Kann denn sprühen Sünde sein? Was hilft gegen Unkraut: Gift, Flammen oder Salat?

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Osnabrück. Dieser Doldenblütler kann Gartenfreunde zur Verzweiflung treiben: Der Giersch ist – nennen wir es mal – „hartnäckig“. Und den sich ausbreitenden Brennnesseln in der andern Ecke des Gartens ist auch nur schwer beizukommen. Zu allem Übel macht sich in der Pferdewiese das giftige Jakobskreuzkraut breit. Kein Problem, die moderne Chemie hat doch bestimmt eine entsprechende Keule im Angebot. Also auf ins nächste Gartencenter.

Es ist Garten- und damit Unkrautsaison: Schon am Eingang des Marktes wird für kaum fünf Euro ein handliche Sprühgerät angeboten, drinnen warten all die Mittel, die damit verteilt werden können. In einem rund drei Meter breiten und 2,2 Meter hohen Schrank stehen eingeschlossen hinter einer Glasscheibe die überwiegend in grün verpackten Verlockungen vom „Bio-Unkrautvernichter“, der in Sachen Unkraut zwar keinerlei Gnade kennt, Bienen und andere Nützlinge dagegen verschonen soll, über „Weg- & Fugenrein“ mit „hoher Umweltverträglichkeit durch Wirkstoff natürlichen Ursprungs“ bis hin zu „Unkrautfrei plus“, einem „wurzeltief wirkenden Total-Unkrautvernichter“, der auch dem Giersch den Garaus machen soll. Die Beschreibungen der Hersteller üben sich im Spagat zwischen Wirksamkeit und Umweltverträglichkeit. Kann denn Giftsprühen Sünde sein?

König der Unkrautvernichter

Neben dem großen Schrank wartet in einer ebenfalls gesicherten eignen Vitrine der König der Unkrautvernichter auf Kunden: Wer einmal gesehen hat, wie sich eine mit „Round-up“ behandelte Wiese in kurzer Zeit in ein verdorrtes Pflanzengrab verwandelt, weiß, warum nicht nur Landwirte darauf schwören. Dass das im Baumarkt als 2,5 Liter-Gebinde samt Drucksprüher feilgebotene Mittel außer dem Namen vermutlich mit den Mitteln der Profis nur den Grundwirkstoff gemeinsam hat, ist eine andere Sache.

Immerhin: Das glyphosat-haltige Zaubermittel ist als „nicht bienengefährlich“ eingestuft und darf deshalb auch gegen blühende Unkräuter angewendet werden. Glyphosat-haltig? Da war doch mal was? Richtig, der Stoff gilt als „wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen.“ Nichtsdestotrotz wurden im Jahr 2014 rund 5330 Tonnen Glyphosat auf deutschen Äckern und noch mal 95 Tonnen von Haus- und Kleingartenbesitzern ausgebracht. Kein Wunder, dass die erste Unkräuter immun gegen das Breitbandherbizid werden.

Nichts löst sich in Wohlgefallen auf

Unbestritten bleibt: Die Chemie hat die Landwirtschaft revolutioniert. Ohne Kunstdünger auf der einen und Pflanzenschutzmittel auf der anderen Seite wären die gewaltigen Ertragssteiger- und -sicherungen ab Anfang des vergangenen Jahrhunderts nicht möglich gewesen. Nur, dass sich viele der Mittel nach ihrem Einsatz nicht in Wohlgefallen auflösen. Den Weg in die Nutz- und Ziergärten haben sie trotzdem gefunden.

Gesundheitsfördernd ist das Zeug wohl eher nicht - kein Wunder also, dass auch der Verkäufer im Gartencenter vom „Giftschrank“ spricht. Und auch die grünen Gummi-Handschuhe, die direkt daneben aushängen und laut Symbolen auf dem Etikett „Schutz vor biologischer Kontamination“ bieten, tragen nicht zur Beruhigung bei.

