Die Friedenskirche in Osnabrück Ein Denkmal der deutsch-niederländischen Freundschaft

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Osnabrück. Der Name „Friedenskirche“ ist nicht etwa ein Einfall des Osnabrücker Stadtmarketings, um dem Etikett „Friedensstadt“ zu mehr Geltung zu verschaffen. Vielmehr steht dieser Name schon in der Gründungsurkunde, die die evangelisch-reformierte Gemeinde 1925 im Grundstein der Kirche versenkte.

„Christus ist unser Friede“ – so lautet die Inschrift im Bogen über der Kanzel in der Friedenskirche an der Klöntrupstraße im Stadtteil Schölerberg. Wenige Jahre nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs war der Wunsch der Gemeindeglieder nach Frieden nur allzu verständlich. Deshalb sollte die neue Kirche diesen Namen tragen und zugleich die christliche Überzeugung ausdrücken, dass wahren Frieden nur die Gegenwart Gottes bringen kann. Daneben gab es noch einen ganz profanen Grund für die Benennung: Die längs an der Kirche vorbeiführende Bielefelder Straße hieß bis zu ihrer Umbenennung 1921 Friedensstraße.

Auswirkungen des Westfälischen Friedens

Indirekt hat die Kirche auch etwas mit dem Westfälischen Frieden zu tun. Denn erst mit dem Vertragswerk von 1648 wurde die protestantisch-reformierte Glaubensrichtung überhaupt kirchenrechtlich anerkannt. Noch im Augsburger Religionsfrieden von 1555, der das Luthertum rechtlich etablierte, war von den Reformierten keine Rede, hätten sie streng genommen im ganzen Reich als „Ketzer“ verfolgt werden können. So hat der Friede von Osnabrück und Münster den geordneten Aufbau der evangelisch-reformierten Kirchen in all ihren Ausprägungen ermöglicht.

Mehr als 10 Prozent waren Reformierte

Bis 1800 spielten Reformierte in Osnabrück fast keine Rolle. Hochburgen reformierten Gemeindelebens waren die benachbarten Grafschaften Tecklenburg und Bentheim sowie Ostfriesland und die Niederlande. Durch Zuwanderer aus diesen Gebieten und Nachkommen der Hugenotten wuchs im Laufe des 19. Jahrhunderts die reformierte Gemeinde in Osnabrück zu beachtlicher Größe heran. Bei einer Gesamteinwohnerzahl Osnabrücks von 51.000 im Jahr 1902 bekannten sich mehr als 10 Prozent, nämlich 5500, zum reformierten Glauben. Der Gründung einer eigenständigen Gemeinde 1889 folgte der Bau der Bergkirche 1893 als überhaupt erster Kirchenneubau in Osnabrück seit der Reformation.

Die Friedenskirche an der Klöntrupstraße beeindruckt seit 1926 mit ihrer schlichten Architektur und dezenten Jugendstil-Elementen. Das Pfarrhaus (rechts) erscheint fast reicher gegliedert als die Kirche selbst. Foto: Archiv der ev.-ref. Gemeinde Osnabrück

Wunsch nach wohnortnaher Kirche

Nun lag die Bergkirche aber im Nordwesten der Stadt, und die Gemeindeglieder im Süden und Südosten äußerten bald den Wunsch nach einer wohnortnäheren seelsorglichen Betreuung. Eine zweite Pfarrstelle wurde 1902 bewilligt, und 1908 entstanden in der Klöntrupstraße ein Pfarrhaus und ein Konfirmandensaal. Eine „richtige“ Kirche mit Platz für 450 Besucher sollte folgen, als bewusste Ergänzung zu den Südstadtkirchen der beiden anderen großen Konfessionen, der Lutherkirche (1907–1909) und der katholischen Josephskirche (1913–1917).

Die Inflation vernichtete den Bauetat

Die Sache verzögerte sich aber durch die Wirren des Krieges und der Inflation, das zuvor gesammelte Geld war nichts mehr wert. Dem damaligen Pastor Engels gelang es daraufhin, die niederländische reformierte Kirche zur Mitfinanzierung zu gewinnen. Ministerpräsident Hendrikus Colijn spendete persönlich. 1925 konnte mit dem Bau begonnen werden, am 7. November 1926 erfolgte die feierliche Innutzungnahme. Architekt Lothar Gürtler hatte eine schlichte Predigtkirche mit sparsamen Zierelementen eines späten Jugendstils entworfen. Das Mauerwerk ist mit Bruchsteinen des Westerbergs ausgeführt, Fensterrahmungen und Gesims bestehen aus Ibbenbürener Sandstein, ein bescheidener Dachreiter trägt das Geläut. Der Innenraum verzichtet bewusst auf eine elaborierte künstlerische Ausgestaltung und konzentriert alles auf die Verkündigung von Gottes Wort.

