Umgang mit Trauma nach der Flucht Als Kind schon Leichen gesehen – Flüchtlingskinder in Osnabrücker Kitas


Osnabrück. Wie geht man mit Kindern um, die bereits im Kleinkindalter Leichen gesehen und Schüsse gehört haben? Die tagelang auf der Flucht waren und plötzlich ankommen in einer Stadt, in der niemand ihre Sprache versteht? Was kann man mit diesen Kindern machen? Man kann mit ihnen Türme bauen, Bilder malen, Lieder singen. Zu Besuch in einer Osnabrücker Kindertagesstätte.

Ein runder Tisch, ein Stuhlkreis und viele Buntstifte. Es ist der Morgen nach dem großen Ausflugstag. Mit dem Bus sind die Kinder des Melanchthon-Kindergartens in einen Tierpark gefahren. „Was hat euch denn da am besten gefallen?“, fragt Erzieherin Bettina Ricks. Einhellige Antwort: „Pommes!“

Eines der Kinder, das jetzt sein liebstes Tier malen soll, ist Zain. Seit einem Jahr besucht der Sechsjährige die Kita im Stadtteil Kalkhügel. „Anfangs sprach er nur einzelne Worte“, sagt Bettina Ricks. „Aber dann hat er rasend schnell seinen Wortschatz erweitert.“ Was er denn da male? „Einen Storch“, sagt Zain.

Geburtstag immer am 1. Januar

Drei Flüchtlingskinder besuchen derzeit den Melanchthon-Kindergarten, ein weiteres geht noch in die dortige Krippe. „Beide Familien kommen aus Syrien“, sagt Einrichtungsleiter Florian Wöllmer. Viele Informationen über das Schicksal der Familien haben sie nicht. Um sich überhaupt mit den Familien zu verständigen, wurden Dolmetscher von „SPuK“ – der Sprach- und Kommunikationsmittlung der Caritas – herangezogen. „Wir wissen, dass die Flucht sehr anstrengend war, dass sie in verschiedenen Auffanglagern untergekommen sind und auch, dass sie schon tote Menschen gesehen haben“, sagt Wöllmer. Was sie zum Beispiel nicht wissen: Wann die Kinder eigentlich Geburtstag haben. „Wenn die Pässe auf der Flucht verloren gegangen sind, wird oft einfach der 1. Januar eingetragen“, sagt Florian Wöllmer. Ginge es danach, würden im Melanchthon-Kindergarten am 1. Januar viele Geburtstage gefeiert werden. Doch die Kita hat sich dazu entschlossen, an dem Tag zu feiern, der ihnen von den Eltern als eigentlicher Geburtstag genannt wird.

Knapp die Hälfte der Kinder in keiner Einrichtung

Wie viele Kinder aus Flüchtlingsfamilien derzeit in Osnabrück leben, ist schwer zu sagen. Die aktuellsten Zahlen, die der Bereich Jugendhilfeplanung vorlegen kann, stammen aus November 2016. Damals waren es 379 Kinder insgesamt, von denen 35 Kinder eine Schule, 173 eine Kindertagesstätte, zwei eine Tagespflege und 169 Kinder (also rund 45 Prozent) gar keine Einrichtung besuchten. Die meisten Kinder, die gar keine Einrichtung besuchen, nämlich rund 87 Prozent, sind allerdings unter drei Jahre alt. Dennoch: Wenn es nach Karsten Herrmann vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (Nifbe) ginge, sollten noch viel mehr Kinder in Krippen und Kindergärten gehen. Denn auf keine Weise lernen Kinder schneller eine Sprache als im Spiel.

Kita-Leiter Florian Wöllmer war erstaunt darüber, wie schnell sich die Flüchtlingskinder in den Kita-Alltag eingefunden haben. Foto: Michael Gründel

Traumapädagogik

Genaue Richtlinien, wie in Schulen und Kitas mit traumatisierten Kindern umzugehen ist, gibt es nicht. Nifbe beschäftigt sich derzeit jedoch intensiv mit dem Thema „Kinder mit Fluchterfahrung“, hat unter anderem ein Themenheft über Traumapädagogik erstellt und arbeitet derzeit an einer Qualifizierungsinitiative, die sich grundsätzlich mit dem „Umgang mit Vielfalt“ beschäftigt, also mit Kindern mit Migrations- und Fluchthintergrund, Kindern mit Handicaps oder Kindern aus sozial schwachen Familien. Zwölf Schlüsselthemen hat das Institut zusammengestellt, die Kitas Orientierung beim Umgang mit Flüchtlingskindern bieten sollen. Darunter Punkte wie „Kita als sicherer Ort“, „Die Kraft der Gruppe“ oder „Eltern mitnehmen“. (Weiterlesen: Ein halbes Jahr nach Eröffnung: Wie läuft es in der Schweiger-Kita?)

„Letztlich gibt es wenige Themen, die Flüchtlingskinder betreffen, die nicht ohnehin schon Thema in der Kita sind. Traumatisierte Kinder gab es schon immer“, sagt Karsten Herrmann. Kinder, die sexuell missbraucht oder zu Hause geschlagen wurden. Kinder, bei denen das Trauma schwerer zu erkennen ist. Wer Flüchtlingskinder betreut, der weiß, dass diese vermutlich vorbelastet sind. „Ein Trauma lässt sich bei Kindern allerdings nicht stichhaltig diagnostizieren“, sagt Herrmann. Manchmal äußere es sich in einer Abneigung von körperlicher Nähe, in einer ständigen Übererregung, im aggressiven Verhalten oder im genauen Gegenteil, dem Rückzug. Aus pädagogischer Sicht müsse im Grunde „nichts anders“ gemacht werden, so Herrmann. „Es braucht einfach noch mehr Zeit, Geduld und Empathie – Dinge, die bei dem derzeitigen Personalschlüssel jedoch oft kaum machbar sind.“

Alltag gibt den Kindern Sicherheit

Auf dem Flur des Melanchthon-Kindergartens liegen sandverkrustete Gummistiefel, Hausschuhe und Kindergartentaschen. Zains Storch ist fertig, jetzt versucht er sich an einem Hasen. „Manchmal erzählt Zain von den toten Menschen, die er gesehen hat“, sagt Florian Wöllmer. Das sei jedoch eher selten und geschehe eher auf Nachfrage. Was man jedoch merke: „Der geregelte Alltag tut den Kindern gut. Es tut ihnen gut, dass sie Zeit haben, in Ruhe zu spielen und dass sie endlich einmal längere Zeit an einem Ort verbringen. Es war erstaunlich für uns, wie schnell Zain und seine Schwester sich an den Rhythmus unserer Kita gewöhnt haben.“ Dass sie mit Kindern zusammen spielen, die Schreckliches auf ihrem Weg nach Deutschland erlebt haben, ist den anderen Kita-Kindern nicht bewusst. In der Kita mischen sich Nationalitäten, Sprachen und Hautfarben. Wer also die Kita betritt mit dem Vorhaben, nach „den Flüchtlingskindern“ Ausschau zu halten, wird etwas Hilfe bei der Suche benötigen.


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