Organisierte Kriminalität Planenschlitzer: Problem für Speditionen im Landkreis Osnabrück

Von Sven Kienscherf

Das Problem mit den sogenannten Planenschlitzern wächst: Die Ermittler vom LKA Niedersachsen sprechen von steigenden Zahlen. Landesweit zählen sie für das vergangene Jahr 750 Straftaten. Tatsächlich dürften die Zahlen höher liegen, denn längst nicht jeder Fall wird zur Anzeige gebracht. Foto: Uwe Anspach/dpaDas Problem mit den sogenannten Planenschlitzern wächst: Die Ermittler vom LKA Niedersachsen sprechen von steigenden Zahlen. Landesweit zählen sie für das vergangene Jahr 750 Straftaten. Tatsächlich dürften die Zahlen höher liegen, denn längst nicht jeder Fall wird zur Anzeige gebracht. Foto: Uwe Anspach/dpa

Osnabrück. Die Planen von Sebastian Kohls Anhängern sind schon mehrfach aufgeschlitzt worden. An einem Wochenende schlugen Unbekannte gleich 18 Mal zu, nur zwei Wochen später schnitten sie 14 Planen auf, erzählt er unserer Redaktion. Gestohlen worden sei fast nichts. Der Bramscher ist nicht der einzige Spediteur in der Region, der sich mit dem kriminellen Phänomen herumärgert.

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Das Problem mit den sogenannten Planenschlitzern wächst: Die Ermittler vom LKA Niedersachsen sprechen von steigenden Zahlen. Landesweit zählen sie für das vergangene Jahr 750 Straftaten. Tatsächlich dürften die Zahlen höher liegen, denn längst nicht jeder Fall wird zur Anzeige gebracht. Insider gehen eher von der doppelten Anzahl an Fällen aus. Damit die Versicherungsprämien nicht steigen, zahlen viele Spediteure den Schaden lieber selbst.

Die Täter schlagen vorzugsweise nachts auf Raststätten oder Autohöfen zu, schlitzen mit einem Messer einen Halbmond in die Plane, begutachten teilweise mit einem Endoskop die Fracht und entscheiden, ob sie etwas stehlen oder wieder von dannen ziehen. Die Waren werden oft in Kleinlastern abtransportiert.

(Weiterlesen: „Planenschlitzer“ plündern in Niedersachsen immer mehr Laster)

„Es kann jeden treffen“

Sebastian Kohl, Chef der Bramscher Spedition TSK, sagt, dass das Planenschlitzen immer schon ein Problem war. Früher habe es aber meist nur Aufleger getroffen, die verplombt waren, und von denen die Diebe annehmen konnten, dass sie hochwertige Ware geladen hatten. „Heute kann es jeden Aufleger treffen.“

Fast alle Rastplätze an der A2 gelte es zu vermeiden, sagt Kohl. „An der A2 ist es ganz schlimm, da kann man eigentlich gar nicht stehen.“ Ähnlich sei es an der A3 Richtung Passau und Tschechien. „Wir versuchen, auf bewachten Autohöfen zu übernachten oder abzufahren und uns einen Stellplatz im Industriegebiet zu suchen, der unter Laternenlicht steht.“

Allerdings schlagen die Unbekannten nicht nur an Raststätten zu, sondern auch da, wo die Lkw vermeintlich sicher sind: bei den Speditionen direkt. „An einem Wochenende sind auf unserem Betriebsgelände 18 Planen aufgeschlitzt worden, zwei Wochen später noch mal 14“, sagt Kohl.

Den Zaun überwanden die Diebe, indem sie eine Decke über die Spitzen legten, berichtet der Unternehmer aus Bramsche. Gestohlen haben die Diebe am Ende so gut wie nichts. „Wir hatten keine hochwertigen Waren geladen.“

Schlitzereien gehen ins Geld

Die Schlitzereien gehen ins Geld. Vor neun Jahren hat Kohl das Unternehmen gegründet. Einen guten fünfstelligen Betrag habe ihn das Reparieren der Planen mittlerweile gekostet. „Wenn man den Riss einfach wieder zumachen kann, kostet die Reparatur rund 160 Euro, wird ein Gurt bei dem Schneiden beschädigt, können es auch 800 Euro werden.“

Kohl hat die Nase voll. Auf einem seiner Auflieger testet er jetzt eine Sicherheitsplane, die mit Stahlgewebe durchzogen ist und es Planenschlitzern schwer machen soll. Die kostet mit rund 3000 Euro zwar deutlich mehr als eine normale Plane. „Aber vielleicht haben wir ja dadurch Ruhe.“

