Festival „Spieltriebe“ Sibylle Bergs „Und dann kam Mirna“

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Osnabrück. Das Festival „Spieltriebe“ am Osnabrücker Theater setzt sich mit dem brisanten Thema „Macht*Spiel*Geschlecht“ auseinander. Mit einer Serie beleuchten wir Produktionen und verschiedene Aspekte des brisanten Themas. Sibylle Bergs Stück „Und dann kam Mirna“ entfaltet Konfliktszenarien zwischen Mutter und Tochter – und beleuchtet die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Von außen besehen handelt es sich bei Sibylle Berg s „Und dann kam Mirna“ um ein Mutter-Tochter-Stück. Was hat es dann mit dem Festivalthema „Macht*Spiel*Geschlecht“ zu tun, mag man fragen. Doch wer Theaterstücke der bekannten Autorin kennt, weiß, dass sie ein Talent für eskalierende Konfliktszenarien besitzt. „ Und dann kam Mirna“ bedient diese sogar auf mehreren Ebenen. Zum einen entwirft Berg ein sensibles und kritisches Porträt einer Frau ihrer eigenen Generation. Indem diese Frau, noch geprägt durch Ausläufer der 68er-Revolte, Mutter wird, gerät sie Konflikt mit alten Rollenzuschreibungen von Hausfrau und Mutter. Gegen die sie verbal aufbegehrt, in deren Sog sie dennoch unweigerlich gerät. Denn handeln, verändern, ist trotz flammender Willensbekundungen nicht die Stärke dieser Frau.

Wohl aber die ihrer pubertierenden Tochter Mirna, die die Feind- und Schreckbilder der Mutter nicht nachvollziehen kann und „scharf ist in ihren Verurteilungen“, sagt Dramaturg Sven Kleine. Das Stück kontrastiert also zwei Generationen und ihr unterschiedliches Verhältnis zu weiblichen Rollen in der Gesellschaft – einen von den gesellschaftlich virulenten Aspekten des Festivals. Wie typisch die beiden Frauen wirklich für ihre Generationen sind, werden die Festivalbesucher entscheiden können.

Leiden an der Herkunft

Eine kleine Kostprobe aus dem Inhalt: Mirnas Mutter leidet unter ihrer durchschnittlichen Herkunft: kein Missbrauchs- oder Migrationsopfer, keine interessanten Konflikte, keinen Großvater bei der Waffen-SS, folglich kein Potenzial zur Autorin von Familienromanen, die sich Prominenz durch Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft erschreiben kann. Gelangweilter Partysex mit einem Torben, Schwangerschaft und das gefühlte Verschwinden aus jeglicher sozialen und gesellschaftlichen Relevanz: „Reproduktion ist die perfekte Frauenentsorgungsmaßnahme“, behauptet sarkastisch Bergs Figur.

„Aus deinem Zusammenhang wirst Du nie fliehen können“, sagt Tochter Mirna und verzweifelt an der Lebensuntüchtigkeit ihrer Mutter. „Kannst du jetzt bitte mit anfassen, bitte?“, fragt Mirna beim Umzug auf das Land. „Sofort. Lass mich nur kurz – Die einzigen Stunden Ruhe für mich, die kleine Auszeit, in der ich mit der Seele, quasi...“, räsoniert derweil die Mutter. Diese kleine Szene sagt alles.

Höchst beredtes Stück

„Das Stück holt sehr viele Leute ab“, meint Regisseurin Felicitas Braun während einer ersten Probenphase vor der Spielzeitpause des Theaters, „weil es geschlechterübergreifend verstanden werden kann“. Braun hat in der zurückliegenden Spielzeit in Osnabrück „Lucas and Time“ im Emma-Theater inszeniert. „Mich interessiert an dem Stück, dass Sibylle Berg sprachlich veräußerte Figuren entworfen hat“, sagt sie. Die Frauen sprechen die ganze Zeit, erklären sich – im Gegensatz etwa zu Franz Xaver Kroetz‘ „ Wunschkonzert “, das nur aus Regieanweisungen besteht und ansonsten keine Stimme hat. Deshalb kontrastiert Braun Bergs höchst beredtes Stück mit einer dritten, stummen Generation auf die Bühne. Hinter einer Plexiglasscheibe wird Mirnas Mutter als alte, alleinstehende Dame zu sehen sein, der nichts als die Rituale des Alltags geblieben sind. Was will uns das sagen? Die „Spieltriebe“ werden es zeigen.


Festival „Spieltriebe“: „Und dann kam Mirna“, Regie: Felicitas Braun, Emma-Theater, orangefarbene Route, vom 1.3. September. Kartentel. 0541-7600076 ab 2. August, online. www.theater-osnabrueck.de

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