Gemeinde für Zwangsarbeiter

Im Zweiten Weltkrieg besann sich auch Pastor Anton Knoop auf die Unterstützung aus dem Nachbarland und organisierte eine „Nederlandse protest. Oecum. Noodgemeente“ für niederländische Zwangsarbeiter. Das war eine gefahrvolle Angelegenheit. Die Gestapo überwachte die Predigten und versuchte immer wieder, die seelsorgerische Betreuung der Zwangsarbeiter zu verhindern. Pastor Knoop machte mutig weiter, obwohl ihm mehrfach das KZ angedroht wurde.

Zerstörung 1944

1944 beendeten Bombentreffer das kirchliche Leben. Die Friedenskirche erlitt schwere Beschädigungen und brannte aus, das benachbarte Pfarrhaus wurde dem Erdboden gleichgemacht. In den ersten Nachkriegsjahren stand für den Gottesdienst nur ein Sitzungszimmer zur Verfügung, sodass die Gottesdienste mehrmals hintereinander gefeiert wurden. Die Gemeinde bemühte sich in der folgenden Zeit, die Kirche wiederaufzubauen. Interne Sammlungen und Zuwendungen der Landeskirche ermöglichten den Beginn mit einem Notdach.

Telegramm der Königinmutter

Entscheidende Zuwendungen kamen ein weiteres Mal aus den Niederlanden, diesmal im Besonderen aus Dankbarkeit für die Betreuung der Zwangsarbeiter. Zur Wiederweihe am ersten Advent 1951 kamen niederländische Würdenträger und ehemalige Zwangsarbeiter. Königin Juliana entsandte ihren Hofprediger, Königinmutter Wilhelmina schrieb in einem Grußtelegramm: „Am Tage der Einweihung […] drängt es mich, im dankbaren Gedenken für alles, was Ihre Gemeinde während des Krieges für unsere nach dort verpflichteten Landsleute getan hat, herzlich zu danken.“ Die ehemaligen Zwangsarbeiter Kayser und Kreuthof aus Rotterdam brachten als Geschenk zwei Kerzenleuchter mit. Sie erzählten aus ihrer Leidenszeit in Osnabrück. Sie hätten aber auch Liebe und Güte erfahren und niemals die Achtung vor jenen Deutschen verloren, die ihre Gottesfurcht bewahrt hätten.

In der weiteren Nachkriegsgeschichte machte die Friedenskirche ihrem Namen alle Ehre. Zu dem Versöhnungswerk mit den Niederlanden trat insbesondere ihr Engagement für ein Ende des Apartheid-Regimes in Südafrika hinzu.

Reformierte Gemeinde muss Kirchen aufgeben

Ende 2007 sah sich die reformierte Kirche in Osnabrück zu einschneidenden Änderungen gezwungen. Den Zeitentwicklungen gehorchend, trennte sie sich von drei ihrer fünf Gotteshäuser. Die Neubaukirchen der Nachkriegszeit, die der Versorgung in zentrumsferneren Stadtteilen dienten, wurden entwidmet: die Atterkirche an der Karl-Barth-Straße (jetzt Begegnungszentrum des Vereins „Wir in Atter“), die Gnadenkirche an der Rappstraße (abgerissen und jetzt Standort einer Kindertagesstätte) und die Erlöserkirche an der Lerchenstraße (jetzt rum-orthodoxe Kirche).

Umwidmung zur Jugendkirche

Erhalten blieben die Bergkirche am Westerberg als „Mutterkirche“ der 6000 reformierten Protestanten in Stadt und Landkreis Osnabrück und die Friedenskirche, die im Zuge der Umstrukturierung ihre neue Bestimmung als Jugendkirche erhielt. Sie ist jetzt ein Ort, an dem sich junge Menschen versammeln, regelmäßig einen eigenen Jugendgottesdienst vorbereiten und feiern, an dem gesungen, Musik gemacht, getanzt und Theater gespielt wird.


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