zuletzt aktualisiert vor

Nicht alle wollten große Räder drehen 40 Jahre Gebietsreform: Neue Serie über die neuen Grenzen für Stadt und Landkreis Osnabrück

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. So eine Chance bietet sich nur einmal in 100 Jahren: Am 1. Juli 1972 wurden die Grenzen von Stadt und Landkreis Osnabrück neu gezogen. Von der Landesregierung gedrängt, rückten die Kreise Melle, Wittlage, Bramsche und Bersenbrück unter das Dach des neuen Großkreises. Die Stadt Osnabrück bekam sechs Stadtteile hinzu, blieb damit aber ein Flächenzwerg im neuen Gefüge. Aus heutiger Sicht ein Hemmnis für die Regionalentwicklung.

Die Gebietsreform war alles andere als eine sanfte Geburt. Als die neuen Grenzen in Kraft traten, hatte es jahrelange Kämpfe, Tricksereien und Intrigen gegeben. Rivalisierende Nachbargemeinden wie Bissendorf und Schledehausen stritten um das Vorrecht, der neuen Verwaltungseinheit ihren Namen geben zu dürfen. Borgloh wollte partout nicht zum Ortsteil von Hilter degradiert werden, und Glandorf wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Dominanz aus Laer.

Am Stadtrand von Osnabrück formierte sich Widerstand gegen den ungezügelten „Flächenhunger der Stadt“, wie es damals hieß. Oberstadtdirektor Joachim Fischer geriet derart unter Rechtfertigungsdruck, dass er im April 1969 erklärte, Osnabrück habe es keineswegs auf die Gewerbesteuervorteile abgesehen. Viel mehr würden mit der Flächenerweiterung auch starke Belastungen auf die Stadt zukommen.

Doch das Misstrauen ließ sich durch solche Beruhigungsmanöver nicht aus der Welt schaffen. Im Südosten der Stadt formierte sich zum Beispiel die „Aktion Voxtruper Initiative“ mit dem Berufsschuldirektor Kaspar Müller an die Spitze. An ihrer Fragebogenaktion sollen sich über 83 Prozent der wahlberechtigten Bürger beteiligt haben.

Das Ergebnis erinnert ein wenig an Wahlergebnisse aus der DDR: 99,9 Prozent – gegen den Anschluss an die Stadt. Aber der Druck von oben machte die Voxtruper schließlich doch zu Stadtbürgern. Ebenso wie die Bewohner von Pye, Atter, Hellern, Nahne, Darum, Gretesch und Lüstringen. Sutthausen war schon ein Jahr zuvor Stadtteil von Osnabrück geworden.

Beim Blick auf den Stadtplan stellt sich allerdings die Frage, warum Belm heute nicht zu Osnabrück gehört. Es ist kein Geheimnis, dass maßgebliche SPD-Politiker wie der Ratsherr und Landtagsabgeordnete Walter Haas die Nachbargemeinde nicht im Boot sehen wollten. Denn mit dem Beitritt Belms wären die Mehrheiten im Rat der Stadt womöglich ins schwarze Spektrum verschoben worden.

Dabei hatte die von der SPD-geführten Landesregierung eingesetzte Weber-Kommission Belm eindeutig als neuen Stadtteil für Osnabrück favorisiert. Dem kleinmütigen Proporzdenken der Stadtpolitiker verdankt die Gemeinde Belm also bis heute ihre Selbstständigkeit.

Eine Frage der Weitsicht

Dass im Landkreis Osnabrück größere Räder gedreht wurden, hatte wohl weniger mit regionaler Weitsicht zu tun als mit den Vorgaben aus Hannover. 25 Großkreise wollte der niedersächsische Innenminister Richard Lehners ursprünglich durchsetzen. Am Ende wurden es 38.

Immerhin gehört der Landkreis Osnabrück zu den größeren Verwaltungseinheiten in Niedersachsen. Und der Zufall wollte es, dass der Zuschnitt in etwa mit dem alten Fürstbistum übereinstimmt. Wer wollte sich dem in den Weg stellen, wo doch schon Bischof Benno II. im 11. Jahrhundert großzügig Grenzen gezogen hatte?

Ein Zankapfel war jedenfalls, dass Vörden zum Landkreis Osnabrück gehören sollte. Obwohl es viele Sympathien für ein Zusammengehen mit Bramsche gab, landete die Gemeinde im Zusammenschluss mit Neuenkirchen i.O. im Landkreis Vechta.

