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„Es würde Chaos entstehen“ USA-Experten rechnen nicht mit Trumps Strafzöllen

Von Jean-Charles Fays


Chicago. USA-Experten rechnen nicht mit den von US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf angedrohten Strafzöllen. Mark Tomkins betonte als Geschäftsführer der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer (AHK) Chicago, dass Chaos entstehen würde, wenn das protektionistische Mittel eingesetzt würde.

Tomkins fordert US-Präsident Donald Trump nach der Kritik an Einreiseproblemen in den USA zudem dazu auf, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Menschen weiter „frei hin und her reisen dürfen“. Firmen wie der Osnabrücker Logistiker Nosta und der USA-Chef des Maschinenbauers Plasmatreat bei Bielefeld hatten Sonntag am Rande einer Osnabrücker Delegationsreise in Chicago Visa-Probleme und verschärfte Einreisekontrollen kritisiert.

Werner Ott von der AHK zeigte sich überzeugt, dass Trumps Berater ihn „auf den Boden der Realität zurückholen werden“.

„Größtes Problem ist aktuell die Unsicherheit“

Die Einwanderungspolitik hat sich in den USA verändert. Unternehmen aus der Region Osnabrück kritisieren Visa-Probleme und verschärfte Einreisekontrollen. Zöllner wurden von Trumps Regierung instruiert, viel kritischere Fragen zu stellen und wenn man sich nicht vorbereitet und die falschen Antworten gibt, dann werden die Arbeiter deutscher Unternehmen wieder nach Hause geschickt. Was können Sie dagegen unternehmen?

Tomkins: Das größte Problem ist aktuell die Unsicherheit. Man weiß nicht, was als Nächstes kommt. Insofern hat man gewisse Ängste. Unsicherheit ist für die Wirtschaft generell schlecht, weil man nicht planen kann. Nach den verhängten Einreiseverboten im Januar hatten wir noch größere Sorgen. Für eine freie Wirtschaft brauchen wir freien Handel und auch die Menschen müssen natürlich frei hin und her reisen dürfen. Insofern arbeiten wir natürlich im Rahmen unserer Möglichkeiten so eng wie möglich mit der Regierung zusammen und drängen darauf, dass die Einreiseerlaubnisse für unsere Unternehmen bestehen bleiben. Sonst können sie nicht investieren und es entstehen auch keine neuen Jobs in den Vereinigten Staaten. Gerade wenn es um Investitionen und neue Arbeitsplätze geht, ist die Regierung interessiert. Sie weiß natürlich auch um das Potenzial und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Knapp 700.000 Arbeitsplätze in den USA sind durch deutsche Tochtergesellschaften entstanden.

( Visa-Probleme und verschärfte Einreisekontrollen kritisiert)

US-Präsident Donald Trump versprach im Wahlkampf „America First“, Protektionismus und Strafzölle. Welche Folgen hat diese Politik für die deutschen Unternehmen in den USA?

Tomkins: Wenn man die Unternehmen fragt, dann machen sie ihre Geschäfte einfach weiter. In den letzten 20 Jahren waren die Erwartungen an Washington ohnehin relativ niedrig, weil dort ohnehin relativ wenig von dem umgesetzt wurde, was die Unternehmer gefordert haben. Das setzt sich unter US-Präsident Trump nun fort.

( Weiterlesen: Osnabrück trotz Trumps „America First“)

Erwarten Sie, dass Trump die angekündigten Strafzölle einführt?

Tomkins: Das kann ich mir nicht vorstellen. Wie soll das steuerrechtlich eingeführt werden? Wie soll das konform der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen der Welthandelsorganisation WTO umzusetzen sein? Dann würde Chaos entstehen.

Ott: Solche Forderungen lassen sich vielleicht beim Wähler gut vermarkten. Für das Land rechnet es sich unterm Strich aber nicht, wenn dafür so ein riesiger Verwaltungsapparat geschaffen werden muss. Das haben namhafte Wirtschaftswissenschaftler durchgerechnet. Die Lobby in Washington wird dafür dementsprechend auch nicht groß sein, das durchzuziehen.

Was kann Trump von seinen angekündigten Wahlversprechen überhaupt halten?

