Nicht mehr bio Kein Dünger mehr: Klärschlamm in Osnabrück mit Mikroplastik belastet

Von Dietmar Kröger


Osnabrück. Jürgen Peters, Chef des Osnabrücker Klärwerks, war immer ein starker Verfechter der Kreislaufwirtschaft. Wenn er sich jetzt seinen Klärschlamm anschaut, kommen ihm Zweifel. Immer wieder findet er Plastikpartikel in dem Material, dass als Dünger auf die Äcker getragen wird.

Dabei handelt es sich um sogenanntes Mikroplastik, dass beispielsweise in Kosmetika vorhanden ist oder durch den Zerfall von größeren Kunststoffprodukten entsteht.

Jürgen Peters ist ein nachdenklicher Mann, der keine unüberlegten Schlussfolgerungen in die Welt hinausbläst. Und er ist ein erfahrener Mann, der seine Kläranlage und ihre technischen Möglichkeiten kennt – ein Mann, der am Ende ein gutes Produkt abliefern will. Wenn so einer anfängt, sich die Haare zu raufen und langjährige Ideale über Bord zu werfen, können alle anderen davon ausgehen, dass etwas dran ist, an dem, was er sagt.

Dabei geht Peters sehr vorsichtig mit seinen Statements um. Zum Beispiel, wenn er vom Plastik im Klärschlamm spricht: „Es ist nicht gesagt, dass wir jedes Mal Plastikteile finden, wenn wir jetzt einen Placken aufbrechen.“ Und dann kommt es doch so. Peters hält ein Stück getrockneten Klärschlamm in der Hand aus dem ein kleines blaues Plastikteil herausleuchtet. Ein Zufallsfund, aber einer mit Aussagekraft, denn er beschreibt die stetig steigende Zunahme von nicht klärbaren Plastikrückständen in unseren Abwässern.

Klärschlamm muss verbrannt werden

Jetzt versteht man auch, warum der Klärwerker sagt, sein Verhältnis zum Klärschlamm habe sich geändert. Der Osnabrücker Klärschlamm ist qualitätszertifiziert und wird auf den Äckern von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg als Biodünger verteilt. Peters, der früher stolz war auf das Osnabrücker Produkt, sagt heute: „Dieser Schlamm ist nicht mehr vorwiegend Dünger. Er ist eine Senke, die nicht mehr auf die Äcker gehört.“ Mittlerweile plädiert er dafür, den Schlamm zu verbrennen. Und zwar schon jetzt und nicht erst ab 2029, wenn die Verbrennung gesetzlich vorgeschrieben ist.

(Weiterlesen: Kunden fragen nicht nach Mikroplastik)

Aber der Schlamm steht ja am Ende der Prozesskette im Klärwerk. Was passiert davor? Kann das Plastik nicht ausgefiltert werden? Und vor allem: Warum ist es überhaupt da? Wo kommt es her? Beginnen wir mit der oder besser den Quellen. Die zur Rede stehenden Partikel mit einer Größe von bis zu etwa fünf Millimetern stammen vor allem aus der Kosmetikindustrie aber auch von vielen anderen Gegenständen des alltäglichen Bedarfs. „Plastik wird spröde und bricht zum Beispiel beim Abwaschen“, beschreibt Peters den Ursprung dessen, was am Ende seines Daseins den Leuten in den Klärwerken der Republik Probleme bereitet.

Die großen Teile, zum Beispiel die Kunststoffdose für das Pausenbrot, klaubt der Mensch aus dem Spülwasser oder der Spülmaschine, entsorgt sie in der Mülltone und führt sie so im besten Falle dem Recyclingprozess oder der Verbrennung zu. Die kleinen, für das Auge schwer sichtbaren, Teile wandern durch den Abfluss in die Kanalisation bis zum Klärwerk.

Was über fünf Millimeter groß ist, fischt hier der Rechen aus dem Wasser. Alles, was kleiner ist, und dazu gehören zum Beispiel auch die vielen Kunststofffasern aus Textilien, wie den beliebten Fleecepullovern, wandert fröhlich durch das Klärwerk, haftet sich an andere Teile zum Beispiel Fette an, und wird so mit einem Mal zu biologischem Abfall, der ja als Klärschlamm wiederverwendbar ist.

