Rosa-Courage-Preisträger in Osnabrück Volker Beck: Eigentlich bin ich ein konfliktscheuer Mensch

Volker Beck bekommt in Osnabrück den Rosa-Courage-Preis verliehen. Foto: Jörg Carstensen/dpaVolker Beck bekommt in Osnabrück den Rosa-Courage-Preis verliehen. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Osnabrück. Am Montag wird der Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen) in Osnabrück mit dem Rosa-Courage-Preis ausgezeichnet.

Was bedeutet die Auszeichnung für Sie? Es ist ja nicht die erste…

Es ist nicht die erste, aber es ist eine schöne Anerkennung für das, was man in vielen Kämpfen durchgestanden hat, und das hilft dabei, immer wieder neu durchzustarten. Gegen Minderheitenfeindlichkeiten anzurennen, ist immer etwas ermüdend, weil den Gegnern der Gleichheit nicht viel Neues einfällt. Aber das Gedankengut, das sie verbreiten, ist immer gefährlich.

Spielen Sie an auf eine bestimmte politische Gruppierung?

Nein. Man sollte weder Homosexuellenfeindlichkeit noch Antisemitismus immer nur in eine politische oder soziale Ecke stellen. Wir haben ein Problem mit Homosexuellenfeindlichkeit am rechten Rand, wir haben es zum Teil auch unter Migranten oder muslimischen Jugendlichen, wir haben aber auch eine Toleranz von Homosexuellenfeindlichkeit oder zumindest –diskriminierung in der Mitte der Gesellschaft – auch bei politischen Entscheidungsträgern, die sagen, sie haben Bauchschmerzen, wenn Schwule und Lesben heiraten dürfen. Das fängt bei der Kanzlerin an.

Haben Politiker, die sich heutzutage outen, immer noch Probleme? Oder ist es vielleicht sogar ein Vorteil?

Ein Vorteil ist es sicher nicht. Homosexuelle müssen in der Politik immer noch ungleich besser sein, um als Politiker ebenso geschätzt zu werden wie Heterosexuelle. Aber die Probleme, die man hat, sind doch erheblich geringer geworden gegenüber denen in den 70er- oder 80er-Jahren. In den 80er-Jahren war das noch bei allen Parteien jenseits der Grünen ein Karrierekiller und nicht ein Karriereknick.

Und heute kann ein Jens Spahn als bekennend Homosexueller in der CDU Karriere machen.

Ich frage mich, ob Jens Spahn die gleiche Karriere machen würde, wenn er nicht einzahlen würde in die Kasse der Behauptung, dass eigentlich die Muslime, die Fremden, die Ausländer die größte Gefahr für unsere Freiheit sind. Er bedient da minderheitenfeindliche Motive, und ich finde, als Minderheitenpolitiker sollte man eine Sensibilität dafür haben, wo andere Gruppen ausgegrenzt werden und wo man Vorurteile nährt. Der Mechanismus, dass man Gruppen aufgrund einer Eigenschaft ausgrenzt, der ist das zentrale Problem. Die Minderheiten und Gruppen sind in gewisser Weise austauschbar.

Homosexuelle Politiker sind Minderheitenpolitiker?

Wir Homosexuellen sind eine Minderheit, wir werden es auch bleiben – auch entgegen von Wahnfantasien mancher Rechten. Wir haben in den letzten drei Jahrzehnten viel erreicht. Aber andere Gruppen sind dafür ins Fadenkreuz gekommen.

Blicken wir mal auf den Beginn ihrer politischen Karriere. Die Bundestagsverwaltung hat Ihnen in den 80er-Jahren das Telefon abgestellt, weil sie die Ansage „Schwulenreferat“ störte.

Die Worte „Schwule“ und „Lesben“ galten zu der Zeit, als ich im Bundestag als Mitarbeiter angefangen habe – das sind im Herbst 30 Jahre – im Parlament noch als unparlamentarisch. Ich habe auch Anfragen konzipiert zur Lage der Urninge und Urninden in Deutschland. Denn „Schwule“ und „Lesben“ durfte man nicht schreiben.

Ur… was?

Urning ist die historisch erste Selbstbeschreibung von Schwulen und Lesben, einer Wortschöpfung von Karl Heinrich Ulrichs, einem Jurist und großen Heroen aus dem 19. Jahrhundert. Er hat als erster Mann 1867 gegen die Strafbarkeit der Homosexualität plädiert. Er hat seine Rede auf Latein gehalten und wurde trotzdem niedergebrüllt.

Wie und wann haben Sie überhaupt gemerkt, dass Sie schwul sind?

Das war in der Schulzeit, das Jahr kann ich gar nicht genau benennen. Ich bin aufgewachsen mit der Idee: Es gibt niemand anderen auf der Welt, der so empfindet wie du. Und das einzige, das man über homosexuelle Handlungen las, war auf den bunten Seite der Tageszeitung, wenn es irgendwelche Kriminalität gab gegen Schwule. Das war natürlich kein guter Identifizierungs- und Andockpunkt.

Und als Sie sich dann geoutet haben?

Im Elternhaus war das natürlich ein großes Drama.

Und im Freundeskreis?

Das war im Umfeld der Friedensbewegung. Das war ein linkes, aufgeklärtes Millieu, da war das kein großes Ding. Ich habe angefangen, Politik zu machen in meiner Zivildienstzeit. Und da war ich offen schwul. Ich habe nicht damit angefangen, das wieder zu verstecken. Später war die Auseinandersetzung mit der Thematik der Grund, warum ich in die Bundespolitik gegangen bin.