Gefährliche Reste

Was hier und anderswo offiziell verkauft wird, mag zwar giftig sein, ist aber amtlich abgesegnet. Schließlich dürfen Pflanzenschutzmittel nur vertrieben und angewendet werden, wenn sie vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zugelassen sind. Auf der Internetseite des Amtes gibt es umfangreiche Listen dazu.

Noch gefährlicher als die Mittel in den Giftschränken der Gartencenter und Baumärkte dürften ohnehin die Restbestände in privaten Gerätehäuschen, Kisten und Kellern sein, wo vermutlich etliche längst verbotene Substanzen aus der Vergangenheit auf einen Einsatz warten, ohne dass noch ein Beipackzettel über Handhabung, Anwendungsgebiete, Dosierung und Gefahren informiert. Solche Altbestände gehören in den Sondermüll, beim Verpacken können die grünen Gummi-Handschuhe sicher nicht schaden.

Im flammenden Inferno

Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten, dem Unkraut zu Leibe zu rücken: Mit einem Gasbrenner lassen sich die ungebetenen Usurpatoren in einem flammenden Inferno zu Rauch und Asche transformieren. Zumindest der oberirdische Teil. Aber Vorsicht: Besonders in trockenen Sommern brennt gerne schon mal mehr als nur das Unkraut.

Und wer weder auf den chemischen, noch auf den thermischen Overkill setzen will: In den Lagern und Katalogen der Gartengeräteanbieter finden sich neben Hacke und Co auch eine ganze Menge Spezialisten wie der „Ampferstecher“ oder der „Unkrautstreicher.“ Beim

Lesen der Beschreibung wird dann aber deutlich: Letzterer kommt nicht ohne Chemie aus. Und da ist es dann auch schon wieder im Spiel, das scheinbar so universelle „Round-up“, das in diesem Fall immerhin sehr gezielt auf Einzelpflanzen aufgebracht wird.

Radikaler Gegenentwurf

Aber es gibt auch einen radikalen Gegenentwurf, zumindest für den privaten Bereich: Der 2004 im Alter von knapp über 90 Jahren gestorbene britische Farmer John Seymour war so etwas wie der Guru einer Aussteigergeneration, die sich in den 70er Jahren auf dem Land autark ernähren wollte. Die meisten beließen es beim Lesen seiner Bücher oder beim bestenfalls kleinteiligen Anwenden auf der gemieteten Scholle. Trotzdem, wer an einem Nutzgarten Freude hat, hat meist auch wenigsten eines von Seymours Büchern im Schrank. Und natürlich geht es darin auch um Pflanzenschutz: „ Wer die Regeln des guten Wirtschaftens befolgt, sein Land reichlich mit Mist und Kompost düngt und niemals durch Vernachlässigung der Fruchtfolgen auslaugt, kommt um viele Probleme herum“, postuliert er im „Neuen Buch vom Leben auf dem Lande“.

Und schreibt, was eigentlich ohnehin die meisten vermuten: „In einer Landschaft mit einer vielfältigen Flora und Fauna ist für das Gleichgewicht zwischen den Arten gesorgt.“ Nur: An Vielfalt und Gleichgewicht haben viele gehätschelte und durchgestylte Ziergärten kaum mehr zu bieten als ein Maisacker. Seymours simples Fazit: „Wenn aber ein chemisches Mittel für eine Lebensform giftig ist, kannst du sicher sein, dass es andere Lebensformen ebenfalls angreift. Die Folgen müssen nicht unbedingt tödlich sein. Schäden sind jedoch unvermeidlich.“

Alles eine Frage der Perspektive

Vermutlich hat er Recht. Das „Gierschfrei-Konzentrat“ in der grünen Flasche mit dem bunt lockenden Etikett bleibt bei diesem Gartencenter-Besuch ebenso im „Giftschrank“ wie das „Round-up“ in seiner Vitrine. Den Giersch kriegt man auch anders klein. Oder nutzt ihn einfach als durchaus wohlschmeckende Salatzutat mit Heilmittelpotenzial. Was Un- und was Nutzkraut ist, ist eben oft nur eine Frage der Perspektive.


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