Babyklappe und vertrauliche Geburt in Osnabrück Als Baby anonym abgegeben: „Deine Mutter wollte, dass du lebst“

Wenn Frauen sich nicht in der Lage sehen, ihr Kind selbst groß zu ziehen oder sich sogar bedroht fühlen, sehen sie die Babyklappe vielleicht als letzten Ausweg. Doch es gibt auch andere Angebote in der Schwangerschaftsberatung, die den Frauen eine bessere Unterstützung garantieren. Foto: dpaWenn Frauen sich nicht in der Lage sehen, ihr Kind selbst groß zu ziehen oder sich sogar bedroht fühlen, sehen sie die Babyklappe vielleicht als letzten Ausweg. Doch es gibt auch andere Angebote in der Schwangerschaftsberatung, die den Frauen eine bessere Unterstützung garantieren. Foto: dpa

Osnabrück. Vier Kinder sind in Osnabrück seit 2001 in der Babyklappe in der Johannisstraße gefunden worden, fünf weitere im geschützten Rahmen der vertraulichen Geburt auf die Welt gekommen, andere anonym geboren worden. Was treibt Frauen dazu, ihre Babys abzugeben? Und wie leben die Kinder mit diesem Wissen?

Manchmal werden Frauen schwanger und sehen sich nicht in der Lage, ihr eigenes Kind auszutragen und aufzuziehen. Die Ursachen dafür sind sehr unterschiedlich. Angst vor Gewalt, ein schwieriger familiärer Hintergrund, strenge kulturelle oder religiöse Gründe, eine finanzielle Notsituation, psychische Probleme – „kein Fall lässt sich mit dem anderen vergleichen“, sagt Sylvia Heggemann von der Schwangerenberatung des Sozialdiensts katholischer Frauen (SKF) in Osnabrück. Alter, Nationalität, Lebensumstände – völlig verschieden. Und nein, es sind längst nicht nur Frauen aus der sogenannten Unterschicht, für die eine ungewollte Schwangerschaft zu einer ausweglos erscheinenden Situation werden kann.

Mütter, die sich aus lauter Panik und Verzweiflung von ihrem Kind trennen müssen, und denen der Gang zu Jugendamt oder Adoptionsberatung unmöglich erscheint, denen kommt wohl am ehesten die sogenannte „Babyklappe“ in den Sinn. Hier kann ein Neugeborenes anonym bei einer Institution in ein Wärmebett gelegt werden. Babyklappen gibt es zum Beispiel in Nordhorn, in Braunschweig – und in Osnabrück. 2004 wurde erstmals ein Säugling dort abgegeben. Alles, was dem Säugling von seiner leiblichen Mutter blieb, ist eine Stoffdecke, in die seine Mutter ihn damals gewickelt hatte, damit er nicht fror.

„Babyklappe wird zu Recht kritisch gesehen“

Eigentlich reden Sylvia Heggemann und Maria Lückmann vom SKF nicht gerne über die Babyklappe. „Die Babyklappe wird zu Recht kritisch gesehen“, sagt Maria Lückmann. Nein, abschaffen wollen die beiden langjährigen Mitarbeiterinnen von der Schwangerenberatung die Babyklappe nicht, aber dafür werben wollen sie eben auch nicht. Für Frauen, die keinen Ausweg aus ihrer Notsituation sehen, gebe es andere Wege – bessere Wege.

Anonyme oder vertrauliche Geburt

Die Kritik an der Babyklappe setzt vor allem an zwei Punkten an: „Frauen, die diesen Weg gehen, sind vorher alleine und werden nicht medizinisch betreut“, sagt Heggemann. Weder die Mütter noch ihre Kinder werden direkt nach der Geburt ärztlich versorgt. Bei einer sogenannten anonymen Geburt wäre das anders: Die Frauen bringen ihre Kinder im Krankenhaus auf die Welt, doch ihre Personalien werden nicht festgehalten. Auch bei einer vertraulichen Geburt kommt das Baby im Krankenhaus zur Welt, hier werden jedoch die Personalien der Mutter hinterlegt. Im Alter von 16 Jahren dürfen die Kinder diese Angaben einsehen – und damit etwas über ihre Herkunft erfahren. (Weiterlesen: Verzweifelte Mütter entscheiden sich häufig für vertrauliche Geburt)

Ein Akt der Liebe

Die vertrauliche Geburt wurde im Mai 2014 gesetzlich verankert, fünf Frauen sind seither in Osnabrück diesen Weg gegangen, vier davon wurden vom Sozialdienst katholischer Frauen begleitet. „Wir sind erstaunt, wie gut dieses Angebot angenommen wird“, sagt Heggemann. Offenbar gehe es doch vielen Frauen so, dass sie sich in einer akuten Notsituation befinden, jedoch das Gefühl haben, dass in 16 Jahren die Welt ganz anders aussehen könnte – und sie dann gerne Kontakt zu ihrem Kind hätten.

