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Ratsfrau der ersten Stunde Straßenkunde: Carla Woldering fiel selbst Adenauer als „die resolute Dame aus Osnabrück“ auf

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Osnabrück. Andere verdiente Osnabrücker bekommen einen kleinen Verbindungsweg ohne Bebauung, dem sie ihren Namen leihen dürfen. Im Falle Carla Wolderings ist das anders. Die Wohnstraße im Neubaugebiet „In der Gartlage“ zwischen Knollstraße und Ellerstraße erschließt 84 attraktive Baugrundstücke, davon 34 für Passivhäuser. Die Hausnummern gehen sogar bis 108. Wer ist die Frau, deren Namen demnächst häufiger auf Briefumschlägen im Adressfeld auftauchen dürfte?

„Das ist doch die resolute Dame aus Osnabrück“, sagte Konrad Adenauer einst über sie. Sie machte ihren Mund auf und eckte bisweilen an. Das änderte nichts an der Achtung, die ihr von allen Seiten entgegengebracht wurde. Zwei Arme voller Blumen durfte Carla Woldering am 18. August 1963 aus dem Rathaus mit nach Hause nehmen. Die „Ratsherrin“, wie man damals noch sagte, war 70 Jahre alt und mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet worden. „Gloria Dei“ gab es von der CDU-Ratsfraktion, gelbe Rosen von ihren CDU-Freunden im Landtag, langstielige Gladiolen von der FDP. Und selbst der politische Gegner in Gestalt der SPD-Fraktion ließ sich nicht lumpen und steuerte ein Gebinde roter Nelken bei.

Carla Woldering war eine Frau der ersten Stunde. Sie gehörte seit 1948 dem Rat an und leitete über mehrere Wahlperioden den Schulausschuss und den Kulturausschuss. Regierungspräsident Egon Friemann beschrieb ihren Verhandlungsstil einmal so: Auch in kontroversen Diskussionen stehe am Ende immer das Ergebnis, dass alle sich der Sichtweise Frau Wolderings anschlössen, dabei aber der festen Überzeugung seien, dies und nichts anderes von Anfang an gewollt zu haben.

Kurier gegen NS-Regime

Am 14. Juli 1893 wurde Carla Woldering als Tochter des Schirmfabrikanten Hugo in Celle geboren. Nach dem Niedergang der Firma 1898 zog die Familie nach Osnabrück. Carla besuchte das Lyzeum am Wall, später eine Internatsschule in Belgien. 1913 heiratete sie den späteren Bankdirektor Josef Woldering. Als Hausfrau und Mutter kümmerte sie sich um die vier Kinder.

Im letzten Krieg arbeitete Carla Woldering im Untergrund gegen das NS-Regime. Der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning setzte sie als Kurier für vertrauliche Botschaften ein, die er nicht mit der Reichspost befördert haben wollte. Mehrfach fuhr sie in dieser Funktion zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof von Breslau, Adolf Kardinal Bertram, der ihr Onkel war.

1945 beriefen die Engländer Carla Woldering in den Entnazifizierungsausschuss, da sie unbelastet war. Sie gehörte zu den Mitbegründern der CDU in Osnabrück, für die sie 1948 in den Stadtrat einzog. Gleichzeitig war sie von 1954 bis 1967 Mitglied des Niedersächsischen Landtages, wo sie sich für das Theater, den Denkmalschutz und das sonstige Kulturleben der Region einsetzte.

Sprecherin der Frauen

Besonders lag ihr auch das Schulwesen am Herzen. Mit ihr Verdienst ist es, dass Osnabrück die Ingenieurschule am Westerberg bekam, den Vorläufer der Fachhochschule und heutigen Hochschule Osnabrück. Im Landesvorstand der CDU war sie Sprecherin der Frauen und engagierte sich in Gleichstellungsfragen. Im Alter von 89 Jahren starb Carla Woldering am 12. März 1983 in Georgsmarienhütte.

Von ihren vier Kindern sind drei ebenfalls bereits verstorben. Darunter die angesehene Ägyptologin und Direktorin des Kestner-Museums Hannover, Dr. Irmgard Woldering, und der Rechtsanwalt Dr. Gottfried Woldering, der vielen Osnabrückern noch als langjähriger Vorsitzender des Museums- und Kunstvereins bekannt ist, des „kleinen MuK“, wie er ihn selbstironisch nannte.

Der jüngste Sohn Dieter Woldering feierte kürzlich bei bester Gesundheit sein diamantenes Priesterjubiläum in Oesede.


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