Kein dauerhaftes Glück war der Zwangsehe zwischen Laer und Glandorf beschieden. Die Verbindung zwischen der agrarisch-gewerblich geprägten Gemeinde hüben und dem aufstrebenden Kurort drüben hielt nur neun Jahre. Und das waren keine glücklichen Jahre, vor allem aus Glandorfer Sicht. Doch dann hatten es die Glandorfer geschafft: Sie überzeugten den niedersächsischen Innenminister Egbert Möcklinghoff, dass unüberbrückbare Gegensätze eine rasche Scheidung erforderten. Der Coup im Landtag gelang. Damit waren Bad Laer und Glandorf die einzigen beiden Kommunen in Niedersachsen, die sich trennen durften.

Es gab aber auch Bündnisse, die ohne Zwang zustande kamen. Schon vor Inkrafttreten des Landesgesetzes machten Achmer und Bramsche gemeinsame Sache. Die Achmeraner hatten die Flächen für Wohnbebauung und Gewerbe, die Bramscher das Geld. „So einfach war das“, erinnert sich Lothar Lewandowsky. Der in Australien geborene Achmeraner wurde 1971 Bürgermeister von Bramsche.

Diese Vorfusion erleichterte den Zusammenschluss mit den anderen kleinen Umlandgemeinden. Und der Umstand, dass in fast allen Gemeinden die SPD die Mehrheit hatte, machte die Fusion zur Stadt Bramsche fast zum Selbstläufer.

Im Grönegau herrschte dagegen Revolutionsstimmung. Die Politiker diskutierten drei Möglichkeiten, um Melle in die Zukunft zu führen. Entweder eine Viererlösung, die aus drei Gemeindezusammenschlüssen und der Stadt Melle bestehen sollte, eine Samtgemeinde oder eine große Einheitsgemeinde.

Bei der Osterdemonstration am 1. April 1972 folgten 3000 Menschen der Aufforderung der Aktionsgemeinschaft „Große Lösung“. Und diese Lösung kam dann auch zustande. Melle hat eine Fläche von 254 Quadratkilometern – zweimal mehr als die Stadt Osnabrück, die bei der Planung von Wohn- und Gewerbegebieten immer wieder an ihre Grenzen stößt.

Die Skepsis und Unsicherheit, mit der die Gebietsreform vor 40 Jahren aufgenommen wurde, überwog auch, als der Kreis Wittlage aufgelöst und die weiße Fahne mit dem roten Wappen auf Burg Wittlage ein letztes Mal eingeholt wurde. Heute bestreitet niemand, dass die drei Gemeinden Bohmte, Bad Essen und Ostercappeln ihre Wittlager Identität auch im Großkreis Osnabrück gewahrt haben. Und wenn es um neue Pläne wie den Hafen Leckermühle geht, ziehen alle drei an einem Strang.

Wo es aber jemand wagt, nach so vielen Jahren eine Grenze infrage zu stellen, erwachen schnell die alten Konflikte. Ankum und Bersenbrück zu einer Gemeinde zu vereinen, war der ehrgeizige Versuch, fast 40 Jahre nach der Gebietsreform noch einmal die politischen Gewichte im Osnabrücker Nordland zu verschieben.

Er scheiterte am leidenschaftlichen Widerstand der Ankumer und kostete die CDU letztlich ihre Vormachtstellung, die sie seit Gründung der Samtgemeinde Bersenbrück innehatte. Selbst Morddrohungen gegen einen Befürworter tauchten auf. Beim „Aktionsbündnis junger Ankumer“, von dem die Drohbriefe angeblich kamen, fand die Polizei trotz Hausdurchsuchungen und Verhören keine Spur.

Nichts zu verlieren

Sicher gibt es Wunden der Gebietsreform, die bis heute nicht verheilt sind. Dass Stadt und Landkreis Osnabrück noch einmal in der Lage wären, ihre Reviere neu abzustecken oder gar nach dem Vorbild der Region Hannover zu verschmelzen, erscheint heute eher unwahrscheinlich.

Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann sich mit tollkühnen Visionen aus der Deckung wagen. Als Hannovers politische Prominenz im Oktober 1996 das Modell der Region Hannover entwarf, standen die Verantwortlichen am Ende ihrer Karrieren. Auch sie hatten nichts mehr zu verlieren.

Der Grundgedanke waren die Vereinfachung der Verwaltungsabläufe und die Beseitigung der Konkurrenz. Hinter dem Gedankenmodell stand allerdings eine noch viel größere Vision. „Die Aufgaben, die anstanden, machten an der Stadtgrenze nicht halt“, sagt Herbert Schmalstieg (SPD), ehemaliger Oberbürgermeister von Hannover. Es sei sinnvoll, dass die regionalen Aufgaben aus einer Hand erledigt werden. 16 Jahre nach dem Zusammenschluss ist auch diese Bilanz durchwachsen.

Neue Grenzen: Über„40 Jahre Gebietsreform“ berichten wir mit dieserSerie in loser Folge.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN