Osnabrücker Schulleiter verärgert Lehrerabordnungen sorgen für Chaos an den Schulen

Stundenpläne zu erstellen, ist ein langwieriger Prozess, der die Hilfe des Computers erfordert. 

            
Foto: Thomas OsterfeldStundenpläne zu erstellen, ist ein langwieriger Prozess, der die Hilfe des Computers erfordert. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Es brodelt mal wieder in der Niedersächsischen Schullandschaft. Um den Lehrermangel an Grund-, Haupt-, Real- und Oberschulen zu lindern, sollen die Gymnasien Lehrkräfte abgeben. Die entsprechende Abordnungsanordnung hat die Schulleiter am Freitag der vergangenen Woche – mithin dem zweiten Schultag – erreicht. Die Folge: Unter anderem sind alle Stundenpläne Makulatur.

Die Leiter der Gymnasien in Stadt und Landkreis Osnabrück werden sich am Mittwoch im Ratsgymnasium treffen, um die Situation zu besprechen. Wenngleich sich sicherlich auch über die Unterrichtsversorgung an Gymnasien schon trefflich streiten ließe, stellt sich die Situation an den anderen Schulformen zum Teil noch erheblich schlechter dar. Deshalb sollen die Gymnasien bis zum 17. August laut Weisung klären, mit welchen Lehrern sie die von der Landesschulbehörde errechneten abzuordnenden Stunden erfüllen wollen. Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Der 17. August ist der Stichtag für die Berechnung der Unterrichtsversorgung in den einzelnen Schulen.

Die jetzt publik gewordene Abordnungswelle führt laut Schulleitern sowohl an den abgebenden als auch an den annehmenden Schulen zu einem mittelschweren Chaos und vor allem zu einem erheblichen Arbeitsaufwand. Denn die Stundenplaner müssen nun auf der einen Seite den Wegfall in ihre Pläne einarbeiten, auf der anderen Seite den Zugewinn. Die Schulleitungen fragen sich, warum denn der Bedarf erst nach den Ferien bekannt geworden ist. Das ist um so erstaunlicher, als da alle Leiter von Grund-, Haupt-, Real- oder Oberschulen ihre Bedarfe weit vor Beginn der Sommerferien angemeldet hatten. Man habe die Bedarfe in den vier Regionalabteilungen der Landesschulbehörde nicht eher ermitteln können, so eine Sprecherin der Behörde. Die Gymnasien hätten mit möglichst genauen Zahlen versorgt werden sollen. Die aber hätten erst sehr spät festgestanden. In diesem Jahr gebe es einen besonders großen Mangel an Lehrkräften in den betroffenen Schulen, begründete sie die hohe Zahl der abzuordnenden Stunden. „Die Schulen müssten jetzt aber alle Bescheid wissen“, so die Sprecherin weiter. Allerdings könne es noch zu kleineren Abweichungen kommen, da derzeit unter anderem auch noch Einstellungsverfahren liefen. Welche konkreten Zahlen zu welchem Zeitpunkt vorlagen, war von der Landesschulbehörde nicht zu erfahren.

Mangelnde Wertschätzung

„Das sagt auch etwas über die Wertschätzung unserer Arbeit aus“, sagt der Leiter des Gymnasiums Oesede, Ulrich Schimke. Er und seine Kollegen müssten jetzt für die „Planungsinkompetenz“ in der Landesschulbehörde und im Kultusministerium gerade stehen. Wobei Schimke wie auch seine Kollegen keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie bereit sind, zu helfen, wo es geht. Allerdings stellen sie auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Abordnungsverfügung und deren Hintergedanken. Schimke weist darauf hin, dass die Abordnungen nur für ein halbes Jahr ausgesprochen werden sollen. „Eine Abordnung von einem halben Jahr kann der Schulleiter aussprechen. Die Beteiligung des Personalrates ist in diesem Fall nicht notwendig“, so Schinke. Pädagogisch hingegen mache die Übernahme einer Lerngruppe für ein halbes Jahr mit einem weiteren Lehrerwechsel danach aber keinen Sinn. Mit der halbjährigen Abordnung geht also zum Halbjahr im Februar wieder das große Würfeln los. Denn alle Lehrer, die zu ihrer Schule zurück wollen, haben dann das gute Recht dazu. Neue Kräfte für die Abordnung müssen gefunden werden.

