Ausstellung in Osnabrück Archäologische Funde zum Wollhandwerk in alter Zeit

Von Vincent Buß


vbu Osnabrück Die Geschichte des Wollhandwerks zieht sich durch die Großen Rosenstraße: Wo heute das Universitätsgebäude für Textiles Gestalten steht, wurde kürzlich bei Ausgrabungen Handwerkszeug aus dem Mittelalter gefunden. Zu sehen ist das jetzt in einer Ausstellung.

„Wir waren wie elektrisiert, wir sitzen quasi auf der Geschichte“, sagt Bärbel Schmidt. Die Professorin für Textiles Gestalten an der Universität Osnabrück kann aus ihrem Büro direkt auf die Ausgrabungsstelle an der Großen Rosenstraße blicken.

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Vier Monate lang buddelte die Stadt- und Kreisarchäologie in den vergangenen zwei Jahen auf der 2000 Quadratmeter großen Fläche hinter Schmidts Büro. Grund war eine Untersuchung, wie sie stets vor Bauarbeiten stattfinden soll – in diesem Fall der geplante Bau des Einkaufszentrums am Neumarkt. Die ersten Funde waren dann so gut erhalten, dass weitergesucht wurde.

Hohe Erwartungen

Der Ausgrabungsleiter Daniel Lau erinnert sich: „Die Erwartung war hoch, dass wir erstmals umfassendere Einblicke in das Alltagsleben der Menschen gewinnen können, die seit dem späten Mittelalter hier an der Großen Rosenstraße gelebt und gearbeitet haben.“

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Den deutlichsten Hinweis lieferten ein Dutzend Wirtelsteine aus Ton, die zu Handspindeln gehörten: Offensichtlich stellten die Anwohner hier einst massenhaft Garn her. Das passt zum Wissen über das Viertel. Denn die Große Rosenstraße, die 1306 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, galt in Osnabrück als das Viertel der Wollhandweber. Um 1600 lebten dort rund 300 Webermeister, womit das Handwerk zu den bedeutsamsten der Stadt zählte. Die Spinnwirteln sind die potenziell ältesten Fundstücke und deuten darauf hin, dass bereits im 13. Jahrhundert in der Straße gesponnen wurde – ob nun privat oder gewerblich.

Stoffe aus der Kanalisation

Eine weitere Besonderheit sind die ausgegrabenen Stoffreste, von denen manche aus der mittelalterlichen Kanalisation stammen. Lau war überrascht: „Organische Reste wie Textilien erhalten sich nur selten und unter günstigen Bedingungen.“ Weitere Fundstücke umfassen den Vorläufer der heutigen Haushaltsschere, Knöpfe und Ösen sowie handgefertigte Nadeln, die eventuell noch im 19. Jahrhundert genutzt wurden.

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Zwar ist laut dem Archäologen kein einzelnes Fundstück herausragend. Besonders seien sie aber in der Kombination. Für Lau stellen sich nun Fragen nach dem größeren Zusammenhang: Was konnten sich die Wollhandwerker leisten? Womit haben sie konkret gearbeitet? Gab es überregionale Handelsbeziehungen? „Bei der Beantwortung dieser Fragen stehen wir noch ganz am Anfang“, sagt der Ausgrabungsleiter, „da man sich über Jahre alleine mit den Funden der Großen Rosenstraße beschäftigen kann“.

„Echte Pionierarbeit“

Als er sich an das Kulturgeschichtliche Museum wandte, kontaktierte dieses die Professorin Schmidt. Zusammen mit dem Archäologen organisierte sie dann ein Seminar, in dem Studenten zu den Fundstücken recherchierten und die Ausstellungstexte schrieben. Schmidt erklärt, dass Studierende des Fachs Textiles Gestalten oft mit Vorurteilen konfrontiert seien: „Die häkeln und stricken nur!“, heiße es oft. „Nun können wir zeigen, dass wir auch forschen“, freut sich die Professorin, „das ist echte Pionierarbeit.“


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