Theater Osnabrück Neue Stücke, neue Spielorte bei den „Spieltrieben“

Dieser Raum mit seinen vielen Ebenen regt die Fantasie an: Die Alex Skatehalle ist ein neuer Spielort der 7. Ausgabe des Osnabrücker Theaterfestivals „Spieltriebe“. Foto: David EbenerDieser Raum mit seinen vielen Ebenen regt die Fantasie an: Die Alex Skatehalle ist ein neuer Spielort der 7. Ausgabe des Osnabrücker Theaterfestivals „Spieltriebe“. Foto: David Ebener

Osnabrück. „Spieltriebe“, das deutschlandweit bekannte Osnabrücker Festival für zeitgenössisches Theater, setzt mit sieben Uraufführungen, zwei deutschsprachigen Erstaufführungen und drei weiteren Stücken von jungen Regieteams „seine Erfolgsgeschichte“ fort, so Intendant Ralf Waldschmidt bei einer Pressekonferenz in der Alex Skatehalle im Hasepark.

Vorgestellt wurden die jungen Regieteams und die Stücke in Bezug auf neue Festivalspielorte wie die atmosphärisch reizvolle Skatehalle. Denn die siebte Ausgabe des dreitägigen Festivals vom 1.-3. September bewegt sich wieder auf fünf Routen durch die Stadt. Die Routen sind nach Zitaten aus ihrem gemeinsamen Eröffnungsstück benannt: „Valerie Solanas, Präsidentin von Amerika!“ von der schwedischen Autorin Sara Stridsberg erfährt im Theater am Domhof seine deutschsprachige Erstaufführung. Das Stück inszeniert Marlene Anna Schäfer, die in Osnabrück schon das Osnabrücker Dramatikerpreisstück „Über meine Leiche“ von Stefan Hornbach aus der Taufe gehoben hatte. Valerie Solanas, amerikanische Feministin und Autorin unter anderem des Buchs „I shot Andy Warhol“ war berühmt-berüchtigt geworden durch den Mordversuch an dem Künstler. Im Stück liegt sie im Sterben und schaut auf ihr dem Kampf um Frauenrechte gewidmetes Leben zurück. Denn die „Spieltriebe“ befragen mit „Macht*Spiel*Geschlecht“ das gesamte Spektrum der Geschlechter, ihrer sich wandelnden Rollen, Positionen und Konstrukten in unserer Gesellschaft. Was bedeuten Sex und Gender eigentlich, fragen zwölf Produktionen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Neu als Spielort ist der SL Hörsaal der Hochschule Osnabrück im Areal der ehemaligen von Stein-Kaserne. Dort wird das Rechercheprojekt „I am a bird now“ in der Regie von Jana Vetten uraufgeführt, das auf Grundlage von Interviews und Materialrecherchen den Alltag einer Transgenderperson in einer Stadt wie Osnabrück befragt. Ebenfalls auf der Route orange ist im Emma-Theater Sibylle Bergs Mutter-Tochter-Drama „Und dann kam Mirna“ zu sehen. Mit Mirnas Mutter liefere Berg ein „schonungsloses Porträt“ ihrer Generation, so Dramaturg Sven Kleine, dem eine pubertierende Tochter gegenübergestellt wird, die sich über so viel Unfähigkeit, etwas auf die Reihe zu bekommen, wundert. Regie führt Felicitas Braun (in Osnabrück auch „Lucas in Time“).

Auf der Route grün steuert das Kinder- und Jugendtheater „Oskar“ kindgerecht die Dramatisierung vom Andersen-Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ bei, in dem es eine Nixe um jeden Preis in die Welt der Menschen zieht. Regie führt Alexander Wieand, in guter Festivalerinnerung mit seiner Lesart des „Dschihad-Express“ vor zwei Jahren. Wie kann man der sein, der man ist, fragt das Kollektiv Eins, bestehend aus Paul Thielcke, Carolin Wiedenbröker, Dramatikerpreisträger Stefan Hornbach und Sören Hornung, mit „Die Zauberin von Oz“, in der es um Sexismus, Opfer-Täter-Dynamiken oder das Patriarchat geht.

Die Route pink startet mit einer neuen Choreografie der ehemaligen Osnabrücker Tänzerin Vasna Aguilar im Kunstraum „Hase 29“. „Encounter/Begegnung“ meint die Begegnung mit dem öffentlichen Raum, mit Innen und Außen. Die vier Tänzer der Dance Company beziehen sich zugleich auf die Ausstellung zweier Holländer mit Landschaftsbildern. Mit „Girls like that“ von Evan Placey begibt sich die Route in die Skatehalle und in die Hackordnung einer Mädchenschule, die durch das Nacktfoto einer Mitschülerin aufgemischt wird. Simon Niemann und Dietz-Ulrich von Czettritz führen Regie beim Projektjugendclub der „Spieltriebe“. Liebeslyrisch wird es dann mit „Staging love“ und der Frage „macht Sprache Geschlecht?“ in der Vereinshalle des Schützenbundes Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim.

Die Route rot führt in die einstige „Ihr-Platz“-Filiale in der Theaterpassage und zeigt dort als deutschsprachige Erstaufführung „Dienstags bei Kaufland“ von Emanuelle Darley. Erzählt wird von altem Vater, transsexueller Tochter und den Reaktionen der Öffentlichkeit auf ihren Supermarktbesuch. Das Rechercheprojekt „Ins Blaue“ untersucht anhand von weiblichen Lebenzeugnissen aus Osnabrück, was Kunst sich zersetzenden Gesellschaftsdynamiken entgegenhalten kann. Eine Rolle spielen dabei die 1942 sehr beliebte Operette „Maske in Blau“ und das Osnabrücker Theater. Die Route blau entführt mit „Die Frauen von Stepford“ in die Vorstadtidylle und das Gedankenspiel, wie es ist, wenn Männer Frauen nach ihren Vorstellungen formen. Mit der Vitischanze und der Musiktheater-Installation „Das Haupt der Medusa“ schließlich betreten die Zuschauer eine klingende Ausstellung in zwei Etagen, in der Schauspieler, Tänzer und Mitglieder des Symphonieorchesters und vor allem sechs junge Mannheimer Komponisten den Tod der enthaupteten Medusa beklagen.

Intensive Auseinandersetzung mit dem Festivalprogramm bietet ein Begleitprogramm und das neue wöchentliche Debattierformat „Schlacht um halbacht“ im Kantinenhof des Theaters.


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