Nicht alle benötigten Fächer im Angebot

Lothar Wehleit und Ute Haehnel werden sich in den kommenden Tagen wahrscheinlich auch noch ein bisschen näher kennenlernen. Die Leiterin der Johannes-Vincke-Oberschule in Belm bekommt nämlich von ihrem Kollegen des Ratsgymnasiums Verstärkung überwiesen. Dann wird es auch darum gehen, in welchen Fächern die Gymnasiallehrer denn in Belm unterrichten sollen. Eines allerdings steht dabei heute schon fest: Die Fächer Hauswirtschaft und Textiles Gestalten werden nicht dabei sein, die gibt es an Gymnasien nämlich nicht. Dumm nur, das Ute Haehnel genau hier Bedarf hat. „Sicher helfen uns die Abordnungen“, sagt Haehnel. Allerdings sieht auch sie das Problem, die neuen Lehrkräfte in den Stundenplan einzuarbeiten, Lerngruppen gegebenenfalls neu zusammenzustellen und so einiges mehr, was eigentlich Arbeit ist, die in den Sommerferien passiert und ja auch in Belm schon einmal geleistet wurde.

Fächer sind egal

Die Schulleiter werden beim Austausch der Lehrkräfte bemüht sein, auf einen fachgebundenen Einsatz zu achten. Aber ob das immer möglich ist? Die Abordnungsverfügung jedenfalls sieht keinen entsprechenden Passus vor. Welche Fächer benötigt werden und welche abdeligiert werden, ist der Behörde nach Aussage der Schulleiter offensichtlich egal.

Sinn und Zweck der Lehrerverschickung ist eine möglichst hohe Unterrichtsversorgung. Diese in Prozent gemessene Zahl liegt an manchen Gymnasien bei 104 bei manchen Grundschulen durchaus auch schon mal bei 80 oder 90 Prozent. Allerdings sind in diese Zahl nicht eingerechnet Krankheitsfälle, Erziehungszeiten oder auch gegebenenfalls fehlende Stunden in einzelnen Fächern, wenn diese Fehlzahlen durch Überhänge in anderen Fächern wieder ausgeglichen werden. So kann es also durchaus sein, dass an einer Schule mit einer 100-prozentigen Unterrichtsversorgung gleichwohl in einem Fach der Unterricht nicht erteilt werden kann, weil es in eben diesem Fach nicht genügend Lehrkräfte gibt.

Sorge um Pflichtunterricht

So kämpft zum Beispiel auch der Schulleiter des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums um die Ausbringung des Pflichtunterrichts. Katholische Religion und Sport sind im Moment Mangelware am EMA. „Wir haben eine Abordnung für Sport vom Ratsgymnasium bekommen“, so Schulleiter Hartmut Bruns. Und für den katholischen Religionsunterricht wollte eigentlich das Bistum jemanden zum EMA schicken. Der Kandidat ist aber unbefristet krank geschrieben. Es kneift also weiter in Bruns Stundenplan. Deswegen hatte er ja ohnehin schon 20 Abordnungsstunden zugesprochen bekommen. Am Freitag nun ereilte ihn die Nachricht, dass seine Schule 35 Stunden an die Felix-Nussbaum-Hauptschule abgeben soll. „Ich sehe mich derzeit nicht in der Lage, diese unsinnige Anordnung umzusetzen“, sagt Bruns. Es sei nicht mehr sichergestellt, dass er so noch den Pflichtunterricht ausbringen könne. Bruns weiter: „Wir sollen die Qualität unserer Schule festigen und weiter ausbauen.“ Er frage sich nun, wie das noch gehen solle. Das EMA sei Ganztagsschule, unterliege damit noch einmal im Erlass festgehaltenen erweiterten Anforderungen. So müssen zum Beispiel 60 Prozent der Arbeitsgemeinschaften von Lehrern geleitet werden. Nur 40 Prozent dürfen von außerschulischen Kräften übernommen werden. Bruns fragt sich nun, an welcher Stelle er was streichen soll, ohne gegen einen Erlass zu verstoßen.

Abordnungen reißen neue Löcher

Zwar sollen die Gymnasien auch Lehrer an Grundschulen abgeben, das scheint aber zumindest bei den befragten Schulen in Stadt und Landkreis noch nicht der Fall zu sein. Allerdings reichen Real- und Oberschulen ihr Personal an Grundschulen weiter. Das macht zwar Sinn, weil Gymnasiallehrer allein schon aufgrund ihrer Ausbildung nur schwerlich an Grundschulen einsetzbar sein dürften, reißt aber bei den ohnehin schon gebeutelten Schulen neue Löcher, die wiederum von den Gymnasien gestopft werden müssen.


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