Ausbildung mit vier Kindern Osnabrückerin lernt in Teilzeit Speditionskaufrau

Von Frank Muscheid

Eine Berufsperspektive als vierfache Mutter hat Tatjana Wieser (links) mit ihren Stärken, mit Motivation und der Hilfe von Andrea Hörnschemeyer (Mitte) gefunden. Personalreferentin Eva Barkey (rechts) begrüßt das Teilzeitmodell für Azubis. Foto: Frank MuscheidEine Berufsperspektive als vierfache Mutter hat Tatjana Wieser (links) mit ihren Stärken, mit Motivation und der Hilfe von Andrea Hörnschemeyer (Mitte) gefunden. Personalreferentin Eva Barkey (rechts) begrüßt das Teilzeitmodell für Azubis. Foto: Frank Muscheid

Osnabrück. Die 28-jährige Tatjana Wieser braucht viel Organisationstalent: Die Mutter von vier kleinen Kindern ist seit knapp einem Jahr eine von zwei Teilzeit-Auszubildenden beim Logistikunternehmen Hellmann, lernt dort Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung.

Ein noch seltenes Ausbildungsmodell, das für motivierte Fachkräfte sorge und Beruf und Familie vereine, sagt Andrea Hörnschemeyer von der Agentur für Arbeit in Osnabrück, die den Ausbildungsplatz vermittelt hat. Tatjana Wieser stammt aus Kaltenkirchen in Schleswig-Holstein, zog mit ihrer Familie vor fünf Jahren nach Osnabrück. Sie hat zwei Jungen im Alter von sieben und sechs Jahren und zwei vierjährige Mädchen, eins wird bald fünf. „Die Kinder waren alle betreut, und ich habe mich am 1. Oktober 2015 arbeitslos gemeldet. Ich wollte was tun, nochmal von vorne anfangen.“

Sieben Jahre in Elternzeit

Bis 2009 hatte sie mit der Mittleren Reife in der Tasche Fachkraft für Systemgastronomie gelernt, wegen der unregelmäßigen Zeiten schwierig für den Wiedereinstieg. Danach folgten sieben Jahre Elternzeit. Ihr Mann bekam als Baumaschinenführer ein Jobangebot im Ibbenbürener Bergbau, wurde zum Berufskraftfahrer umgeschult. So interessierte sich auch seine Frau für die Logistik.

Andrea Hörnschemeyer empfahl ihr zunächst die Gesellschaft für Berufsförderung und Ausbildung (GEBA). Bis dahin hatte Wieser ohne Erfolg rund 80 Bewerbungen verschickt. „Bei der GEBA habe ich einen Vorbereitungskurs zur Teilzeitausbildung gemacht“, erzählt sie. „Das hat alles verändert.“ Und es habe bedeutet, sich nicht länger allein von zu Hause mit vagen Ideen und zunehmender Depression zu bewerben. Im Kurs gehe es um Selbstfürsorge, Mut bei der Berufssuche, Bildungsgrundlagen und die Frage: „Was ist deine Persönlichkeit, was passt zu dir?“

Schnell zurück im Arbeitsmarkt

„Ab Herbst 2015 haben wir geschaut, wo der Weg hingehen könnte“, so Vermittlerin Hörnschemeyer, die in der ganzheitlichen Integrationsberatung, Team Inga, arbeitet. „Frau Wieser war voller Tatendrang. Mit so viel Einsatz musste etwas in Richtung neuer Ausbildung gehen, um auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“ Nach nur vier weiteren Bewerbungen bekam die Arbeitssuchende Antwort von Hellmann. „Meine Stärken sind die Kommunikation, das Planen, das Interagieren mit Kollegen. Ich bin sehr gewissenhaft“, so Wieser. Und: „Mein Terminkalender ist mein wichtiger Begleiter. Meine Tochter wird nächstes Jahr eingeschult, jetzt muss ich sie zur Schule anmelden – es ist immer was los!“

Ihr Arbeitsalltag: Geschäftspartner betreuen, Auskünfte zum Status von Lieferungen geben, Preiskalkulationen und die Kontrolle von Sendungen. „Die Azubis wechseln alle drei Monate die Abteilung, um alle Facetten des Berufs kennenzulernen“, erläutert Eva Barkey, Personalreferentin bei Hellmann. 30 Wochenstunden arbeitet Wieser, 16 davon lernt sie in der Berufsschule. Weil sie über 25 Wochenstunden hat, dauert die Teilzeitausbildung nur drei Jahre. Sie bedeutet mehr Organisation für das Unternehmen, sagt Eva Barkey: „Wir kennen das Konzept schon lange Zeit, stehen ihm sehr offen gegenüber. Es ist schon eine Hürde, man muss gemeinsam überlegen: Wie organisiere ich das?“ Mit jeder Abteilung müssten Arbeitszeiten individuell abgestimmt werden: „Aber ich erlebe Frau Wieser als sehr flexibel.“ Und es gebe für die Kinderbetreuung auch einen „Notfall-Plan“.

Nur ein Prozent Teilzeitazubis

„Dennoch sind Teilzeitausbildungen bisher die Ausnahme“, sagt Volkmar Lenzen, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Osnabrück. „Weniger als ein Prozent aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge basieren auf Teilzeitarbeit.“ „Wenn die Nachfrage nach Fachkräften oder Azubis sehr hoch ist, müssen sich die Arbeitgeber Alternativen überlegen“, bekräftigt Hörnschemeyer. So gebe es in Osnabrück das Familienbündnis, in dem auch Hellmann sei. „Teilzeitarbeit wird immer mehr forciert, auch durch die Kammern, aber die Arbeitgeber tun sich manchmal noch schwer.“

Hoch motiviert

Dabei sprächen die Erfahrungen für das Modell, so Lenzen. Die Abbruchquoten lägen unter denen von Vollzeitazubis, es gebe keine Unterschiede bei Fehlzeiten, und statistisch bessere Abschlussnoten. „Modellprojekte zeigen, dass sich Teilzeitauszubildende durch Zuverlässigkeit, überdurchschnittliche Motivation, Selbstständigkeit und Lebenserfahrung auszeichnen“, hinzu kämen hohe soziale Kompetenzen. „Sie gehen mit viel Elan ran und freuen sich, diese Chance zu bekommen“, erklärt Andrea Hörnschemeyer. „Viele Mütter haben mit Vorurteilen von Arbeitgebern zu tun – hohe Krankheitszeiten, Ausfallzeiten. Das kann passieren, aber aus meiner Erfahrung sind die meisten Teilzeitarbeitnehmerinnen hoch motiviert.“ 30 Stunden arbeiten und noch vier Kinder zu betreuen, zeige, so Lenzen, „wie viel Planung dahinter stecken muss, wie zuverlässig die Mitarbeiterin ist“. Diesen positiven Eindruck hat auch Eva Barkey: „Wir merken, dass wir darüber ganz motivierte Mitarbeiter bekommen, die dankbar sind für die Chance, von daher machen wir das gern.“ „Ich bin glücklich“, sagt Tatjana Wieser. „Ich wünsche mir, dass es so bleibt.“ Und betont: „Es sind ganz viele Mütter zu Hause, die viel leisten und können.“


Möchten Sie in Ihrem Betrieb auch Ausbildungen in Teilzeit anbieten? Wie das geht und was man dabei beachten sollte, darüber informiert die Arbeitsagentur interessierte Arbeitgeber am Montag, 19. Juni, ab 15 Uhr. Details zu der Veranstaltung erfahren Sie unter Telefon 0541/980-100 oder per E-Mail an Osnabrueck.BIZ@arbeitsagentur.de.

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