In Osnabrück gibt es eine Gruppe von Eltern, die Kinder aus der Babyklappe oder anonym Geborene bei sich aufgenommen haben. Wie soll man mit Kindern umgehen, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in das Wärmebettchen am Kinderheim St. Johann abgelegt wurden? Die von ihrer Mutter geboren und dann in die Hände des Krankenhauspersonals übergeben wurden? „Wichtig ist es, diesen Kindern klar zu machen: Deine Mutter wollte, dass du lebst“, sagt Maria Lückmann. „Es mag zunächst seltsam klingen, aber ein Kind abzugeben, ist ein Akt der Liebe.“

Das sei auch etwas, das alle Frauen, die zu der Schwangerenberatung kommen eint: Sie alle wollen, dass es ihrem Kind gut geht. Alle stellen sie dieselbe Frage: „Ist das eine gute Familie, in dem mein Kind aufwächst?“ Die Frauen wünschen sich eine geordnete und liebevolle Umgebung für ihr Kind; also etwas, das sie selbst nicht bieten können. Und so schwer es Adoptiveltern fallen mag, so ist es doch für eine gelungene Adoption wichtig, diese Wertschätzung der leiblichen Mutter entgegenzubringen.

Jedes Kind braucht eine Geschichte

Sylvia Heggemann erinnert sich an ein Kind, das einst in der Babyklappe abgelegt wurde und dann im Alter von etwa fünf Jahren zusammen mit seinen Pflegeeltern das Kinderheim St. Johann besuchte. „Jedes Kind braucht eine Geschichte“, sagt Heggemann. Andere Eltern erzählen ihren Kindern, was es für ein Tag war, an dem sie geboren wurden. Welche Uhrzeit war es, wie war das Wetter, wann ging es los, was haben sie gedacht, als sie plötzlich das Baby in die Arme gelegt bekommen habe? Dabei habe die Familie auch die Ordensschwester getroffen, die in der damaligen Nacht Dienst hatte und das Kind in der Babyklappe fand. „Sie hat dann auch aufgeschrieben, wie es für sie damals war, das Baby zu finden und was ihr durch den Kopf ging“, sagt Heggemann. Wie gesagt: Jedes Kind braucht eine Geschichte. (Weiterlesen: Wie eine Osnabrücker Mutter ihre Wochenbettdepression überwand)

Viel mehr wollen die beiden SKF-Mitarbeiterinnen aber nicht zu der Babyklappe sagen. Sie haben aus ihren Erfahrungen gelernt. Denn als 2004 über den ersten in der Osnabrücker Babyklappe gefundenen Säugling berichtet wurde, schlugen die Wellen hoch: Zum einen meldeten sich zahlreiche Menschen, die sich bereit erklärten, den Neugeborenen bei sich aufzunehmen – was nicht gerade im Sinne eines Adoptionsverfahrens ist – zum anderen kursierten Gerüchte, wer denn „das Babyklappen-Baby“ sein könnte. Mittlerweile sind in Osnabrück vier Kinder in die Babyklappe gelegt worden. Über alle wurde berichtet, jedoch bewusst zeitverzögert.

Recht auf Wissen um die eigene Abstammung

Vor einigen Jahren empfahl der Deutsche Ethikrat, Babyklappen und die anonyme Geburt generell abzuschaffen. Das Recht des Kindes, seine Herkunft zu kennen, würde so verletzt werden. Auch Maria Lückmann und Sylvia Heggemann wäre es lieber, dass das Angebot der vertraulichen Geburt bekannter wäre als das der Babyklappe. „Und natürlich wäre es super, wenn alle Angebote überflüssig wären“, sagt Heggemann. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. „Alle drei Angebote, also Babyklappe, anonyme und vertrauliche Geburt müssen bestehen bleiben“, sagt sie. Und wenn Frauen über das Schlagwort „Babyklappe“ durch Flyer, Internetrecherche oder einen Anrufe auf die anderen Möglichkeiten aufmerksam werden, ist schon viel erreicht.


Babyklappe in Osnabrück

Die Osnabrücker Babyklappe wurde 2001 am Kinderheim St. Johann angebracht und wird vom SKF, dem Kinderheim St. Johann, dem Marienhospital und dem Caritasverband getragen. Vier Kinder sind seither dort abgegeben worden.

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