Ist es für junge Leute heute leichter sich zu outen?

Das hängt sehr stark vom privaten Umfeld ab. Man sieht bei Leuten aus dem linksliberalen Umfeld, die sich für gleiche Rechte bei der Eheschließung aussprechen, auch die Aussagen: Naja, wenn das meine Kinder angeht, ist das schon eine andere Nummer. Das nehme ich denen erst einmal gar nicht übel. Das zeigt aber, dass da viel an Aufklärung zu tun ist. Es gibt heute mehr Unterstützungsmöglichkeiten. Zumindest in den großen Städten gibt es Jugendzentren für lesbische und schwule Menschen, an die kann man sich wenden. Man muss nicht, wie in meiner Jugend, in düstere Kaschemmen gehen…

… war das so schlimm?

Ja, in meiner Jugend in Stuttgart waren die Schwulenkneipen im Rotlichtviertel und entsprechend viel Mut musste man aufbringen, um da als junger Mann hinzugehen. Und heute ist in Köln in meiner Straße ein Jugendzentrum für Schwule und Lesben. Wenn ich da dran vorbeigehe, denke ich immer: Wie schön, dass das heute möglich ist, da haben wir doch einiges erreicht.

Was muss sich denn noch tun gesellschaftlich?

Wir müssen noch viel tun an den Schulen. „Schwule Sau“ ist immer noch ein Schimpfwort auf den Schulhöfen. Wir müssen unabhängig vom Thema Sexualaufklärung das Thema sehr alterssensibel angehen. In allen Fächern und auch sehr früh muss klar gemacht werden: Menschen sind unterschiedlich, es gibt nicht nur Heterosexuelle. Manche Männer lieben auch Männer und manche Frauen lieben auch Frauen, und das ist völlig okay. Man kann aber durchaus im Kindergartenalter schon Geschichten erzählen von unterschiedlichen Familienformen. Da geht es nicht um Sexualität, sondern um Respekt für die Gleichheit der Verschiedenen. Jeder sollte die Chance haben, ohne Angst unterschiedlich sein zu dürfen.

„Ohne Angst“ ist ein gutes Stichwort: Sie werden von Homosexuellen und Menschenrechtlern regelrecht verehrt und von der Gegenseite verachtet. Ist so ein Leben zwischen Achtung und Verachtung nicht auf Dauer tierisch anstrengend?

Es ist tierisch anstrengend. Und natürlich ist man ungern eine Hassikone. Aber deshalb sind auch solche Ehrungen manchmal ganz schön. Die laden dann die Batterien wieder auf. Man kann nicht Everybody’s Darling sein, wenn man etwas voranbringen will. Sondern man muss vorangehen und auch bereit sein, sich in harte Auseinandersetzungen zu begeben. Eigentlich bin ich ein total konfliktscheuer Mensch. Aber wenn man allen Konflikten aus dem Weg geht, erreicht man nichts.

Seit 1994 sind Sie für die Grünen im Bundestag, so wie es aussieht, werden Sie jetzt im September ausscheiden. Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach?

Erst einmal nachdenken, lesen und vielleicht auch mal etwas schreiben.


Volker Beck

Der 1960 in Stuttgart geborene Bundespolitiker trat 1985 den Grünen bei und war von 1987 bis 1990 als Schwulenreferent der Grünen-Bundestagsfraktion tätig. 1994 wurde er selbst in den Bundestag gewählt. Er setzte sich für die Öffnung der Ehe für Homosexuelle sowie für die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus und gegen Diskriminierung von Minderheiten ein. Seit 2014 ist er außerdem Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe des Bundestages. Nachdem die Berliner Polizei im vergangenen Frühjahr Drogen bei ihm gefunden hatte, ist er nicht länger innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion und fungiert aktuell als migrations- und religionspolitischer Sprecher. Dem neuen Bundestag, der im Herbst 2017 gewählt wird, wird der 56-jährige Kölner voraussichtlich nicht mehr angehören. Seine Parteikollegen verwehrten ihm bei der Aufstellung der NRW-Landesliste im Dezember einen aussichtsreichen Listenplatz. Im vergangenen Bundestagswahlkampf war er wegen früherer Aussagen zur teilweisen Entkriminalisierung von Pädosexualität in Kritik geraten, von denen er sich später distanzierte.

Beck erhielt unter anderem schon das Bundesverdienstkreuz am Bande für seinen Einsatz für die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus (2002) und den Zivilcouragepreis des Berliner CSD (Christopher Street Day) e.V. (2006). 2005 wurde er außerdem von der US-amerikanischen Gruppe „Equality Forum“ zum „Homo-Helden“ erklärt. Volker Beck ist verwitwet und lebt in Köln.

Rosa-Courage-Preis

Der Rosa-Courage-Preis wird in Osnabrück seit 1992 während der schwul-lesbischen Kulturtage ,,Gay in May“ verliehen. Mit der Auszeichnung würdigen die Veranstalter herausragendes Engagement für die Belange von Lesben und Schwulen. Prominente Preisträger der vergangenen Jahre sind unter anderem die Politikerin Claudia Roth (Grüne), der Filmemacher Wieland Speck, der Autor Lutz van Dijk, die Kabarettistin Maren Kroymann, die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit. Die feierliche Übergabe des Preises findet am Montag, 22. Mai, um 18 Uhr im Friedenssaal des Rathauses statt.

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