Osnabrücker Friedensgespräche Bildung statt Armee: Costa Rica als Vorbild für Deutschland?

Von Yannick Richter

Neben Gesprächsleiterin Susanne Müller-Using von der Universität Osnabrück sowie Henning Jensen Pennington, Rektor der Universidad de Costa Rica, und José Joaquín Chaverri Sievert, ehemaliger Botschafter Costa Ricas in Deutschland (sitzend von links), nahm auch Sebastian Huhn, Historiker und Politikwissenschaftler an der Universität Osnabrück, am Friedensgespräch teil. Foto: Elvira PartonNeben Gesprächsleiterin Susanne Müller-Using von der Universität Osnabrück sowie Henning Jensen Pennington, Rektor der Universidad de Costa Rica, und José Joaquín Chaverri Sievert, ehemaliger Botschafter Costa Ricas in Deutschland (sitzend von links), nahm auch Sebastian Huhn, Historiker und Politikwissenschaftler an der Universität Osnabrück, am Friedensgespräch teil. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Unter dem Motto „Modell Costa Rica? – Bildung statt Armee!“ stand am Mittwochabend erstmals Lateinamerika im Fokus der Osnabrücker Friedensgespräche. Eine brisante Diskussion blieb dabei ebenso aus wie die präzise Beantwortung der Frage, ob Costa Rica als Vorbild für Deutschland dienen könne.

Wirklich debattieren mussten die Gesprächsteilnehmer vor den rund 100 Besuchern in der Aula des Osnabrücker Schlosses nicht: Henning Jensen Pennington, Rektor der Universidad de Costa Rica, José Joaquín Chaverri Sievert, ehemaliger Botschafter Costa Ricas in Berlin, und der Osnabrücker Politikwissenschaftler Sebastian Huhn waren sich in den meisten Punkten einig, stellten ihre Ansichten lediglich aus unterschiedlichen Blickwinkeln vor. Leichtes Spiel also für Erziehungswissenschaftlerin Susanne Müller-Using, die an der Universität Osnabrück nicht nur das Costa-Rica-Zentrum leitet, sondern auch durch das Gespräch führte.

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Bildung als staatsbildende Funktion

„Gesundheit und Bildung sind die Hauptsäulen, auf denen Costa Ricas soziale Demokratie steht“, sagte Jensen Pennington und machte damit deutlich, welche Stellung das Thema Bildung seit Jahrzehnten im mittelamerikanischen Staat hat. 1949 schaffte Costa Rica per Verfassung seine Armee ab. Freiwerdende Ressourcen sollen seitdem dem Bildungswesen zugutekommen. „Bildung hat in unserer Geschichte eine staatsbildende Funktion gehabt“, so Chaverri Sievert: „Während in anderen Staaten in Mittel- und Südamerika diktatorische Verhältnisse und Bürgerkriege zur Norm gehören, sind wir davon seit dem letzten Bürgerkrieg im Jahr 1948 verschont geblieben.“

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„Geschickte Realpolitik“

Während die beiden Costa Ricaner in ihren Statements vor allem die Vorzüge der Bildungsoffensive darstellten, betrachtete Huhn die Thematik weitaus kritischer: Historisch gesehen sei der „Topos Bildung statt Militär“ auf unterschiedliche Weise „geschickt realpolitisch genutzt worden“. Nach Auflösung der Armee sei der Großteil der Soldaten von der Polizei und Privatmilizen übernommen worden, sodass kaum Geld für Bildung freigeworden wäre. Außerdem würde Costa Rica immer noch rund 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – mehr als die Nachbarstaaten – für die Verteidigung ausgeben.

Auch ohne Armee hohe Verteidigungsausgaben

Laut Chaverri Sievert werde das Geld vor allem benötigt, um sich vor der Drogenkriminalität aus Mexiko und Kolumbien zu schützen: „Die machen unser Land sonst kaputt.“ Auch Jenson Pennington war mit der Kritik einverstanden, entgegnete aber: „Dennoch hat Bildung in Costa Rica zweifelsohne höchste Priorität.“ Kaum ein anderes Land habe beispielsweise ein so „breites Unterstützungsprogramm für finanzschwache Studenten wie Costa Rica. Allein die Universidad de Costa Rica in San José investiert jährlich rund 40 Millionen US-Dollar in die Bildung.“

(Hier finden Sie das vollständige Programm der Osnabrücker Friedensgespräche)

Wertschätzung als Vorbild

Eine konkrete Antwort auf die entscheidende Frage, was Deutschland vom Costa Rica lernen könne, fiel allen Gesprächsteilnehmern schwer. Einen Versuch unternahm eine Dame aus dem Publikum: „Bildung wird in Costa Rica viel mehr wertgeschätzt als hierzulande. Diejenigen, die in Costa Rica in Bildungseinrichtungen arbeiten, blicken mit Stolz auf ihre Arbeit. In Deutschland muss man sich dafür ja teilweise entschuldigen.“

Nach einer Sommerpause findet der nächste Teil der Osnabrücker Friedensgespräche am Dienstag, 3. Oktober, statt. Der Tag der Deutschen Einheit steht unter dem Motto „Europa sieht Deutschland“. Zu einem Festvortrag um 11 Uhr im Kreishaus am Schölerberg wird dabei der österreichische Schriftsteller und Essayist Robert Menasse erwartet, der mit seinen Schriften wiederholt kritische Blicke auf die Europäische Union und ihr politisches Personal geworfen hat.


Die Osnabrücker Friedensgespräche werden gemeinsam von Stadt und Universität Osnabrück veranstaltet. Mit prominenten Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft stehen öffentliche Vorträge und Diskussionsveranstaltungen zu Fragen der Friedensförderung und Friedenserhaltung im Fokus.

Erstmals lud die Stadt Osnabrück im Frühjahr 1986 zu einem Friedensgespräch in ihr historisches Rathaus ein. Seither fanden mehr als 180 Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen in der Reihe der Osnabrücker Friedensgespräche statt.

Hinzu kamen bisher 24 Konzerte unter dem Motto „musica pro pace“: Jeweils zum Osnabrücker Friedenstag am 25. Oktober, dem Jahrestag der Verkündung des Westfälischen Friedensschlusses im Jahr 1648, werden in dieser Konzertreihe ambitionierte friedensthematische Musikprogramme in Zusammenarbeit mit namhaften Chören, Orchestern, Ensembles und Solisten realisiert.

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