Die Täter schlagen vorzugsweise nachts auf Raststätten oder Autohöfen zu, schlitzen mit einem Messer einen Halbmond in die Plane, begutachten teilweise mit einem Endoskop die Fracht und entscheiden, ob sie etwas stehlen oder wieder von dannen ziehen. Die Waren werden oft in Kleinlastern abtransportiert. Foto: dpa

Champagner-Kisten und Kreissägen

Von Januar 2016 bis zum 1. Mai 2017 verzeichnet die Polizeiinspektion Osnabrück insgesamt 41 Fälle von Planenschlitzen. Gleich 29 Mal schlugen Unbekannte beispielsweise an der Raststätte Grönegau Nord an der A30 zu.

Geklaut wird quer durch die Bank. Von Fahrrädern über Schlafanzüge bis hin zu Impulsnagelgeräten, wie Polizeisprecher Frank Oevermann berichtet. Unter dem Diebesgut waren Kisten mit Champagner im Wert von 14.000 Euro sowie 189 Kartons mit Kreissägen. Die Täter seien der Organisierten Kriminalität zuzurechnen, so Oevermann.

Auch die Osnabrücker Spedition Koch Logistic hatte Ärger mit Kriminellen, die versucht haben, an die Ladung zu kommen. Die Lkw von Chef Alexander Koch fahren daher seit geraumer Zeit nur noch mit Kofferaufbauten. „Aus Sicherheitsgründen“, sagt Koch. Die Spedition fährt vor allem für Paketdienstleister wie UPS. „Viele Kunden schreiben mittlerweile vor, dass die Pakete mit Kofferaufbauten transportiert werden müssen.“

Mit Vorhängeschlössern gesichert

Zusätzlich zur Verplombung sichert die Spedition die Türen der Aufbauten mit Vorhängeschlössern. Die seien natürlich nicht unüberwindbar. „Aber sie schrecken ab“, stellt Koch fest. Trotzdem versucht Koch, Risiken auszuschließen.

Die Fahrer sind angewiesen, es nach Möglichkeit zu vermeiden, Rastplätze anzusteuern. „Die Routen werden so geplant, dass die Fahrer ihre Pausen entweder bei uns auf dem Hof verbringen oder beim Kunden.“

Geschäftsmodell entwickelt

Für Andreas Giesler haben die Zahlen ein Ausmaß angenommen, dass er daraus ein Geschäftsmodell entwickelt hat. Der 32-Jährige hat zunächst als Speditionskaufmann gearbeitet und später Wirtschaftsingenieurwesen studiert.

Er hat eine Plane entwickelt, die einen Alarm auslöst, wenn ihn sie aufgeschnitten wird. Das Geschäft läuft gut, sagt er. Die Alarmplane wird auf die vorhandene Lkw-Plane aufgeschweißt. Ganz billig ist das nicht, der Preis liegt bei rund 3.000 Euro. „Spediteure können sich den Umbau allerdings bezuschussen lassen“, sagt Geisler.

Schaden von mehreren hundert Euro

Die Osnabrücker Spedition Koch International testet derzeit Geislers Erfindung. „Der Schaden, der entsteht, auch wenn die eigentliche Ladung nicht gestohlen wird, beläuft sich durch die organisatorische Abwicklung, Werkstattarbeiten oder Standzeit des Lkw auf mehrere hundert Euro“, heißt es.

Auch die Osnabrücker Spedition Hellmann kennt das Problem mit Planenschlitzern. Das Unternehmen fahre nach Möglichkeiten mit Kofferaufbauten und plane die Routen so, dass die einzelnen Fahrer nicht so lange hinter dem Steuer sitzen und weniger Ruhezeiten brauchen. Gänzlich vermeiden lasse sich das Risiko des Planenschlitzens aber nicht. „Leider gibt es kaum Sicherheitsparkplätze in Deutschland und Europa“, heißt es bei Hellmann.

Zusammenfassung

Planenschlitzen heißt das Phänomen, das nach Ansicht des Landeskriminalamts Niedersachsen immer weiter zunimmt. Diebe schneiden ein Loch in die Plane und entscheiden dann, ob es sich lohnt, die Ware zu stehlen. Spediteure aus der Region bemängeln, dass es in Europa wenige Sicherheitsparkplätze gibt und experimentieren zum Teil mit schnittfesten Planen oder sogenannten Alarmplanen.