Landkreis bekommt 570.000 Euro mehr Fahrtkosten und Coaching: Kostspielige Jobvermittlung für Flüchtlinge

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Mehrkosten von 570.000 Euro entstehen der Jobvermittlung des Landkreises Osnabrück 2017 durch die Arbeitsvermittlung von Flüchtlingen. Diese ist durch Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und fehlende Mobilität kosten- und arbeitsintensiver. Foto: Rainer WestendorfMehrkosten von 570.000 Euro entstehen der Jobvermittlung des Landkreises Osnabrück 2017 durch die Arbeitsvermittlung von Flüchtlingen. Diese ist durch Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und fehlende Mobilität kosten- und arbeitsintensiver. Foto: Rainer Westendorf

Bad Essen. Die Arbeitsvermittlung des Landkreises Osnabrück (Maßarbeit) unternimmt finanzielle Anstrengungen, um Flüchtlinge dauerhaft in Arbeit zu bringen. Dazu zählt auch der Einsatz von Taxis, wie zwei aktuelle Fälle im Landkreis zeigen. Diese Praxis, die auch einheimischen Jobbewerbern gewährt wird, ist umstritten.

Die Nachricht, dass ein syrischer Flüchtling aus Bad Essen für drei Monate die Taxifahrt zur neuen Arbeit in Ostercappeln-Venne von der Jobvermittlung des Landkreises Osnabrück bezahlt bekommt, rief in den sozialen Netzwerken und bei Lesern unserer Zeitung von Verwunderung über Ärger bis zu Lob viele Reaktionen hervor. Die Sprecherin der Maßarbeit, Kimberly Lübbersmann, bekam anonyme Nachrichten wie diese zugeschickt: „Linksdusseliger Wahnsinn kennt beim Einsatz für Asylbetrüger keine Grenzen“.

Mit dem Taxi von Bad Essen nach Ostercappeln

Konkret geht es um folgenden Fall: Die Maßarbeit hatte einem anerkannten Flüchtling Ende Mai eine versicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung in Ostercappeln-Venne vermittelt und bezahlt für die ersten drei Monate die 15 Kilometer lange Taxifahrt vom Wohnort zur Arbeit und zurück, weil die Schichtarbeitszeiten des Mannes nur unzureichend mit den öffentlichen Verkehrsmitteln abgedeckt würden. Die Nutzung eines E-Bikes hätte aus „gesundheitlichen Gründen“ für den Jobbewerber nicht gepasst. Außerdem kenne der Flüchtling die Gegend zu wenig. Ein möglicher Umzug zum Arbeitsplatz sei in Erwägung gezogen worden, aber in der Kürze der Zeit nicht umsetzbar gewesen.

Die monatlichen Taxikosten würden sich je nach Anzahl der Arbeitstage auf höchstens 1300 Euro belaufen und sich nach den ortsüblichen Tarifen richten. Die ersten drei Monate solle der Flüchtling nutzen, um einen Führerschein zu machen (diesen übernimmt die Maßarbeit bis zu 1800 Euro), sich bei den neuen Kollegen um eine Mitfahrgelegenheit zu kümmern oder eine sonstige Transportmöglichkeit zu organisieren.

„Punktueller“ Einsatz von Taxis

Der Einsatz eines Taxis sei bei der Arbeitsvermittlung eine Ausnahme, so die Maßarbeit, werde aber „punktuell“ eingesetzt, wenn dadurch einheimischen Langzeitarbeitlosen und Flüchtlingen ein fester Arbeitsplatz vermittelt werden könne. Dabei prüfe die Maßarbeit bei jedem Bewerber, ob eine Fahrt zur Arbeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder einem Fahrrad „zumutbar“ sei.

Was aber zumutbar sei, werde im Einzelfall entschieden und hänge von verschiedenen Kriterien wie Entfernung vom Arbeitsplatz, Arbeitszeiten, gesundheitlichen Einschränkungen, Betreuungsnotwendigkeiten für Kinder oder zu pflegenden Angehörigen ab.

Sechs Taxi-Fälle von 2013 bis 2017

In den vergangenen fünf Jahren finanzierte die Maßarbeit eine Taxibeförderung für Bewerber in insgesamt sechs Fällen, davon drei bisher in 2017, zwei im Jahr 2013 und eine in 2015. In zwei der aktuellen Fälle von 2017 handelt es sich um Jobbewerber mit Fluchthintergrund.

Solche Förderungen seien für die Maßarbeit wirtschaftlich, da sie die Bewerber dauerhaft unabhängig von Sozialleistungen machten. „Unser vorrangiges Ziel ist es, Menschen in Arbeit zu bringen“, sagt Lübbersmann.

