Gute Zeiten, schlechte Zeiten Die wechselhafte Geschichte der Brüningsquelle in Osnabrück

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Osnabrück. Am südlichen Stadtrand Osnabrücks tritt an mehreren Stellen Quellwasser zutage. Eine Quelle war so ergiebig und überdies mit natürlicher Kohlensäure angereichert, dass sie über viele Jahrzehnte sogar gewerblich für die Herstellung von Erfrischungsgetränken genutzt wurde: die Brüningsquelle im Grenzbereich von Schölerberg, Nahne und Voxtrup.

Ihren Namen trägt sie nach Oberbürgermeister Heinrich Brüning, der von 1880 bis 1888 dem Magistrat vorstand. Einige Senatoren und Brüning hatten sich um 1885 zu einer Wandergruppe zusammengefunden. Sie wollten aus eigener Anschauung die Schönheiten der Umgebung erleben, um dem Vorschlag, einen „Verschönerungs- und Wanderverein“ zu gründen, umso überzeugter beitreten zu können.

Vom Schölerberg kommend, rasteten die Herren an „Obrinks Welle“ („Wasser am Oberen Brink“), wie die Quelle landläufig genannt wurde. Brüning fand Gefallen an dem lauschigen Ort. Er setzte sich dafür ein, ihm mit Quellfassung und Sitzbänken einen ansehnlichen Rahmen zu geben. Ein offizieller Name musste her. Aus Volksmunds „Obrinks Welle“ wurde die amtliche Brüningsquelle. Sie war nicht nur Ausflugziel, sondern auch Wasserreserve in Trockenzeiten.

Wasser mit natürlicher Kohlensäure

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrieb „W. Kempgens Wwe.“ eine „Alkoholfreie Getränke- und Likörfabrik“ an der „Catharinenstraße 59–61“. Sohn Max Kempgens übernahm das Ruder und kam 1927 auf die Idee, das kohlensäurehaltige Wasser der Brüningsquelle auf Flaschen zu ziehen und in sein Verkaufsprogramm aufzunehmen. Gegenüber der Quelle errichtete er ein Lagergebäude mit Abfüllstation, versah die Quelle mit einer Achteck-Einfassung und schützte den Quellbereich durch einen Holzpavillon. Der Pavillon mit dem charakteristischen pagodenartig geschwungenen Dach sollte bewusst an die „Selters-Buden“ erinnern, die Kempgens an vielen Stellen der Stadt betrieb, so etwa an der Kreuzung Katharinenstraße/Wall oder vor der Bischöflichen Kanzlei.

Das „Brüningswasser“ war begehrt. Kempgens verkaufte es nicht nur „natur“, sondern auch mit Geschmackszusätzen auf Basis von Zitrone, Apfel und Apfelsine. In den 1930er-Jahren lief die Produktion zur Höchstform auf. Die Flaschen-Reinigungs- und -Füllanlage konnte bis zu 3000 Flaschen pro Stunde ausstoßen.

Recht ähnlich wie das Original sieht die neue Schutzhütte aus, die der Förderverein Brüningsquelle im Jahr 1990 errichten ließ. Foto: Joachim Dierks

Ab 1948 wieder Mineralwasserproduktion

Nach dem Krieg übernahm der Getränkehandel Karl Feldscher die Firma Kempgens und zapfte ab 1948 auch wieder die Brüningsquelle zur Produktion von Mineralwasser an. An die Stelle des mittlerweile verfallenen Holzpavillons trat eine gemauerte 08/15-Zweckkonstruktion, die nichts Schönes an sich hatte und keine Rücksicht auf den Naherholungscharakter des Ortes nahm. 1964 ging die gewerbliche Nutzung der Quelle zu Ende, weil sie nicht mehr ergiebig genug war. Der Autobahnbau hatte das Wassereinzugsgebiet zerschnitten. Das Schicksal der Brüningsquelle schien besiegelt, die baulichen Anlagen verfielen, vermüllten und wucherten zu. Keiner schien sich mehr dafür zu interessieren. Nichts mehr war geblieben von dem mystischen und nahezu heiligen Ort, den mit den Romantikern auch die Osnabrücker Wanderfreunde beschworen: „So leb ich nach des Brunnens Weise, schöpf täglich Kraft zur Lebensreise und will beglückt stets weitergeben, was mir die Quelle schenkt zum Leben…“.

Ein Beitrag in der Serie „Mauerblümchen“ von Ilsetraut Lindemann in dieser Zeitung holte 1985 das Schicksal der Quelle wieder ans Tageslicht. Sie beklagte die trostlose Umgebung und schrieb: „Die Reste des alten Brunnenhauses wären für einen ‚Tatort‘-Krimi eine dankbare Kulisse. Ein von Brennnesseln und Gesträuch durchwachsenes, fensterloses Gemäuer scheint von glanzvolleren Zeiten zu träumen.“ 1988 fanden sich heimatverbundene Osnabrücker zusammen und gründeten einen Förderverein zur Restaurierung der Brüningsquelle. Ziele waren, „den Quellbereich wieder zu einem geschichtstragenden Ort zu machen“ und darüber hinaus „Verständnis für die Bedeutung des Quellwassers für den Menschen“ zu erzeugen.

Mit großem ehrenamtlichem Arbeitseinsatz schafften sie es, die Quelle freizulegen, zu säubern und die Umgebung ansprechend zu gestalten. Die Nahner Bürger Gerda und Josef Avermann steuerten ein Foto bei, das sie als verliebtes Paar 1936 vor der alten Schutzhütte zeigt. Dieses Foto diente als Blaupause für eine neue Schutzhütte.

Schüler einer Holzbau-Klasse der BBS Natruper Straße zeichneten die Konstruktionspläne, die sich an der alten Konstruktion orientierten. Wissenschaftsminister Johann-Tönjes Cassens weihte im Mai 1990 als Schirmherr die neue Schutzhütte ein, der MGV Nahne unter der Leitung von Eduard Brukwicki sang „Wenn alle Brünnlein fließen“, und alle waren froh und glücklich.

Häufige Vandalismusschäden

Leider wurden in den Folgejahren Frohsinn und Glück der Vereinsmitglieder auf harte Proben gestellt. Immer wieder kam es zu gravierenden Vandalismusschäden, die den Vorstand an den Rand des Aufgebens brachten. In den vergangenen Jahren ist es zum Glück etwas friedlicher geworden. Schadensbeseitigung ist nicht mehr das Hauptthema, es können auch vorwärtsgewandte Projekte angegangen werden. In diesem Frühjahr weihte der Vorsitzende Martin Menke mit seinem Team eine große Info-Tafel „Wandern rings um die Brüningsquelle“ vor dem Café Waldesruh ein. Fünf Rundwanderwege zwischen zwei und sechs Kilometer Länge sind darauf dargestellt.

(Weiterlesen: Im Stadtteil Nahne trifft Land-Idylle auf Stadtverkehr)


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