„Spieltriebe“ in Osnabrück Regieteam über den Feminismus in „Valerie Solanas“

Von Christine Adam

Sind gespannt auf die Zuschauerreaktionen auf den harten Feminismus der Auftaktproduktion: Regisseurin Marlene Anna Schäfer und Dramaturg Jens Peters. Foto: David EbenerSind gespannt auf die Zuschauerreaktionen auf den harten Feminismus der Auftaktproduktion: Regisseurin Marlene Anna Schäfer und Dramaturg Jens Peters. Foto: David Ebener

Osnabrück. Das Festival „Spieltriebe“ am Osnabrücker Theater setzt sich mit dem brisanten Thema „Macht*Spiel*Geschlecht“ auseinander. Mit einer Serie beleuchten wir Produktionen und verschiedene Aspekte, dieses Mal die Auftaktproduktion „Valerie Solanas, Präsidentin von Amerika!“.

Ein kleines Mädchen wird von seinem Vater sexuell missbraucht, lebt in zerrütteten Verhältnissen und hält Ladendiebstähle für eine normale Sache. Als junge Frau finanziert sie sich ihr Psychologiestudium durch Prostitution, lebt obdachlos, schreibt ein flammendes Manifest gegen die Männerwelt und schießt schließlich auf den Künstler Andy Warhol, weil er ihr angeblich ein Theaterstück gestohlen hat.

Auf den ersten Blick fast klischeehaft wirkt die Psychodynamik in der Biografie der feministischen Schriftstellerin Valerie Jean Solanas. Doch die Amerikanerin war nicht nur ein Opfer, das sich radikalisierte. Das zeigt das Theaterstück „Valerie Solanas, Präsidentin von Amerika!“ der schwedischen Journalistin und Autorin Sara Stridsberg, das die fünf Routen des Osnabrücker Theaterfestivals „Spieltriebe“ an den drei Festivaltagen vom 1. September an im Theater am Domhof eröffnen wird. Das will auch Regisseurin Marlene Anna Schäfer mit ihrer Inszenierung – der zweiten Osnabrücker nach „Über meine Leiche“ – herausarbeiten.

Solanas Hasstirade auf die Männerwelt in ihrem „S.C.U.M“-Manifest sei nicht nur einfach bierernster feministischer Faschismus, sagt Festivalleiter und Dramaturg dieser Produktion, Jens Peters, sondern enthalte auch viel Spielerisches, schwarzen Humor, Provokation und Performance.

Feminismus der 60er Jahre

Valerie Solanas steht für einen Feminismus der 60er Jahre, meint Peters, in denen es sich für amerikanische Mädchen unter anderem nicht schickte, wütend zu sein. Solanas war aber wütend und lebte ihre Wut aus, was sie in Konflikt mit den damaligen Geschlechtsrollenbildern brachte. Sie blieb aber nicht einfach Opfer, sondern analysierte gesellschaftliche Strukturen und das Gefängnis der weiblichen Geschlechtsrolle scharfsichtig. „Mich interessiert, inwiefern Solanas eine Künstlerin war, die ihre Sprache als Mittel benutzte, um zu provozieren“, sagt Marlene Anna Schäfer. „Sie war leidenschaftliche Kämpferin, aber eben auch Künstlerin, die sich von der Kunstwelt angezogen fühlte und so mit ihrem Theaterstück „Up your Ass“ in Andy Warhols Factory fand“.

Reise ins Unterbewusste

Ihre Schüsse, mit denen sie Warhol schwer, aber nicht tödlich verletzte, haben sie berühmt-berüchtigt gemacht. Doch Schäfer will nicht ein Biopic mit Realitätsanspruch nacherzählen, sondern eine Reise ins Unterbewusste der Feministin antreten. Denn Sara Stridsberg erzählt von Valeries letzten Lebenstagen, bevor sie mit 52 Jahren stirbt. In ihrer Innenwelt, im Zwiegespräch, begegnen ihr die Menschen, die wichtig waren in ihrem Leben, die sie geliebt oder gehasst hat: ihre Mutter Dorothy, ihre Geliebte Cosmo Girl, Daddy‘s Girl, eine angepasste Forschungsstudentin, ihr Universitätsprofessor Robert Brush, Andy Warhol und andere mehr.

Einstimmung auf die Routen

Im Bühnenbild, besonders einem harten, kantigen Treppenturm, will die Regisseurin mit der Ästhetik des Weiblichen und Männlichen spielen, wie es auch die Schauspieler tun – Maria Goldmann spielt übrigens die Valerie Solanas. Neugierig ist Schäfer, wie der radikale, ultraharte Feminismus auf die Festivalzuschauer von heute wirkt. Sie und Jens Peters finden jedenfalls, dass „Valerie Solanas“ genügend provokative Power enthält, um die Zuschauer auf die verschiedenen Aspekte des Themas Macht*Spiel*Geschlecht“ einzustimmen. Zitate aus dem Stück dienen denn auch den Routen als Motto.


Festival „Spieltriebe“: „Valerie Solanas, Präsidentin von Amerika!“ von Sara Stridsberg. Deutschsprachige Erstaufführung, Regie: Marlene Anna Schäfer, Theater am Domhof. Kartentel. 0541-7600076, online. www.theater-osnabrueck.de