Klage gegen Züchter Kasselmann Marathon-Beweisaufnahme um 900.000-Euro-Pferd

In einem siebenstündigen Verhandlungsmarathon um ein 900.000-Euro-Pferd vom Hof Kasselmann vor dem Landgericht konnte ein Gutachten keine Klarheit schaffen. Symbolfoto: dpaIn einem siebenstündigen Verhandlungsmarathon um ein 900.000-Euro-Pferd vom Hof Kasselmann vor dem Landgericht konnte ein Gutachten keine Klarheit schaffen. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. In einem siebenstündigen Verhandlungsmarathon um ein 900.000-Euro-Pferd vom Hof Kasselmann am Freitag vor dem Landgericht Osnabrück konnte ein Gutachten keine Klarheit darüber schaffen, ob die Ursachen für die spätere Lahmheit des Pferdes beim Ankauf vorlagen.

Im ersten Verhandlungsabschnitt stand die Sachverständige von der Tierärztlichen Hochschule Hannover fünf Stunden am Stück Rede und Antwort, um ihr 30-seitiges Gutachten zu erläutern. Sie sollte die Frage beantworten: Gab es beim Kauf des Dressurpferds „Londontown S“ vor vier Jahren schon einen Mangel, der dafür verantwortlich war, dass das Pferd ein Jahr später lahmte? Die Gutachterin sprach auf Basis der Röntgenbilder der Ankaufuntersuchung vom September 2013 davon, dass das Dressurpferd wegen eines entsprechenden Befunds in die Röntgenklasse 3 einzustufen und demnach noch in einem „Akzeptanzzustand“ gewesen sei: „Das heißt, der Zustand ist schlechter als normal, aber noch zu akzeptieren.“ Sie fügte hinzu: „Ich würde nicht sagen, dass das Pferd mit Röntgenklasse 3 weniger wert ist.“

Pferd lahmte beim Ankauf noch nicht

Zudem spielten bei der Ankaufsuntersuchung nicht nur die Röntgenbilder eine Rolle. Bei der Übernahme hatte das Pferd noch nicht gelahmt. Allerdings hatte die Käuferin dem Tierarzt vorgeworfen, außer einer Verkalkung am Nackenband keine weiteren Auffälligkeiten festgestellt zu haben. Den Hinweis auf eine Schwellung am vorderen rechten Bein, an dem das Pferd später lahmte, habe er lediglich als Galle beschrieben, die kein gesundheitliches Problem darstelle.

Sechsmonatige Garantie

Ullrich Kasselmann, der Geschäftsführer des Hofs, sagte unserer Redaktion, dass er für einen Mangel am Nackenband eine sechsmonatige Garantie eingeräumt habe: „Bei dem Ankauf hätte ich auch eine Garantie auf die Galle gegeben, wenn sie das gewollt hätte.“

( Käuferin dem Tierarzt vorgeworfen)

Ultraschallbilder hätten geholfen

Die Sachverständige erklärte, dass das Vorliegen von Ultraschallbildern bei der Ankaufsuntersuchung zur Beurteilung der Weichteilstrukturen weitergeholfen hätte. Ihr lägen aber leider nur die Röntgenbilder vor.

Antrag auf weiteres Ergänzungsgutachten

Bei einer Untersuchung, die die Käuferin im August 2014 durchführte, war eine Lahmheit festgestellt worden. Als die Sachverständige im Jahr 2016 „Londontown S“ untersuchte, konnte sie nur „geringgradige Lahmheitserscheinungen an manchen Tagen der Untersuchung feststellen“. Sie fügte hinzu, dass das Pferd aber nicht austrainiert war, was ein Grund dafür gewesen sein könnte, weshalb sich keine konstante Lahmheit zeigte. Sie konnte weder ausschließen, dass eine ältere Verletzung zu der Lähmung am vorderen rechten Bein führte, noch konnte sie ausschließen, dass sich zwischenzeitlich andere Gründe für die Lahmheit ergeben haben. Der Rechtsanwalt der Schweizer Klägerin stellte den Antrag, dass die Beweisaufnahme weitergeht und ein weiteres Ergänzungsgutachten angefertigt wird.

( Weiterlesen: Klage gegen Hof Kasselmann: Verhandlung um 900.000-Euro-Pferd am Freitag)

Pferdepflegerin: „Es hätte ein MRT gemacht werden müssen, was aber nicht gewollt worden ist“

Zudem wurden zwei Zeugen befragt. Der Tierarzt, der das Pferd bis zur Ankaufsuntersuchung betreut hatte, konnte sich an keine besonderen Probleme mit dem Wallach erinnern. Auch eine Pflegerin, die anderthalb Jahre vor dem Verkauf für „Londontown S“ zuständig war, hatte zunächst „keine konkrete Erinnerungen“ mehr. Als die Klägerin dann aber Textnachrichten der Pferdepflegerin an sie über den Messengerdienst „WhatsApp“ auf ihrem Smartphone präsentierte, half das dem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge und die Pflegerin bestätigte die Nachrichten. Bei den Untersuchungen mit dem Tierarzt hatte die Pflegerin das Pferd gehalten. Vor diesem Hintergrund hatte sie der Klägerin in der Textnachricht berichtet: „Es hätte ein MRT gemacht werden müssen, was aber nicht gewollt worden ist.“ Auf Nachfrage sagte sie, sie habe es so im Ohr, dass der Tierarzt den Rat gegeben habe „und es von Besitzerseite nicht gewollt wurde“.

Tierarzt: „Keine klärungsbedürftigen Befunde, die ein MRT veranlasst hätten“

Der Tierarzt stritt das ab: „Wenn, dann entscheide ich selbst, ob ein MRT gemacht werden muss. Es gab aber keine klärungsbedürftigen Befunde, die ein MRT veranlasst hätten.“ Kasselmann sagte zu dem Vorwurf nach der Verhandlung: „Wenn es einen solchen Ratschlag gegeben hätte, wieso hätten wir ihn ablehnen sollen?“

Fortsetzung in sieben Wochen

Der Prozess soll nach Angaben des Vorsitzenden Richters Christian Rikken in sieben Wochen fortgesetzt werden. „Ob es dann auch zur Urteilsverkündung kommt, steht noch nicht fest“, erklärte er. Den siebenstündigen Verhandlungsmarathon begründete er damit, dass die Einwendungen sehr spät kamen, was deshalb bei der Terminplanung nicht berücksichtigt worden sei. Zudem seien die beiden Zeugen erst kurzfristig vor der Verhandlung benannt worden.

Rückerstattung von 750.000 Euro gefordert

Im Zusammenhang mit der Rückabwicklung des Kaufvertrages fordert die Schweizer Klägerin die 750.000 Euro, die sie netto für das Dressurpferd bezahlt hat, und 50.000 Euro für weitere Kosten wie Pflege, Transport, Unterhaltung und Heilbehandlung zurück. Die Reiterin hatte 750.000 Euro netto und inklusive Steuern sogar 892.500 Euro für das Pferd bezahlt. Zudem verlangt sie von dem Tierarzt Schadenersatz, der die Ankaufuntersuchung durchgeführt hatte, weil er wesentliche Gesichtspunkte übersehen habe oder Untersuchungsergebnisse nicht vollständig offengelegt habe.


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