1801 Blutbad in der Gartlage Infotafel erinnert an Gesellenaufstand in Osnabrück

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Informativ und zugleich ein schön gearbeiteter Hingucker: die neue Infotafel zum Gesellenaufstand. Foto: David EbenerInformativ und zugleich ein schön gearbeiteter Hingucker: die neue Infotafel zum Gesellenaufstand. Foto: David Ebener

Osnabrück. Der Osnabrücker Gesellenaufstand von 1801 hat einen würdigeren Platz in der Erinnerungskultur der Stadt gefunden. Kultusdezernent Wolfgang Beckermann weihte nun eine großformatige Gedenk- und Informationstafel am Haster Weg ein und verlieh dem dort kreuzenden Wanderweg zum Gut Gartlage den halboffiziellen Namen „Gesellenweg“.

Es ist der Weg, den die streikenden Gesellen vermutlich nahmen, als sie im Juli 1801 hinaus in die Feldmark zogen, um den städtischen Vollzugsorganen zu entgehen. Wo dann allerdings hannoversches Militär eingriff und für einen blutigen Showdown sorgte. Am Ende waren zehn Tote zu beklagen, darunter ein vierzehnjähriger Lehrling und ein zehnjähriges Kind. Der Gesellenaufstand gilt bis heute als blutigster Arbeitskampf der Stadtgeschichte. Die Gesellen kämpften sehr früh für das Streik- und andere Arbeitnehmerrechte, die erst viel später von den Gewerkschaften durchgesetzt werden sollten.

„Geplatzte Kragen“

Beckermann trat im offenen Hemdkragen auf, was ihm bei der Sommerhitze sowieso jedermann gerne zugestand. Der städtische Dezernent fand aber noch eine weitere Rechtfertigung dafür: Er wolle sich mit den Schuhmachergesellen solidarisieren, die sich bei einer feierlichen Versammlung wandernder Handwerksgesellen 1801 weigerten, den Kragen zuzuknöpfen. Die darauf folgende Bestrafung brachte das Fass zum Überlaufen und führte zu den Aufständen. Beckermann griff damit die historisch belegten Tatsachen auf, die Buchautor Heiko Schulze in seinem historischen Roman „Geplatzte Kragen“ fiktiv ausschmückte. Der Titel bezieht sich auf den vordergründigen Streit um das unterlassene Zuknöpfen von Kragen und im Doppelsinn auf das Aufbegehren gegen den Abbau sozialer Standards, gegen Billigkonkurrenz, gegen einen intransparenten Zugang zum Meistertitel, gegen stagnierende Löhne. Schulze war bis 2013 Geschäftsführer der SPD-Ratsfraktion, heute arbeitet er im städtischen Fachbereich Kultur.

Beckermann dankte seinem Mitarbeiter als einem der Initiatoren der würdigen Aufarbeitung, außerdem den Schinkeler Bürgervereinen, die sich ebenfalls dafür starkgemacht hatten und ihren traditionellen „Schinkelgang“ im Herbst unter anderem an diesen Ort – Haster Weg in Höhe des ehemaligen Forsthauses – als jetzt realisierten Standort der Informationstafel geführt hatten.

„Tolles Möbelstück“

Walter Leineweber vom Bürgerverein Schinkel-Ost reichte einen großen Teil des Dankes weiter an die Werkstätten der Jugendberufshilfe Dammstraße, die die Ständerkonstruktion aus massiver Eiche geschaffen haben. „Das ist ein richtig tolles Möbelstück hier am Waldrand geworden“, meinte er und verwies auf die gedrechselten Knaggen. Namentlich mit der Arbeit hervorgetan haben sich Pascal Stellmacher, Hassan Ali und Angasom Fsfha.

Wie es sich für einen Festakt gehört, durfte die musikalische Begleitung nicht fehlen. Die Absolventen der städtischen Musik- und Kunstschule Benedikt Tönies und Mareike Schulze trugen mit Gesang, Gitarre und Querflöte das Revoluzzerlied „Ein freies Leben führen wir“ vor, das Schiller für „Die Räuber“ textete und dem man später die Melodie von „Gaudeamus igitur“ beilegte. Heiko Schulze hält es für gut vorstellbar, dass die streikenden Handwerksgesellen damals dieses Lied sangen.

Kammern und Gewerkschaften würdigen die Gesellen von einst

Als bedeutsam für die Geschichte ihrer Organisationen bezeichneten Sven Ruschhaupt von der Handwerkskammer und Petra Tiesmeyer vom DGB den Gesellenaufstand. Ruschhaupt hatte drei Gesellen mitgebracht, die als Arbeitnehmervertreter in der Vollversammlung der Kammer mitbestimmen können, verwies auf die schon lange herrschende Selbstverwaltung und betonte: „Bei uns im Handwerk platzt heute keinem mehr der Kragen.“ Tiesmeyer freute sich, dass nach all den vielen Herrschenden auf Straßenschildern, nach „all den Stüves, Miquels, Mösers und so weiter“ nun auch die Gesellen gebührende Aufmerksamkeit bekämen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank Henning betonte die Einstimmigkeit, mit der der Rat im August 2016 die Aufstellung der Tafel beschlossen habe. „Es ist ja nicht so, dass wir uns immer nur streiten“, sagte er und mahnte, die Sozialpartnerschaft unbedingt zu pflegen und zu erhalten.

(Weiterlesen: Erinnerungen an den Juli 1801 – Als Gesellen in Osnabrück den Aufstand probten)


Im Juli 1801 empörten sich die Schuhmachergesellen über Geldstrafen, die sie wegen der Missachtung von Bekleidungsvorschriften zahlen sollten. Es kam zum Wortstreit mit den Meistern, die bald in Tätlichkeiten ausarteten. Später wurden zwei Rädelsführer durch Aussperrung bestraft. Die übrigen Gesellen solidarisierten sich und legten die Arbeit nieder.

Der Streik weitete sich rasch aus. Tischler-, Schmiede- und Schneidergesellen schlossen sich an, weitere Gilden folgten. Mehr als die Hälfte der in der Stadt beschäftigten Handwerksgesellen waren schließlich im Ausstand. Um den städtischen Vollzugsorganen zu entgehen, verließen die Streikenden am 11. Juli die Stadt und zogen auf die Gartlage. Außerhalb der Landwehr war nicht mehr der Magistrat zuständig, sondern die Landesregierung. Die setzte Soldaten in Marsch. Sie stießen beim Dierkerschen Kolonat, dem späteren Kaffeehaus Gartlage, nicht nur auf die Gesellen, sondern auf eine große Menschenmenge solidarischer Stadtbewohner und Bauern aus dem Umland. Die Situation eskalierte, als die Unterhändler ohne Ergebnisse den Versammlungsort verließen und die erregte, teilweise alkoholisierte Menge sich unmittelbar mit den bewaffneten Soldaten konfrontiert sah. Die fühlten sich ihrerseits durch das folgende Handgemenge bedroht und schossen ohne Vorwarnung in die Menschenmenge. 10 Tote und 20 Schwerverletzte waren zu beklagen. Als sie in einem tumultartigen Zug in die Stadt gebracht wurden, griff der Aufruhr auf die Stadt über, wo viele Einwohner für die Aufständischen Partei ergriffen. Es dauerte zwei Tage, bis die Stadtwache die Situation unter Kontrolle hatte.

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