Giesela Brandes-Steggewentz Links sein heißt: Umverteilen von oben nach unten

Giesela Brandes-Steggewentz an ihren Lieblingsplatz – bei schlechtem Wetter. Ansonsten nutzt sie gern eine Liege im Garten, die ihr Kolleginnen und Kollegen zum Ruhestand geschenkt haben. Foto: Gert WestdörpGiesela Brandes-Steggewentz an ihren Lieblingsplatz – bei schlechtem Wetter. Ansonsten nutzt sie gern eine Liege im Garten, die ihr Kolleginnen und Kollegen zum Ruhestand geschenkt haben. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Sie hat schon für das Oberbürgermeisteramt kandidiert, für den Landtag, für den Bundestag. Giesela Brandes-Steggewentz wusste immer, dass es nicht reichen würde. Doch das ist ihr nicht wichtig. Sondern: Jede Kandidatur bietet die Chance, linke Politik zu erklären.

Linke Politik ist, wie die 68-Jährige in ihrem noch provisorischen Wahlkampfflyer schreibt: „Den Finger in die Wunden zu legen.“ Die Wunden sind: Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Rente. „Wir dürfen die Menschen nicht allein lassen.“

Giesela Brandes-Steggewentz will unbequem sein, Ungerechtigkeiten bekämpfen, den Schwachen eine Stimme geben. Diese Grundhaltung zieht sich anscheinend durch ihr ganzes Leben. Mutter Hilda wollte, dass sie zur Post geht. Aber Tochter Giesela machte eine Lehre als Damenschneiderin. „Aus Protest gegen meine Mutter“, wie sie einmal sagte.

Aus Protest

Die Protesthaltung ist ihr geblieben. Als die SPD 2005 der Arbeitsmarktreform zustimmte, kehrte sie ihrer Partei aus Protest den Rücken. 31 Jahre war sie Mitglied gewesen. Die Gewerkschaftssekretärin baute in Osnabrück die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) auf, die später in die Linkspartei aufging.

Seit 2011 ist sie Mitglied des Rates der Stadt Osnabrück. Von der Kommunalpolitik ist es für sie nicht weit bis zur Bundespolitik, denn ihre Kernthemen – Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Rente – sind auf beiden Ebenen virulent. Beispiel Wohnungsnot: Für Menschen mit kleinem Geldbeutel sei die Lage „katastrophal“, sagt Brandes-Steggewentz. Hartz IV-Empfänger oder Alleinerziehende hätten kaum Chancen, angemessenen Wohnraum zu bezahlbaren Mieten zu bekommen. Das sei nicht nur ein Problem der Metropolen, sondern auch ein massives in Osnabrück.

Viel mehr Geld für sozialen Wohnungsbau

Sie würde sich als Mitglied des Bundestages dafür einsetzen, mehr Geld – nein, viel mehr Geld – in den sozialen Wohnungsbau zu leiten. In den Neubau und die Bestandssanierung. Kommunale Wohnungsbaugesellschaften sollen gefördert werden und Investoren Zuschüsse erhalten, um die Mieten niedrig zu halten. Gern zeigt Brandes-Steggewentz auf ein Musterbeispiel in Graz (Österreich), wo auf dem sozialen Wohnungsmarkt gar keine Mieten erhoben werden, sondern nur Abgaben für Instandhaltung und Betriebskosten. Das Wohnen koste dort um die Hälfte weniger als auf dem normalen Markt.

Mehr Rente für alle

Wir sitzen im Wohnzimmer ihres Reihenhauses auf dem Sonnenhügel in Hörweite zu KME. Zu Füßen liegt Gramsci, der 17 Jahre alte Mischling, benannt nach dem Philosophen, Politiker und Gründer der kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci (1891-1937). Seit drei Jahren ist die frühere Gewerkschaftssekretärin, die auf dem zweiten Bildungsweg im DGB Karriere machte, in Rente. Sie bezieht zusätzlich eine Betriebsrente, die ihr, wie sie sagt, „ein gutes Leben“ ermöglicht. Dass die gesetzliche Rente vielen Menschen nicht mal das Notwendigste sichert, hält sie für skandalös. „Die Grundsicherung muss zwingend aufgestockt werden.“

Schulz und die Gerechtigkeit

Hat SPD-Chef Martin Schulz mit seiner Gerechtigkeitskampagne den Linken das Thema weggenommen? „Nein, überhaupt nicht, Schulz tut ja nichts dafür“, sagt die Rentnerin. Auch Schulz gehe das „System Hartz IV“ nicht an, in dem „viele Menschen einfach vergessen werden“, wie sie meint. Sie würde die Agenda 2010 zurückdrehen, Hartz IV abschaffen. Wer in diese Mühle gerate, werde mit Sanktionsandrohungen „unterdrückt“ und gezwungen, sich „brav“ zu verhalten. Dass der Staat Arbeitslose zwinge, ihre Ersparnisse aufzuzehren, hält sie für „ungerecht und unfair“.

Zuwendung zu den Menschen

Bei diesen Themen werden ihre Stimme hart und die Sätze kurz. Das sind Themen, die in ihrem Innern etwas aufrühren. Auch die Probleme in der Pflege, der Mangel an Pflegekräften und das Überladen der Beschäftigten mit bürokratischen Aufgaben, bewegt sie. Es brauche „mehr Zuwendung zu den Menschen“. Auch in der Politik.

Ewige Opposition

Es bedarf keiner Meinungsforschung, um vorauszusagen, dass die Links-Politikerin das Direktmandat im Wahlkreis Osnabrück-Stadt nicht holen wird. Ist diese ewige Opposition nicht ermüdend? „Man muss einen langen Atem haben“, sagt sie, dann stellten sich auch Erfolge ein. Siehe die Einführung des Mindestlohns.

Aber: Diese Bundestagswahl wird vermutlich ihr letzter große Wahlkampf sein. Es kommen junge Kräfte nach, die linke Politik in Osnabrück machen wollen.

Die Kandidaten für die Bundestagswahl der Stadt Osnabrück (Wahlkreis 39) im Porträt:

Die Kandidaten für die Bundestagswahl im Wahlkreis Osnabrück-Land (Wahlkreis 38) im Porträt:


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