400 Teilnehmer in Osnabrück AfD-Kundgebung in Osnabrück geht im Protest unter


Osnabrück. „Ist das euer Verständnis von Demokratie?!“, fragten die Redner der AfD die Versammelten auf dem Ledenhof bei ihrer Kundgebung am Samstagabend. Die Frage ging im Pfeifkonzert unter, genau wie die Inhalte, die die Partei der Öffentlichkeit kundtun wollte.

Rund 400 Teilnehmer hatten sich zu der Kundgebung, zu der der Osnabrücker AfD-Kreisverband eingeladen hatte, eingefunden, schätzt die Polizei. Davon waren maximal 50 gekommen, um den Rednern Dietmar Friedhoff und Sabine Ehrke, beide Direktkandidaten des AfD-Kreisverbandes Hannover für die Bundestagswahl im September, zuzuhören. Die anderen – überwiegend Jüngere – hatten vor allem ein Ziel: ihren Protest gegen die von ihnen als rechtspopulistisch empfundene Partei lautstark zum Ausdruck zu bringen.

Keine Blockaden

Von den vom linken Bündnis Emanzipatorische Politik Osnabrück (EPOS) angekündigten Blockaden der Zugänge zum Ledenhof war allerdings nichts zu sehen. Die Polizei hatte im Vorfeld angekündigt, sämtliche Blockaden – auch friedliche – aufzulösen und keinerlei Gewalt zu dulden. „Wir sind zum Schutz derjenigen hier, die an der Veranstaltung teilnehmen möchten“, betonte Polizeisprecher Frank Oevermann. Mit rund 100 Beamten sei man dafür vor Ort. Den Bereich rund um die AfD-Bühne unmittelbar vorm Eingang des Seniorenheims Haus Ledenhof hatte die Polizei mit Gittern abgesperrt. Am Neuen Graben war der einzige Zugang zur Kundgebung. Den allerdings durfte jeder benutzen. „An der Veranstaltung kann teilnehmen, wer möchte, egal ob AfD-Anhänger oder -Gegner“, erklärte Oevermann. Anders als bei der AfD-Kundgebung im April auf dem Markt vorm Osnabrücker Rathaus waren die Lager also nicht voneinander getrennt.

Kein Respekt für Andersdenkende

Vielleicht war auch das ein Grund, warum unter der Menge auf dem Ledenhof nur wenige AfD-Sympathisanten, beziehungsweise Interessierte an den Positionen der Partei auszumachen waren. „Warum sollten die auch kommen?“, fragte eine Passantin. „Man muss ja Angst haben, beschimpft zu werden oder eins aufs Dach zu bekommen.“ Die etwa 350 Gegendemonstranten jedenfalls wollten von den Inhalten gar nichts hören – und sorgten mit Trommeln, Pfeifkonzert und AfD-feindlichen Parolen dafür, dass es auch andere schwer hatten, dem Geschehen auf dem AfD-Lkw zu folgen.

Osnabrücks AfD-Kreisverbandsvorsitzender versuchte sich in einer Nachhilfestunde in Sachen Demokratieverständnis, warf den Demonstranten Respektlosigkeit und ignorantes Verhalten vor. „Ihr seid doch die wahren Faschisten“, rief er ihnen zu – und stachelte die Menge damit erst recht zum lautstarken Protest an. „Hier darf keiner anders denken, als sie“, beklagte sich eine grundsätzlich interessierte Dame über das Verhalten der Menge. „Das ist Gewalt“, meinte sie, bevor sie enttäuscht weiter ging.

„Extreme Meinungen müssen in einer Demokratie ausgehalten werden“, hielt der umstrittene Theologe Karl-Heinz Kuhlmann der Menge ein Zitat des SPD-Politikers Klaus von Dohnanyi entgegen – mit dem dieser allerdings das letztlich gescheiterte NPD-Verbotsverfahren kritisiert hatte und nicht den friedlichen Protest gegen extreme Meinungen.

Hauptredner beschwört christliche Kultur

Unter „Nazis raus!“-Rufen betrat Dietmar Friedhoff, stellvertretender AfD-Kreisverbandsvorsitzender aus Hannover, die Bühne. Er wollte zum Thema „äußere Sicherheit“ sprechen. Auch er versuchte sich als Theologe und begann vom christlichen Gebot der Nächstenliebe zu sprechen. Es heiße schließlich „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Das bedeute, dass man sich zunächst einmal selbst lieben müsse. „Wenn wir uns als Nation nicht selber lieben dürfen, wie können wir dann auf Augenhöhe eine andere Nation lieben?“, fragte er – und bekam ein Pfeifkonzert als Antwort. Die äußere Bedrohung durch Terror sei letztlich selbst gemacht. Die Bundeswehr habe in Afghanistan und in Mali nichts zu suchen. Diese Einsätze würden die Probleme nur verschärfen. Zahlreiche weitere Themen standen auf seinem Redeskript, von denen die Anwesenden aber nichts wissen wollten.

Protest droht umzuschlagen

Auf einmal flogen Eier aus der Menge in Richtung Bühne, verfehlten aber ihr Ziel. Bei den Werfern handelte es sich nach Polizeiangaben um drei 14- bis 16-jährige Jugendliche. Zwei konnten von der Polizei noch am Ledenhof in Gewahrsam genommen werden, der dritte versuchte, in Richtung Neuer Graben zu entkommen. Hier wurde er jedoch von einem Zivilbeamten gestellt. Bei der Festnahme kam es zu einem Zwischenfall, als mehrere Sympathiesanten dem jungen Mann laut Polizeibericht offenbar zur Hilfe kommen wollten. Sie rannten „bedrohlich auf den Beamten zu“, der daraufhin zum Selbstschutz seine Dienstwaffe gezogen habe, ohne sie jedoch auf die Anstürmenden zu richten. Mit Hilfe eines Kollegen konnte die Festnahme daraufhin ohne weitere Probleme fortgesetzt werden. Nach Feststellung ihrer Personalien konnten die drei Eierwerfer nach Hause gehen. Gegen sie wird nun wegen einer Straftat nach dem Niedersächsischen Versammlungsgesetzt ermittelt.

Insgesamt friedlich

Die Aktion war ein Einzelfall bei den ansonsten auch nach Polizeiangaben vollkommen friedlich verlaufenden Protesten. Auch die Hannoveraner AfD-Direktkandidatin Sabine Ehrke konnte unbehelligt ihre frauenpolitischen Positionen mit dem stereotypen Bild vom Frauen missachtenden und vergewaltigenden Macho-Moslem zu Gehör bringen. Fast schien es schon, als sei den Demonstranten nach gut einer Stunde Pfeifen und Schreien die Puste ausgegangen, was Ehrke von der Bühne aus mit Hohn quittierte, bevor sie zu einem Appell zum Schutz von Frauen, Kindern und Tieren anhob. Die Veranstaltung endete, wie sie begonnen hatte: Mit der Klage über das Verhalten der Demonstranten und dem Pfeifkonzert eben jener.


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