Osnabrücker Möwe-Mitarbeiter erzählen Trash und Tränen: Wenn die Entrümpler anrücken

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Ist das Kunst oder kann der weg? Nicht selten polarisieren Erinnerungsstücke wie dieser Fernseher aus den Siebzigern. Foto: David EbenerIst das Kunst oder kann der weg? Nicht selten polarisieren Erinnerungsstücke wie dieser Fernseher aus den Siebzigern. Foto: David Ebener

Osnabrück. Wenn Haushalte aufgelöst werden, dann geht es an die Substanz. Nicht nur an die des Gebäudes. Die gemeinnützige GmbH Möwe in Osnabrück entrümpelt. Mitarbeiter heben dabei oft mehr als schwere Sofagarnituren und ungeahnte Geldschätze.

Heike Delhey, Mitarbeiterin der Möwe, die oft die ersten Anrufe der Hinterbliebenen annimmt, unterscheidet zwischen pragmatischen und emotionalen Abwicklern: „Es gibt die, die schnellstmöglich einen Haken hinter die Sache setzen wollen und die, die schon im Gespräch mit uns sehr sentimental jede Schublade ausräumen.“ 260 Haushaltsauflösungen plus Einzelteil-Abholungen hat die Möwe pro Jahr auf dem Zettel. Die emotionalen überwiegen, sagt Möwe-Mitarbeiterin Anabel Haßpecker.

Mutters Küchentisch? Kein Sperrmüll!

Wenn die Möwe in die Häuser einfliegt, „dann ist das, was raus muss, auf den ersten Blick Ware“, erklärt Thomas Schulke, Betriebsleiter bei der Möwe. Den Teil der ausgeräumten Möbel, den die Möwe in ihrem Sozialkaufhaus später weiterverkauft, entrümpelt sie kostenfrei, den Rest stellt sie in Rechnung. Viele bewege die Frage: „Was passiert mit den Möbeln? Mutters Küchentisch darf nicht auf den Sperrmüll“, nennt Heike Delhey eine entscheidende Triebfeder beim Ausräumen. „Mit dem Tod kommt die Frage: Was hinterlasse ich? In Bezug auf die Verstorbenen und im Blick auf sich selbst“, bestätigt Psychologie-Professor Henning Schöttke von der Uni Osnabrück.

Antiquitätenhändler, die schätzen

Das Wohnzimmer der Toten gepresst im Container zu sehen – für viele unvorstellbar. Ein Grund, warum etliche Kunden der Möwe selbst nicht zur Entrümpelung erscheinen oder angesetzte Termine mehrmals umlegen. Aufschub als klassischer Reflex in der Chaos-Bewältigung. „Hier rufen natürlich auch Menschen an, die finanziell unter Druck stehen und schnell entscheiden müssen, was mit der Wohnung eines Verstorbenen passiert. Da ist der Tote oft noch nicht unter der Erde, wenn hier das Telefon klingelt“, sagt Heike Delhey. Die Möwe steht in Kontakt zu einem Antiquitätenhändler, der bei der Einschätzung der alten Möbel hilft.

Sachen wieder raus aus dem Schaufenster

Anke Osmers, Filialleiterin in Jonathans Laden, ist oft bei Besichtigungen und Entrümplungen dabei. „Manche Häuser sind noch so vollständig, wenn wir kommen, dass man denkt, die Omi ist gerade im Keller und holt ein Glas Gurken. Das sind Momente, in denen ich denke: Ich habe hier eigentlich gar nichts zu suchen.“ Momente, in denen Hinterbliebene sich auf die Möwe-Mitarbeiter stürzen, weil sie diejenigen sind, die den pragmatischen Blick über das Innenleben schweifen lassen dürfen. Was soll weg? Dass das keine Frage ist, die sich immer mit einer Stimme beantworten lässt, wissen alle Möwe-Mitarbeiter: Während es von der Fraktion im Obergeschoss heißen kann „Dann nehmen sie die Couchgarnitur auch noch mit“, ruft die Truppe im Keller. „Die Couch lassen sie aber bitte auf jeden Fall noch drin“. Abschied nehmen sei eben ein Etappenlauf. Mit unbekanntem Ziel. „Wir haben auch schon Sachen bei uns im Laden wieder aus dem Schaufenster rausgeholt, weil doch jemand die Tiffanylampe behalten wollte, erinnert sich Osmers.

30 Jahre Frust

Der Schlenker ins Schaufenster ist ein leichter gewesen, andere Abschnitte sind holpriger. Osmers erinnert sich noch an ein Haus, in dem eine Frau gestorben ist, die vor 30 Jahren im Streit mit ihrer Tochter auseinandergegangen war. Plötzlich erhält die Tochter die Meldung von Tod und Haus. „Da kann man nicht einfach kommen und ausräumen. Die Frau war voll von 30 Jahren Frust.“ Trotzdem muss auch die gemeinnützige GmbH Möwe, getragen vom Verein für soziale Dienste in Osnabrück (SKM), wirtschaftlich arbeiten. Sie finanziert sich zu 80 Prozent durch Umsatz im operativen Bereich, zu dem die Haushaltsauflösungen gehören. Oft müsse da ein Spagat gefunden werden.

Abschied in Einzelstücken

Es gebe Menschen, die zu Lebzeiten Kontakt hielten und immer ein einzelnes Teil abholen lassen, erinnern sich Schulke und Dominik Bovellet. „Hier eine Lampe, da ein Tischchen, da geht es dann allein darum, dass der Kontakt nicht abreißt“, erzählen die Männer. Ab und an segelt unverhofft ein an die Schrankrückwand getackertes Sparbuch herab, flattern Scheine aus Büchern oder Nähkästchen. „Wir geben alles zurück, was wir zurückverfolgen können“, betont Anke Osmers Wer weiß, was sie schon alles übersehen haben? Ein paar Geheimnisse bleiben. Schließlich wurden sie oft mit ins Grab genommen.


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