Tomkins: Bislang ist sehr wenig umgesetzt worden. Seit 30 Jahren haben wir keine Steuerreform. Das ist kein leichter Griff. Es gibt eher andere Themen, die er vorher umsetzen müsste, etwa sein Gesetz für eine Gesundheitsreform, das im Vergleich eigentlich ganz einfach sein sollte, aber selbst das ist ihm noch nicht gelungen.

Ott: Trump hat immer gesagt, meine Wähler werden immer von den Deutschen über den Tisch gezogen. Es fehlte der harte Verhandler. Als dieser hat er sich nun verkauft. Deshalb will er das von der höchsten Ebene durchsetzen, ohne zu wissen, wie komplex die Dinge sind. Jetzt merkt er, dass es in den Einzelaspekten wie bei der Steuer nur sehr schwierig durchzusetzen ist. Es beruhigt mich auch insofern, weil das heißt: In Washington sitzen doch noch Leute, die etwas von ihrem Handwerk verstehen. Seine Berater werden ihn jetzt auf den Boden der Realität zurückholen.

Warum kritisiert Trump trotz der 700.000 Arbeitsplätze durch deutsche Unternehmen in den USA die hohen deutschen Handelsüberschüsse?

Tomkins: Die neuen Arbeitsplätze sind ihm am wichtigsten. Er sieht zudem, dass die Deutschen auch ausbilden und hier neue Ausbildungsprogramme aufbauen. Dieses Thema wird in dieser Woche auch bei Gesprächen von Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries mit der Trump-Administration in Washington sein. Dabei ist ein ganz wichtiger Punkt auf der Agenda, wie die USA das deutsche Erfolgsmodell der Dualen Bildung hier einführen kann.

Wie groß ist der Fachkräftemangel in Amerika?

Tomkins: Mehr als zwei Drittel der Betriebe im Bezirk unserer Deutsch-Amerikanischen Handelskammer mangelt es an Fachkräften, aber auch in der Gesamtgesellschaft ist das ein riesiges Problem. Es besteht Konsens bei Republikanern und Demokraten, dass Ausbildungsprogramme dringend benötigt werden. Aktuell geht es in Richtung sogenannter „Apprenticeships“, die der deutschen Ausbildung nahekommen. Bei der Entwicklung und Ausgestaltung dieser Programme blickt man sehr stark nach Deutschland als Vorbild. Aktuell haben wir knapp 30 Unternehmen vor Ort in Illinois, die sich an dem Modellprojekt ICATT beteiligen und hier nach deutschen Standards ausbilden. Wir bauen das Schritt für Schritt aus, als Nächstes im Bundesstaat Wisconsin und dann in Indiana. Wir erreichen damit natürlich nicht einmal ein Prozent der deutschen Unternehmen, geschweige denn der amerikanischen. Insofern muss das natürlich dringend ausgebaut werden. Unser Ziel ist, irgendwann einmal unseren deutschen Standard in den gesamten Vereinigten Staaten anbieten zu können. Dazu müssen wir sicherlich auch Teile von der Ausbildung in Deutschland in die USA transportieren oder kopieren und müssen sicherlich auch in Zusammenarbeit mit den US-Bundesstaaten und Colleges eigene Programme schaffen.


Die Deutsch-Amerikanische Handelskammer (AHK) mit Hauptsitz in Chicago und mit einer Zweigstelle in Detroit wurde 1963 gegründet. Die Aufgabe der AHK USA - Chicago ist die Förderung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen von Handel und Investitionen zwischen Deutschland und dem Mittleren Westen der USA durch praxisgerechte Dienstleistungen für Mitglieder und Nicht-Mitglieder. Innerhalb der AHK-USA ist die AHK USA-Chicago zuständig für Mitglieder von 14 Staaten der USA: die 13 Staaten des Mittleren Westens (Illinois, Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Michigan, Minnesota, Missouri, Nebraska, North Dakota, Ohio, South Dakota und Wisconsin) sowie Colorado. Die AHK USA besteht aus den drei Hauptstandorten der Handelskammern in Atlanta, Chicago und New York sowie insgesamt vier Zweigstellen (Detroit, Houston, Philadelphia und San Francisco).