografierten Fassung des Brahms-Requiems, die Lutermann und Scheibner mit dem Vokalconsort Osnabrück realisierten. Deshalb packt die Stiftung aufs Geld eine Art künstlerischen Blankoscheck drauf: „ Choreos beschreitet gänzlich neue Wege ohne Geling-Garantie“, sagt Felix Osterheider vom Vorstand der Egerland Stiftung, „und dieser gestalterische wie organisatorische Wagemut hat uns bewogen, Starthilfe zu geben.“ Weiterlesen: Das Deutsche Requiem von Brahms getanzt

Zum Wagemut kommt detaillierte Planung – der Auftrittsort ist mit Bedacht gewählt. Denn Scheibner hat im Berghain bereits mit dem Rundfunkchor Berlin die Kammeroper „Savitri“ von Gustav Holst inszeniert. „Man riecht und schmeckt hier die Sehnsucht nach dem Trancezustand.“ Die Sehnsucht nach der Vereinigung mit der Musik, nach der „Einheit in der Unvereinbarkeit“, sagt Scheibner. Spricht er da jetzt von Choreos oder vom Berghain? Egal. Fest steht: Zutritt zur Clubnacht im Berghain verschafft das Projekt nicht. Wer sich nach „The Tyger“ in Trance tanzen will, muss die Türsteher passieren, wie jeder andere auch. Oder eben auch nicht.