Initiative gegen Ungerechtigkeit Osnabrücker Adoptivmütter wollen Mütterrente einklagen

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Eltern, die ein Kind nach dessen erstem Geburtstag adoptiert haben, gehen bei der Mütterrente leer aus. Betroffen sind überwiegend Frauen, die für die Kindererziehung ihre Berufstätigkeit aufgegeben oder unterbrochen haben. Foto: dpaEltern, die ein Kind nach dessen erstem Geburtstag adoptiert haben, gehen bei der Mütterrente leer aus. Betroffen sind überwiegend Frauen, die für die Kindererziehung ihre Berufstätigkeit aufgegeben oder unterbrochen haben. Foto: dpa

Osnabrück. Mutter ist nicht gleich Mutter, wenn es um die Rente geht: Mütter, die ihre Kinder nach dem ersten Geburtstag adoptiert oder in Pflege genommen haben, gehen bei der sogenannten Mütterrente leer aus. In Osnabrück hat sich eine Initiative von Betroffenen aus Stadt und Landkreis gegründet.

„Es ist so ungerecht.“ Dieser Satz fällt mehrfach, als zwei Seniorinnen unserer Redaktion ihre Geschichte erzählen. Beide sind weit über 70 Jahre alt. In den 1970ern haben sie ihre Kinder adoptiert und groß gezogen. Leicht war das nie, sagen sie. In beiden Fällen waren die Kinder verhaltensauffällig, da sie es in den ersten Lebensmonaten und -jahren nicht leicht hatten. Beide Frauen mussten nach der Adoption ihren Beruf aufgeben, anders konnten sie den Kindern nicht gerecht werden. Trotzdem erhalten sie keine Mütterrente. Eine von ihnen hat bereits erfolglos gegen die Deutsche Rentenversicherung geklagt, das Klageverfahren der anderen beginnt im August am Osnabrücker Sozialgericht. Aus Rücksicht auf ihre Kinder möchten die Frauen anonym bleiben.

Keine Rentenansprüche bei Adoption nach dem 1. Geburtstag

Als der Deutsche Bundestag vor drei Jahren über die Mütterrente beriet, dachten Adoptivmütter und -väter bundesweit, dass sie nun endlich gerechter behandelt würden. „Das war leider nicht so“, sagt eine der beiden Osnabrücker Betroffenen. Leibliche Eltern bekommen seit der Gesetzesnovelle von Juli 2014 für jedes Kind, das vor 1992 geboren wurde, einen Rentenpunkt mehr, wenn sie im Beruf eine Pause einlegten. Bis 2014 wurde nur ein Jahr Erziehungszeit im Rentenversicherungskonto anerkannt, jetzt sind es zwei Jahre. Doch entscheidend für den Anspruch auf Mütterrente ist, wo das Kind im zwölften Monat nach seiner Geburt lebte. War es bis dahin nicht bei der Adoptivmutter, geht sie leer aus.

40000 Betroffene

„In den meisten Fällen der Adoptionen vor 1992 waren die Kinder schon etwas älter“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Osnabrück, Monika Schulte. Betroffen sind laut Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien rund 40000 Mütter und Väter, die ein Kind nach dessen erstem Geburtstag aufgenommen haben. Die Fraktion der Linken im Bundestag unternahm 2015 einen Vorstoß, das Gesetz zugunsten der Adoptiveltern anzupassen, doch außer den Linken stimmten nur die Grünen dafür. CDU und SPD lehnten den Antrag ab.

Es geht um 30 Euro pro Monat

Es geht um Beträge von etwa 30 Euro brutto monatlich. „Das macht bei einer kleinen Rente aber viel aus“, betont die Osnabrücker Gleichstellungsbeauftragte Katja Weber-Khan. In der Osnabrücker Initiative „Rente für Adoptivmütter“ seien einige Seniorinnen, denen es finanziell schlecht gehe, berichten die beiden Adoptivmütter. Einen unscheinbaren Aufruf startete eine der beiden vor zwei Jahren in der NOZ – rund 20 Adoptivmütter kamen zum ersten Treffen, sagt Claudia Rottmann vom Büro für Selbsthilfe und Ehrenamt von Stadt und Landkreis Osnabrück. Der Drang, sich auszutauschen, sei groß. „Es geht ihnen nicht nur um das Finanzielle, sondern auch um die Wertschätzung“, so Rottmann.

Adoption in den 1970er-Jahren

Aus heutiger Sicht klingen die Adoptionsgeschichten aus den 1970er-Jahren, die die beiden Rentnerinnen erzählen, auf abenteuerliche Weise unbürokratisch. Beide waren verheiratet und bekamen auf natürlichem Weg keine eigenen Kinder. Das eine Paar adoptierte ein vierjähriges Mädchen aus einem Kinderheim. Die Frau kannte es bereits persönlich und mochte es. Die andere Adoptivmutter ging zum Jugendamt und äußerte den Wunsch, ein Kind zu adoptieren. Kurz darauf vermittelte ihr das Amt ihren Sohn. Vier Monate alt war er. Für ihn erhält sie Mütterrente. Für ihre zwei Jahre später adoptierte Tochter nicht. Das Kind war bereits 14 Monate alt. Ihre Ehe ging zu Bruch. Alleinerziehend machte sie mit 40 Jahren noch eine weitere Ausbildung.

Kampf für die nächste Generation

Da beide Frauen über zusätzliches Vermögen verfügen, kommen sie trotz geringer Rente gut über die Runden. Trotzdem lässt ihnen das Thema keine Ruhe. „Auch wenn wir für uns nichts mehr erreichen können, dann vielleicht wenigstens für die nachfolgende Generation“, sagen sie.


Mütterrente:

So erklärt die deutsche Rentenversicherung die Mütterrente: „Mit dem Begriff Mütterrente ist eine bessere Anerkennung von Erziehungszeiten für Kinder gemeint, die vor 1992 geboren wurden. Für sie konnte bislang ein Jahr Kindererziehungszeit berücksichtigt werden. Seit dem 1. Juli 2014 kann für alle Mütter oder Väter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, ein zusätzliches Jahr mit Kindererziehungszeiten angerechnet werden. Dadurch können sich Alters-, Erwerbsminderungs- und Hinterbliebenenrenten erhöhen.“

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