Steigende Zahl arbeitssuchender Flüchtlinge

Derzeit betreut die Maßarbeit im gesamten Landkreis 9995 erwerbsfähige Leistungsberechtigte nach dem Sozialgesetzbuch II, die sogenannten Hartz IV-Empfänger. Davon sind 6510 Personen auf der Suche nach einem festen Job. Die Zahl der arbeitssuchenden Flüchtlinge lag im Mai bei 685. Im Mai des Vorjahres waren es noch 195 Flüchtlinge.

Diese Zunahme stelle die Maßarbeit vor neue finanzielle Herausforderungen. Einen Flüchtling zu vermitteln sei in vielen Fällen schwieriger und kostenintensiver als einen deutschen Staatsbürger, nicht zuletzt wegen der fehlenden Sprachkenntnisse, die durch Sprachkurse erworben werden müssten.

Höhere „Vermittlungshemmnisse“ erzeugen höhere Kosten

Die „Vermittlungshemmnisse“ seien deutlich höher, durch teilweisen Analphabetismus, kulturelle Unterschiede und gesundheitliche Einschränkungen. Außerdem würden sich die Flüchtlinge in der fremden Umgebung weniger leicht zurechtfinden und müssten „stärker an die Hand genommen werden“, sagt Lübbersmann.

So wurde beispielsweise ein anerkannter Flüchtling kürzlich für drei Wochen auf Kosten des Landkreises (40,70 Euro pro einfacher Fahrt) mit dem Taxi 25 Kilometer von seinem Praktikumsplatz in Ostercappeln zu einem Sprachkurs in Osnabrück gebracht, weil dieser sonst zeitlich nicht zu erreichen gewesen wäre. Dabei sei im Vorfeld ein Angebot von verschiedenen Taxiunternehmen eingeholt worden, von dem dann das günstigste den Zuschlag erhielt. Der Flüchtling sei mittlerweile bei dem Unternehmen fest angestellt. Dadurch falle das monatliche Arbeitslosengeld II in Höhe des Regelsatzes von 409 Euro plus des Wohngelds in nicht genannter Höhe dauerhaft weg, so die Maßarbeit.

Steigendes Vermittlungsbudget aus Bundesmitteln

Bezahlt werden die Taxifahrten aus Bundesmitteln, die die Maßarbeit eigenverantwortlich für Qualifizierungen, Lohnkostenzuschüsse, Kosten für Bewerbungen, Mobilitätsmittel einsetzen kann. 2016 war das ein Budget von 7,6 Millionen Euro. Für dieses Jahr hat der Bund 8,17 Millionen Euro zugewiesen, also 570.000 Euro mehr.

Die Mehrausgaben erklären sich durch den Mehraufwand bei der Vermittlung von anerkannten Flüchtlingen. Vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales heißt es bezüglich des Budgets für den Landkreis Osnabrück auf Anfrage unserer Redaktion: „Die Mittel für Eingliederung in Arbeit sind mit Blick auf die zusätzlichen Herausforderungen durch die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge für das Jahr 2017 deutlich aufgestockt worden.“

Mehrkosten durch Sprachbarrieren, Lohnzuschüsse und Fahrservice

Ein Hauptbestandteil der Mehrkosten entstehe neben Maßnahmen im Bereich Mobilität auch durch Übersetzungsleistungen, durch neue Maßnahmeangebote, die speziell auf die Bedarfe der Zielgruppe Flüchtlinge eingehen, wie zum Beispiel unterstützende Coachingangebote, Qualifizierungsangebote mit Sprachanteil, Kompetenzfeststellungsverfahren oder ausbildungsbegleitende Hilfen.

Um Flüchtlinge wie auch Einheimische in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sei auch die Zahlung eines Lohnkostenzuschusses ein gängiges Mittel.

Voraussetzung dafür ist eine „erschwerte Vermittlung“, also eine Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu anderen Bewerbern, die in der Person des Bewerbers begründet ist wie fehlende Berufserfahrung oder -abschlüsse.

Jungen Asylbewerbern werde zudem häufig eine Einstiegsqualifizierung für höchstens ein Jahr ermöglicht. Dabei erstattet die Maßarbeit dem Arbeitgeber die monatliche Vergütung bis zu einer Höhe von 231,00 Euro. Derzeit laufen 19 Einstiegsqualifizierungen, davon zehn für Flüchtlinge.

Bisher hohe Erfolgsquote

Die Erfolgsquote bei den im Job bleibenden Flüchtlingen gebe der Arbeitsvermittlung recht, sagt Lübbersmann. Von den 156 seit vergangenem Jahr vermittelten Flüchtlingen blieben 73 Prozent in ihrem Job, bei den insgesamt 4174 Vermittelten waren es 67,8 Prozent.


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