Das unsterbliche Plastikteil

Ein anderes Teilchen entscheidet sich für einen anderen Transporteur und landet in der Hase. Von dort geht es in die Nordsee, wo sich eine Scholle das Teilchen einverleibt. Die Scholle landet auf dem Mittagstisch einer Osnabrücker Familie und ehe sich unser kleines Plastikteilchen versieht, ist es wieder in der Kläranlage. Dort trifft es den Kollegen, der sich für den Weg über Brandenburg zurück nach Osnabrück entschieden hat. Durch die sieben Mägen einer kerngesunden Schwarzbunten hat es auf seinem Weg zurück nach Eversburg noch eine Molkerei, einen Joghurtbecher und den Verdauungstrakt des Kleinkindes in der Osnabrücker Familie passiert. Auf keiner ihrer Stationen wurden die beiden Plastikteilchen aus dem Verkehr gezogen. Wovon die Menschheit träumt, wird für das Plastik wahr: die Unsterblichkeit.

Erstaunlich ist, dass es für diese Partikel noch keine Form der Überwachung gibt. „Es sei denn man macht das freiwillig, wie die Kollegen in Oldenburg“, weiß Peters. Der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) hat eine groß angelegte Studie zu den Plastikpartikeln im Klärwasser in Auftrag gegeben und seiner Anlage in Oldenburg als letzter Station im Klärprozess noch ein Filtertuch hinzugefügt, das auch Kleinstpartikel bis zwei Millimeter aus dem Wasser fischt. Das löst das Problem aber in Peters Augen auch nicht vollständig, weil das Tuch zur Reinigung zurückgespült werden muss. Sein Inhalt landet damit im Klärschlamm, der wiederum nur verbrannt werden kann. Mithin findet die Kreislaufwirtschaft auch bei diesem Verfahren ihr Ende. Das ist ärgerlich, weil der Großteil des Schlamms ja eigentlich noch sinnvoll genutzt werden könnte.

Früher waren die Pumpen verstopft

Aber nicht nur Fasern und Plastikbruchstücke finden sich in den Kläranlagen wieder. Auch die verschiedensten Kunststoffzusätze aus diversen Kosmetika passieren den Klärprozess, ohne dass sie derzeit wirklich aufgehalten würden. „Diese Stoffe beschreiben einen Kulturwechsel“, sagt Peters. Die Stoffe seien nicht zwangsläufig toxisch und dennoch stellen sie in Peters Augen eine groß Belastung dar, weil sie einfach nicht aus der Umwelt zu eliminieren sind. „Wir müssen und fragen, ob das so ok ist oder nicht.“ Selbst, wenn die Industrie auf die Probleme reagiere, wende sich das Blatt nicht unbedingt zum Besseren.

Peters nennt als ein Beispiel feuchtes Toilettenpapier. Über lange Jahre sei es als langfaseriges Material im Klärwerk aufgetaucht und habe die Pumpen verstopft. Dann seien die Hersteller dazu übergegangen, kleinfaserige Materialien zu entwickeln. Nun ist das Pumpenproblem vom Tisch, dafür schleichen sich die Minifasern durch den Klärprozess, ohne wirklich gestoppt werden zu können. Das Problem wurde also nicht gelöst, sondern nur verlagert. Für Peters ist das die schlechteste aller Alternativen.

Noch vor wenigen Jahren war das Ziel einer Klärwerksanlage am Ende des Klärprozesses zwei saubere, wiederverwendbare Produkte abzuliefern: sauberes Wasser und biologischen Klärschlamm für die Düngung. Im Laufe des Prozesses anfallende Abfallstoffe wurden überwiegend der Verbrennung zugeführt. Dieser Anteil wird nun größer werden. Dabei kann zum Beispiel der von der Kosmetikindustrie gewünschte Peelingeffekt in Cremes und Shampoos schön längst auf umweltverträglichem Weg erreicht werden. Hersteller von Bioprodukten setzen zum Beispiel kleingehäckselte Olivenkerne ein.

Jürgen Peters und seine Kollegen aber müssen sich wohl – ob sie es nun wollen oder nicht – auf eine Zukunft mit immer mehr Plastik im Abwasser einrichten. „Wir müssen uns auf das dümmste Verhalten der Konsumenten und auf die raffgierigste Industrie einstellen“, sagt Peters. Mit anderen Worten: Vor allem der Konsument wird das Entschuppen seiner Haut zweimal bezahlen. Einmal beim Kauf seiner Peelinglotion und das zweite Mal mit der Abwasserrechnung.

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